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12./13. Segeltörn 1988 - 2. Teil eine Woche BR-/BK-Ausbildung nördliche Adria 24. bis 30. April 1988

Crew und Skipper
Crew und Skipper
Gießen | Nach einer schöpferischen Pause seit Mai 2013 versuche ich nun mit dem Bericht weiter zu machen. Da sich nicht so viele für diese Berichte interessieren, hat es sicher nicht geschadet.
Für mich ist es eine schöne Aufarbeitung der Törns und gleich- zeitig eine Festhaltung, Archivierung von Texten und Bildern, die ich so bisher nicht hatte.

Zweiter Teil:

Sonntag 24. April 1988. Nach der gestrigen Siegesfeier sind wir heute sehr früh aufgestanden, das Schiff muss noch aufgeräumt und geputzt werden für den heutigen Crewwechsel. Den An- schlusstörn, es ist mein 1. um einen BK-Prüfling auszubilden, fahre ich auch als verantwortlicher Ausbilder.
Diesen Schein habe ich selber schon seit 1984 und er war Voraussetzung dafür für die Segelschule AfS als Ausbilder tätig zu werden.
10 Uhr verlässt die Mannschaft das Schiff, es kehrt Ruhe ein. Mal sehen wann die neue Crew einläuft.
Gegen 15 Uhr sind sie da. Morgens hatte es leicht geregnet, nun scheint die Sonne bei einem Wind aus NE mit Stärke 4 - 5, der nun nachlässt und nur noch als leichte Brise weht.
Die Neuen richten sich an Bord
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ein und ich mache die übliche Einweisung in das Schiff, die Sicherheits- und Rettungsmittel. Dann gehen wir zu einem Begrüßungsschluck in das ACY-Restaurant. Dort essen wir auch zu Abend. Bevor es dann in die Koje geht schaue ich mir noch den Wetterbericht vom Tage an, der wie immer in der Marina aushängt. Für den morgigen Tag Adria SE-SW 1 Bft. Für heute waren für Rijeka E 6-7 und Bora in Böen bis 9 angegeben gewesen. Ein kleines Gefühl davon hatten wir heute früh noch mitbekommen.

Montag 25. April 1988. Nach klarmachen, tanken und Permit besorgen geht es um 10 Uhr los. Ziel heute Rovinj. Gleich Verlassen des Hafens zur Sicherheit für alle, die obligatorischen Boje-Über-Bord-Manöver. Schon im eigenen Interesse. Sollte ich über Bord gehen dann möchte ich auch sicherstellen, dass die Crew weiß wie sie mich wieder rausfischen kann. Nach einer Stunde manövrieren nehmen wir eine Kreuzpeilung mit dem Hotel und dem Schornstein in Umag und dazu das Kap Savudrija. Somit haben wir einen genauen Wahren Ort, der als Ausgangspunkt in die Karte eingetragen wird.
Der Wind dreht langsam von SW auf WSW und nimmt dabei etwas zu. Jetzt können wir die Segel setzen, also Groß und Fock hoch und Maschine aus. Kurz darauf kann die Fock gegen die Genua getauscht werden. Gegen 16:30 Uhr können
Leinen los, Kurs Süden
Leinen los, Kurs Süden
wir in die U. Soline am Ausgang des Limski-Kanals einlaufen und dort auf 4 Meter Wassertiefe ankern. Eine Stunde später geht es unter Segeln(Fock gegen Genua getauscht) Anker auf. Kurz vor zwanzig Uhr laufen wir in Rovinj ein und legen uns in der Marina an einen Schwimmsteg längsseits an Steuerbord. In der nahe gelegenen Altstadt essen wir eine Kleinigkeit. Um 23:30 Uhr am Schiff zurück und verholen es auf die andere Seite. Beim dem nun vorherrschenden auflandigen Wind scheint mir dies für eine ungestörte Nachtruhe ratsam.

Dienstag 26. April 1988. Wir wollen nach Pula. Es ist bedeckt. Nach dem Frühstück können wir um 9 Uhr ablegen. Zuerst werden im Hafen 2 Stunden An- und Ablegen, dazu alle anderen Hafenmanöver geübt. Dann verlassen wir den Hafen durch die südwestliche Hafenausfahrt. Nach dem Umfahren einer vorgelagerten Insel werden wir von einem Marinefahrzeug gestoppt und müssen unseren Kurs ändern. Es finden Seemanöver statt. Der Offizier meint ob wir den entsprechenden Anschlag im Hafen nicht gesehen hätte. Auf unsere Verneinung gibt er uns die Koordinaten des gesperrten Gebiets. Eine sofort durchgeführte genaue Ortsbestimmung gibt uns die Möglichkeit einen Kurs in der Karte festzulegen, der uns um das Sperrgebiet herum führen wird. Gerade als wir Segel setzen hören wir die Abschüsse ganz in der Nähe und können die im Wasser einschlagenden Granaten sehen.

noch etwas skeptische Blicke
noch etwas skeptische Blicke
Es wird nun Zeit sich um die BK-Ausbildung für Jürgen zu kümmern. Ich lasse ihn einige Horizontalwinkelmessungen durchführen. Peilobjekte gibt es zur Genüge. Dazu etwas später mit dem Funkpeiler noch einige Funkstandlinien erarbeiten, wobei wir der Meinung sind, die ermittelten Werte sind für eine genau Peilung und damit Ortsbestimmung zu ungenau und sollten nur den Landfall an einer unbekannten Küste durch vorsichtige Annäherung erleichtern, bis mit Peilungen auftauchender Landmarken die genaue Feststellung des Standortes möglich ist.

Den Außenhafen von Pula erreichen wir gegen 16:30 Uhr, starten Maschine und bergen die Segel. Dann laufen wir unter langsamer Fahrt durch den äußeren Hafen zur ACY-Marina hinter der Werft. Kurz vor 18 Uhr liegen wir in der Marina fest an den Muringleinen. Es ist hier unser südlichster Hafen in dem wir heute liegen. Morgen geht es wieder nach Norden.
Es ist noch recht früh am Tag, so machen wir einen ausgiebigen Landbummel. Dies ist hier bei den alten Bauten, zum Teil noch aus der Römerzeit angezeigt. Siehe hierzu den Bericht über den 1. Teil des Ausbildungstörns.

Der Kandidat für den BK-Schein
Der Kandidat für den BK-Schein
Später am Abend landen wir in einem typischen Istrischen Lokal. Hier gibt es neben Fisch- und Fleischplatten auch so genannte Süßspeisen, die aus der K und K Zeit überliefert wurden. Satt und glücklich geht es zur Marina und in die Kojen zurück.

Mittwoch 27. April 1988. Bevor wir heute zurück nach Rovinj segeln müssen erst noch üben, im Hafen die Anlege- und auch Boje über Bordmanövern. Um 9 Uhr verlassen wir dann den Außenhafen unter gesetzten Segeln bei angenehmen 2 Bft. aus NW. Wir wollen noch etwas südlicher in die Verudabucht, in die wir gegen 14 Uhr einlaufen und dort auf 5 Meter Wassertief ankern. Zwei Stunden bleiben wir hier, kochen und faulenzen in der Sonne.
Pünktlich um 15:20 Uhr Maschine an, Anker auf und Kurs Norden, nach Rovinj dem heutigen Tagesziel.
Der Wind hat sich mit Stärke 2 auf NW eingerichtet, so setzen wir die Genua und das Groß und können flott 020° Richtung NE, die Küste entlang segeln. Auf Höhe Pula beschließe ich die Passage durch den Fazanski-Kanal zu nehmen. Jahrelang gesperrt, ist es nun wieder möglich dicht an der Insel Brioni entlang zu segeln und auch eine gute Übung für meine Schüler. 19 Uhr. Die Insel Ivan na Puccini, die Rovinj vorgelagert
Die Segel stehen voll an Backbord
Die Segel stehen voll an Backbord
ist kommt in Sicht. Wir haben die Fahrtlichter gesetzt und unter stetigem peilen der Kennung des Leuchtturms auf der Insel laufen wir die südliche Einfahrt von Rovinj an. Um Mitternacht liegen wir dann in der Marina an Muring und Leinen fest. Ab in die Kojen. Ein langer Tag liegt hinter uns.

Donnerstag 28. April 1988. Wetternachrichten aus dem Marinabüro sind gut. Klarmachen zum Ablegen 10:00. Bis 12 Uhr dann Hafenmanöver mit An- und Ablegen aus allen Lagen.
Als wir den Hafen verlassen hat der Wind zugelegt, also wird die Genua im Segelsack verstaut und dafür die Fock gesetzt. Wir machen auch ein Reff in das Groß denn der Wind hat schnell auf 4Bft. aus SE zugenommen und der Seegang steht bei 3-4. Es war nur eine kurz durchlaufende Regenfront. Eine Stunde, dann kann das Reff ausgeschüttet werden. Eine Stunde später muss dann der Motor gestartet werden Der Wind kommt nun von vorn und nur noch mit 2 Bft. Da ist an Aufkreuzen nicht zu denken. Es geht an Altijez, Plic Maja und Plic Civran vorbei Richtung Umag. 15:42 ist Novigrad querab an Steuerbord. Eine Stunde später ist die Hafeneinfahrt von Umag erreicht. Wenige Minuten darauf liegen wir an unserem Platz in der Marina. Feierabend, heute gehen wir in die Marina zum Essen.

Leichte Schräglage auf Steuerbordbug
Leichte Schräglage auf Steuerbordbug
Freitag 29. April 1988. Der Blick aus der Luke zeigt einen bedeckten Himmel, es ist aber noch trocken. Gut so, denn wir müssen an Land um eine neue Gasflasche für 2.000 Dinar zu besorgen. Es ist heute mit keiner Wetteränderung zu rechnen. Ich hatte mich am Vorabend im Marinabüro informiert. Um 09:45 können wir ablegen und laufen erstmal unter Maschine unter Kompasskurs 329°. Da der Wind dann von Nord auf Nordnordost (N- NNE) bei leichter Zunahme auf 2-3 Windstärken zunimmt, können wir Segel setzen und kommen gut voran. RT Savudrija haben wir bereits um 10:30 querab an Steuerbord. Wenige Minuten später heißt es „Klar zur Wende“, wir können nach Sicht Piran anliegen. Es ist 13:00 als wir die Hafeneinfahrt erreichen. Nach dem Kommando „Lasst fallen Segel“ werden diese geborgen und unter Maschine laufen wir in den Hafen ein, steuern die Tankstelle an. Tanken 51 Liter Diesel und zahlen dafür 30.420 Dinare. Die Tankpause nutzen wir für eine kleine Mahlzeit. Wir werden heute im Prüfungsgebiet noch einige Manöver fahren, dazu müssen wir gestärkt sein.
!5:00 Uhr. Zeit zum Auslaufen. Maschine an und Leinen los. Der Anleger beim Hotel Bernadin ist unser Ziel. Dort wird An- und Ablegen geprüft werden und das wollen wir heute intensiv üben. Eineinhalb Stunden werden unter Maschine alle Manöver gefahren. Vor-, seit- und Achterwarts sowie Boje, d. h. Mann über Bord. Dann laufen wir die Marina Portoroz an. Dort wird uns der Prüfer Morgen erwarten.
Jetzt das Ganze vom Mast aus betrachtet
Jetzt das Ganze vom Mast aus betrachtet
Kurz vor der Marina nehmen wir ein Starboot in Schlepp. In der Flaute kommen die unter Segel nicht mehr voran und hatten nur ein kleines Paddel. In der Marina erhalten wir einen Liegeplatz angewiesen, an dem wir 17:00 in der Box, klar bei Vor- und Achterleinen festmachen konnten. Heute gibt es nur Bordver- pflegung, es geht bald in die Kojen, denn morgen geht es früh los.

Samstag 30. April 1988. Bin um acht Uhr schon unterwegs um uns zur Prüfung anzumelden. Wir haben Glück. Bereits um 09:15 kommt der Prüfer Herr Matzke, ein sehr sympathischer älterer Herr an Bord und es geht los.
Wir fahren unter Maschine raus in die Bucht von Portoroz uns absolvieren dort das ganze Prüfungsprogramm für BR- und BK-Praxis. Bei gutem Wind geht es schnell vonstatten und auch die Maschinenmanöver klappen zur Zufriedenheit des Prüfers. Sogar das Anlegen unter Segeln(Für BK-Schein gefordert) gelingt perfekt. Nebenbei muss der BK-Prüfling Jürgen noch seine Peilungen mit dem Sextanten machen. Auf die Peilungen mit dem Funkpeiler verzichtet
im Zwielicht hängen wir bei einem anderen Schiff den Adenauer verkehrt herum auf
im Zwielicht hängen wir bei einem anderen Schiff den Adenauer verkehrt herum auf
der Prüfer, lässt sie sich nur theoretisch erklären. Auch deren Ergebnis und die Sextanten Prüfung befriedigen Herrn Matzke, sodass er die Prüfung um 11:20 für beendet erklärt. Er beglückwünscht die Kandidaten zur bestandenen Prüfung, aber nicht ohne noch einige Ermahnungen für die Zukunft auszusprechen. Dann geht er von Bord, steigt auf ein längsseits kommendes anderes zu prüfendes Boot über. Wir nehmen Fahrt unter Segeln auf.
Da wir morgen noch das Schiff in Umag abgeben müssen, geht es auf kürzestem Weg dorthin zurück.
Dank des gut stehenden Ostwindes kommen wir dort bereits um 15:10 an. Kurz vor der Hafeneinfahrt werden die Segel geborgen, d.h. das Großsegel für eventuelle Manöver bei ausfallender Maschine noch bereitgehalten. Mit langsamer Fahrt geht es unter Maschine die letzte Meile bis zum Liegeplatz.
Dort Leinen fest, Maschine aus bei:

184 Gesamtseemeilen, davon nur 52 unter Maschine

ein gutes Verhältnis für einen Segeltörn.

Nun wird das Schiff zur Übergabe am nächsten Tag fertig gemacht. Heute Abend geht es in das Lokal drüben im Hafen, wo ich bereits an einigen Siegesfeiern teilgenommen habe.

Es war ein guter Törn, obwohl es zuerst nicht danach aussah. Verloren haben wir nur ein Glas. Das ist zu verschmerzen.

Alle Mann an Deck, Besanschot an
Alle Mann an Deck, Besanschot an
Als wir zum Schiff zurückkommen fällt den übermütigen Scheininhabern ein, das es ein alter bayrischer Brauch fällig sei. Aber was?
Die Mannschaft der neben uns liegenden Yacht ist uns unangenehm aufgefallen, denen wird ein Streich gespielt. Erwin knüpft die Bundesflagge am Achterstag, den so genannten „Adenauer“ los und verkehrt herum wieder an! Mal schauen ob sie es bemerken?

Am anderen Morgen, Sonntag 1. Mai 1988 packen wir unser Gepäck zusammen und verstauen es in dem Pkw mit dem wir gekommen sind. Die Mannschaft von dem neben uns liegenden Schiff ist auch schon wach und legt gerade ab. Keiner bemerkt die falsch herum angeschlagene Flagge. Erst als sie schon einige Entfernung gefahren sind, rufen wir ihnen zu, sie sollten sich einmal um ihre „NATIONALE“ kümmern.
Großes Hallo! Wir winken gute Fahrt und es geht los, zurück nach München.

Alle Fotos und Text H. Peter Herold

Crew und Skipper
Leinen los, Kurs Süden
noch etwas skeptische Blicke
Der Kandidat für den BK-Schein
Die Segel stehen voll an Backbord
Leichte Schräglage auf Steuerbordbug
Jetzt das Ganze vom Mast aus betrachtet
im Zwielicht hängen wir bei einem anderen Schiff den Adenauer verkehrt herum auf
Alle Mann an Deck, Besanschot an
Längsseits im Päckchen
ACY-Marina in Umag
Fertig, sitzen auf gepackten Koffern
Skipper verlässt als Letzter das Schiff

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Herzlichst, Ihr(e) H. Peter Herold

von:  H. Peter Herold

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Interessensgebiet: Gießen
H. Peter Herold
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