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Medien sind in der Lage, Meinung zu machen

Gießen | Eine Welt ohne Medien ist undenkbar: Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und seit einigen Jahren auch das Internet gehören für die meisten Menschen zum Alltag. Die Medien haben jedoch eine enorme Macht, sowie die Möglichkeit, die Denkweise und Ansichten des Einzelnen zu beeinflussen, ohne dass dieser sich dieses massiven Einflusses überhaupt bewusst ist. "Die Macht der Medien" - so hieß der Vortrag von Helmut Markwort, Chefredakteur und Herausgeber des wöchentlichen Nachrichtenmagazins "Focus", den er am Dienstagabend in der Kundenhalle der Sparkasse Gießen anlässlich des Sparkassen-Unternehmerforums hielt. Mit seinem Beitrag sorgte bei so Manchem für Staunen und auch Schmunzeln, denn anhand weniger knackiger Beispiele machte der Darmstädter Markwort deutlich, wie stark der Einfluss der Medien doch ist. Diese Macht sollten Journalisten jedoch keinesfalls missbrauchen, vielmehr sei es ihre Aufgabe - besonders im Superwahljahr 2009 - zu informieren und aufzuklären. Dabei findet Markwort besonders die Medienvielfalt wichtig, denn: "Nichts ist gefährlicher als ein Monopol". Die Medien entschieden, was und wer
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wichtig sei und wer nicht, in dem sie Nachrichten gewichteten. "Politiker, die in den Medien nicht vorkommen, sind ein Niemand", zeigte der Journalist auch, welchen Einfluss die Medien auf die Politik ausübten. Für Politiker gelte: Hineinkommen mit guten Nachrichten, draußen bleiben mit schlechten Nachrichten. Schlechte Nachrichten und nachbohrende Fragen zu brisanten Themen seien bei Politikern unbeliebt, viele mieden Nachrichtenformate wie "Monitor" oder "Panorama", gingen lieber zu Kerner, weil sie da nichts zu befürchten hätten. Und: "Viele Politiker haben regelrecht Angst vor der Bildzeitung". Journalisten gingen mit Vertraulichem oft solange vertraulich um, bis sich eine Nachricht lohne, um damit Meinung zu machen. Als Beispiel nannte Markwort die Affäre um Theo Waigel, deren Affäre mit einer Skifahrerin allen Journalisten bekannt war, aber erst veröffentlicht wurde, als Waigel gegen Edmund Stoiber um das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten kandidierte. Oft nutzten Politiker auch die Medien, um ihren Parteien Entscheidungen aufzuzwingen. Franz Müntefering etwa habe bei einem Interview mit dem "Focus" gesagt, dass er das Rentenalter auf 67 erhöhen wolle, bevor dies mit seiner Partei abgestimmt gewesen sei. Die Genossen hätten nach der Veröffentlichung gar nicht anders gekonnt, als zuzustimmen, so Markwort.
Schon im Kleinen hätten Journalisten eine enorme Macht. Der kommunale Berichterstatter habe die Möglichkeit, bei einer Parlamentssitzung zu entscheiden, welche Themen im Bericht aufgegriffen werden und welche Redner zitiert würden. Markwort verdeutlichte seine Ausführungen am Beispiel der "Tagesschau". Die ARD leiste sich mit hunderten von Auslandskorrespondenten das weltweit dichteste Netz an Berichterstattern. Diese lieferten täglich Beiträge, dazu kämen die Nachrichten der verschiedenen Agenturen. Die "Tagesschau"-Redakteure hätten nun die Aufgabe, die wichtigsten Nachrichten auszuwählen - im Schnitt zwölf bis 13 pro 15-minütiger Sendung. "Ich habe einmal den Text einer Tagesschau abtippen lassen - es war weniger als eine Seite in der FAZ", machte er deutlich, wie wenig Informationen überhaupt an die Öffentlichkeit gelangten. Dass eine Auswahl von Nachrichten immer eine subjektive Angelegenheit sei, leuchte ein. Doch nicht nur über Nachrichten lasse sich Stimmung machen - selbst Serien wie die "Lindenstraße" oder Krimis wie der "Tatort" beschäftigten sich mit aktuellen Themen und rüttelten auf. "Der Mörder kommt immer aus der Oberschicht. Die Krimis zeichnen damit ein bestimmtes Unternehmerbild". Diese Polarisierung sei noch wichtiger als die der Nachrichten, den 50 Prozent der Deutschen seien politisch nicht interessiert. Diese seien viel leichter durch andere Formate wie den "Tatort" zu beeinflussen.
Ein weiterer Punkt des Vortrags war die Instrumentalisierung der Medien. Die Bildzeitung etwa mache die Geschichten, und es finde sich immer jemand, der einer Aussage zustimme, um auf die Titelseite des Blattes zu kommen. So sei das auch bei der berühmten Schlagzeile "Mallorca muss deutsch werden!" gewesen. Semi-prominente Bundestagsabgeordnete nutzten so die Medien, um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Auch von Absprachen war die Rede. Viele Politiker gäben den Journalisten in Berlin ihren Redebeitrag, in dem ein bestimmter Satz als "Kernsatz" gekennzeichnet sei. So erkläre sich, dass in verschiedenen Nachrichtensendungen oft identische Zitate vorkämen.
Im Anschluss an den Vortrag stellte Gießens Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann fest, dass aber nicht nur die Politiker die Medien benutzten, sondern umgekehrt die Medien in der Lage seien, Meinungen zu festigen. Was erst einmal in der Zeitung gestanden habe, sei später sehr schwer zurückzuziehen. Oft hätten die Journalisten das letzte Wort, und das gehe wohl einen Tick zu weit.
Im Anschluss an den Vortrag stand Markwort noch für Fragen zur Verfügung, während der Abend bei einem Buffet gesellig ausklang.

 
 

Kommentare zum Beitrag

Klaus Lowitz
6.571
Klaus Lowitz aus Reiskirchen schrieb am 20.02.2009 um 08:35 Uhr
Ein großartiger Bericht Frau Glinke. Ich schätze Herrn Markwort sehr, er hat ein unglaubliches Wissen über Medien und Politik.
Sabine Glinke
5.280
Sabine Glinke aus Wettenberg schrieb am 20.02.2009 um 11:20 Uhr
Hallo Herr Lowitz, vielen Dank. Mir war Helmut Markwort bislang immer recht unsympathisch, aber der Vortrag war sowas von interessant - ganz besonders, wenn man selbst Medienschaffender ist.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Sabine Glinke

von:  Sabine Glinke

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Interessensgebiet: Wettenberg
Sabine Glinke
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