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Mittelalter: Ein „finsteres“ Kapitel? Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Lutz v. Padberg an der FTH

Gießen | Anfang Februar hielt Prof. Dr. Lutz E. v. Padberg seine Abschiedsvorlesung an der Freien Theologischen Hochschule Gießen (FTH) und widmete sie seinem Forschungsschwerpunkt, dem sogenannten „finsteren Mittelalter“. Der Mediävist von Padberg war 27 Jahre Dozent an der FTH, leitete die Abteilung für Historische Theologie und war zuletzt auch Forschungsdekan an der privaten Hochschule in Gießen.
In seiner Abschiedsvorlesung setzte der Kirchenhistoriker der „schlechten Presse“ und ihren „Totschlagargumenten“ über das Mittelalter bessere Fakten entgegen. Die heutige Sicht auf das Mittelalter sei „entzweit“, so v. Padberg. Zum einen diene die Epoche als „Diffamierungsbegriff“ für konservative Einstellungen und ließe von daher das Mittelalter als für die heutige Zeit irrelevant erscheinen. Zum anderen staune man jedoch über diese Zeit und nutze sie gerne als lukrativen Wirtschaftsfaktor, wie z.B. auf dem Büchermarkt, in der Filmbranche oder in Sachen Kultur- und Freizeitangebote. Das wahre Mittelalter, in historischer Reflexion, komme leider kaum zu Wort. Stattdessen projiziere man eine Gegenwartsperspektive in die Vergangenheit hinein.
Warum erscheine dem modernen Mensch diese Zeit als „finster“? Nach v. Padberg liege das nicht bloß an der überzogenen und oft falsch verstandenen Gottgläubigkeit, sondern viel mehr an der „alltäglichen Vergegenwärtigung des Teufels“. Die Menschen hatten ein starkes Bewusstsein, sich mitten in der Heilsgeschichte (Geschichte Gottes mit den Menschen) zu befinden, eben im „Mittelalter“. Hinter Gerichtsverfahren, wie dem „Gottesurteil“ und anderen Strafmethoden, habe die Suche nach dem Vollkommenen gesteckt, nach dem, was über den eigenen Zeitabschnitt hinausgeht. Das Gegenbild dazu sei die Verklärung der Antike, bei der man die finsteren Seiten der römischen Periode allerdings scheinbar vergessen habe.
Dass der Blick in die Geschichte manchmal mehr über die Gegenwart sage, als über die Vergangenheit, zeige die Moderne. Gegenwärtig könne man beobachten, wie überall das Fortschrittsdenken gefördert werde. Dazu würde eine „ständige Höherentwicklung“ bis hin zur Überwindung der Grenzen von Leben und Tod glaubhaft gemacht. Gleichzeitig übersehe man dabei die Schattenseiten unserer Zeit, wie sie exemplarisch in den Weltkriegen und im Holocaust offenbar wurden. Padbergs Fazit: Das Mittelalter sei eine genauso „finstere“ Zeit gewesen, wie jede andere Epoche auch. Aber es gab auch damals eine andere Seite: „Einen Vorzug hatte diese Epoche allemal. Sie versuchte Wertvorstellungen zu folgen, die, wenn auch oft verändert, ihren Ursprung in der Bibel haben.“ Solche Wertvorstellung neu zu entdecken, sei aller Mühe wert und für heute lohnend.

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Kommentare zum Beitrag

Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 21.02.2013 um 05:38 Uhr
Also mehr Geschichtsklitterung geht fast nicht mehr!

Der Holocaust des Mittelalters und der frühen Neuzeit waren die Hexenverbrennungen und sog. Gottesurteile als "Suche nach Vervollkommnung" zu bezeichnen, heißt, diejenigen für Volltrottel zu deklarieren, die sie ausgesprochen hatten. Als ob die nicht gewusst hätten, was sie taten, wenn sie eine der Hexerei bezichtigte Person z.B. mit Steinen beschwert ins Wasser warfen. Ertrank sie, war sie gottesfürchtig gewesen, konnte sie sich über Wasser halten, wurde sie als Hexe(r) verbrannt.

Sooo blöd, dahinter den Willen eines Gottes zu sehen war man selbst im Mittelalter nicht. Aber es war eine praktische, anerkannte und straffreie Methode, jemand los zu werden...

Warum war das Mittelalter noch finster? Weil über 80% der Bevölkerung unfreie Leibeigene waren, nicht mehr wert wie Ochs und Esel, weil die Kirche den naturwissenschaftlichen Fortschritt massiv behinderte, weil die hygienischen Zustände eine Katastrophe waren, weil es fast überall Staatsterror gegen die eigene Bevölkerung gab etc etc etc
Nicolai Franz
64
Nicolai Franz aus Gießen schrieb am 25.02.2013 um 12:02 Uhr
@Ulrike Schepp
Mit Ihrem Kommentar haben Sie sämtliche unbegründeten Vorurteile gegenüber dem "finsteren" Mittelalters bestätigt. Nur ein paar Anregungen:

1. Das Mittelalter wird nicht "finster" genannt, weil es so böse war, sondern weil es so wenige Quellen gibt und deswegen vieles "im Dunkeln" bleibt.

2. Das Mittelalter ist eine unglaublich lange Zeit (ca. 6. bis 15. Jahrhundert). Umso verwunderlicher ist, dass so oft von Hexenverbrennungen gesprochen wird. Die häufigsten und schwersten Hexenverfolgungen gab es in der Frühen Neuzeit, auch wenn vorher schon Hexen verurteilt wurden.

Diese Infos sind im Netz gut nachzulesen (auch bei Wikipedia) – schade nur, dass so viele Menschen immer noch genau das tun, was Padberg da kritisiert.
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