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Heute vor 80 Jahren: Das KZ Dachau öffnet seine Tore

Der lila Winkel auf der Originalhäftlingsjacke eines Zeugen Jehovas (Foto: JZ)
Der lila Winkel auf der Originalhäftlingsjacke eines Zeugen Jehovas (Foto: JZ)
Gießen | Dachau Als eines der ersten Konzentrationslager überhaupt eröffneten die Nationalsozialisten heute vor 80 Jahren, am 10. März 1933, das frühe KZ Dachau. Barbara Distel, ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte bei München, fasst seine Bedeutung zusammen: „Mit dem KZ Dachau begann ein Terrorsystem, das sich nach kurzer Zeit jeglicher Überwachung durch Justizbehörden entzog. Dachau wurde zum Modell und Musterlager, zur Mörderschule für die Angehörigen der SS.“ Nur wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung begannen so 12 Jahre der systematischen Entrechtung, Versklavung und Ermordung Andersdenkender im KZ.
Was bis heute viele nicht wissen: Ein großer Teil der frühen KZ-Häftlinge gehörte der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen an. Der Historiker Dr. Detlef Garbe sagt dazu: „In den Vorkriegsjahren […] stellten die Zeugen Jehovas zahlenmäßig eine nicht unerhebliche Gruppe. In der Regel betrug ihr Anteil an der jeweiligen Belegstärke der Konzentrationslager zwischen fünf und zehn Prozent. Teilweise lag ihr Anteil auch noch weit höher; in einzelnen Lagern bildeten sie zeitweilig sogar die stärkste Häftlingsgruppe.“ Es waren so viele, dass die Nationalsozialisten die Bibelforscher, wie sie sich bis 1931 nannten, als einzige Religionsgemeinschaft überhaupt mit einem eigenen Häftlingsabzeichen stigmatisiert haben: dem lila Winkel.
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Konzentratinslager (1)Jehovas Zeugen (218)Dachau (1)
Die Art und Weise, wie Jehovas Zeugen das Christentum auslebten, quittierte Hitler mit brutaler Gewalt. Vor allem ihr biblisches Konzept der Gleichheit aller Menschen und ihre Wehrdienstverweigerung waren ihm ein Dorn im Auge: „Diese Brut wird aus Deutschland ausgerottet werden!“, hatte er gebrüllt. Danach begann die Jagd: Über 12 000 Zeugen Jehovas kamen in Haft, fast 4 500 ins KZ – ca. 700 allein nach Dachau. Unter den mehr als 1 500 Todesopfern sind über 350, die für ihre Wehrdienstverweigerung hingerichtet wurden. Das „Ausrotten“ ist den Nationalsozialisten jedoch misslungen. 1933 gab es in Deutschland nur 20- bis 25 000 Zeugen Jehovas. Heute sind es zehnmal mehr: 220 000.

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Kommentare zum Beitrag

Stefan Walther
4.192
Stefan Walther aus Linden schrieb am 10.03.2013 um 21:26 Uhr
Jura Soyfer: Das Dachaulied

Stacheldraht, mit Tod geladen,
Ist um unsre Welt gespannt.
Drauf ein Himmel ohne Gnaden
Sendet Frost und Sonnenbrand.
Fern von uns sind alle Freuden,
Fern die Heimat und die Fraun,
Wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,
Tausende im Morgengraun.
Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.
Bleib ein Mensch, Kamerad,
Sei ein Mann, Kamerad,
Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad:
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Vor der Mündung der Gewehre
Leben wir bei Tag und Nacht.
Leben wird uns hier zur Lehre,
Schwerer, als wir's je gedacht.
Keiner mehr zählt Tag' und Wochen,
Mancher schon die Jahre nicht.
Und so viele sind zerbrochen
Und verloren ihr Gesicht.
Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.
Bleib ein Mensch, Kamerad,
Sei ein Mann, Kamerad,
Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad:
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Heb den Stein und zieh den Wagen,
Keine Last sei dir zu schwer.
Der du warst in fernen Tagen,
Bist du heut schon längst nicht mehr.
Stich den Spaten in die Erde,
Grab dein Mitleid tief hinein,
Und im eignen Schweiße werde
Selber du zu Stahl und Stein.
Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.
Bleib ein Mensch, Kamerad,
Sei ein Mann, Kamerad,
Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad:
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Einst wird die Sirene künden:
Auf zum letzten Zählappell!
Draußen dann, wo wir uns finden,
Bist du, Kamerad, zur Stell.
Hell wird uns die Freiheit lachen,
Schaffen heißt's mit großem Mut.
Und die Arbeit, die wir machen.
Diese Arbeit, sie wird gut.
Denn wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.
Bleib ein Mensch, Kamerad,
Sei ein Mann, Kamerad,
Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad:
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!
Dieter Petersen
1.435
Dieter Petersen aus Gießen schrieb am 11.03.2013 um 00:07 Uhr
Für mich ist u.a. schlimm, dass in diesen KZ`s nicht nur alles Befehl war. Wenn die Doku Filme nur halbwegs stimmen, sieht man immer wieder, das dort geltungsbewußte oder sogar verhaltensgestörte Vorgesetzte gerne die Menschen so behandelt haben. Desweiteren bin ich auch davon überzeugt, wie Frau Gülmez, dass es in dieser Sekunde irgendwo in der Welt ähnliche Lager noch gibt und weiter geben wird.
Kurt Wirth
1.397
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 11.03.2013 um 10:23 Uhr
Die pazifistische Konsequenz der Zeugen Jehovas während des Faschismus ist bewundernswert. Inzwischen gibt es auch verschiedentlich "Stolpersteine" für sie, z.B. in Köln und Elmshorn. In der katholischen Kirche war es eine verschwindende Minderheit, die sich konsequent verhielt: man googele nach "Pfarrer Joseph Metzger" und "Michael Lerpscher". Beide wurden im Zuchthaus Brandenburg wegen ihrer Kriegsdienstverweigerung hingerichtet.

Mein Vater wurde als Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands in Kempten unmittelbar nach dem Reichstagsbrand festgenommen und zunächst ein paar Wochen in das Gefängnis Weiler im Westallgäu in "Schutzhaft" gebracht. Von dort kam er in das im Aufbau begriffene KZ Dachau, wo er (als Schrift"setzer") einem Ofensetzer beim Ausbau der SS-Unterkünfte als Helfer zugeteilt wurde. Der Hunger sei für ihn das Schlimmste gewesen, erzählte er später, wenn er überhaupt mal davon erzählte. Das Zweitschlimmste: zuzusehen, wie neben ihm Häftlinge mit Holzknüppeln totgeschlagen wurden. Eine Ehefrau eines SS-Mannes entwickelte allerdings menschliche Züge: Sie gab meinem Vater abends immer eine Kanne Kakao und einen Kipf Brot mit ins Lager, was dort sehnsüchtig erwartet wurde.

Den ersten international bekannt gewordenen Bericht über das KZ Dachau schrieb der daraus geflohene Kommunist Hans Beimler:"Im Mörderlager Dachau" (neu beim papyrossa-Verlag Köln, 2012).

Mein Vater erhielt zwar noch 1933 einen Schrieb vom Generalstaatsanwalt beim OLG München, wonach das Verfahren wegen Hochverrats gegen ihn eingestellt worden sei. Aus Dachau entlassen wurde er aber erst 1936.

Nach dem Krieg ging ich als Kind des öfteren mit ihm in Kempten spazieren. Wir trafen gelegentlich auf einen in einer Asphaltkolonne arbeitenden kräftigen Mann mit braungebranntem blanken Oberkörper und weißen Haaren. Mein Vater unterhielt sich fast kameradschaftlich mit ihm. Auf meine Frage, wer das sei: "Das ist der Zirnstein Bene (Benedikt). Der war in Dachau in der SS-Wachmannschaft. Dem geht es jetzt nicht mehr ganz so gut. Aber den eigentlich Schuldigen ist nichts geschehen!". Womit er die Finanziers der Nazis, den gereinigten Beamtenapparat, vor allem der Justiz und die Wehrmachtsgenerale meinte.

Die Tragik an der Sache war m.E., daß alle der späteren "Opfergruppen" die Gefahr der Nationalsozialisten zu lange unterschätzt haben und in ihren Einigungsbemühungen gegen die Faschisten nicht ernst und konsequent genug waren.
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