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Der Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht" - ein Abschied vom Ich

von Juliane Bohlam 01.02.20131386 mal gelesen8 Kommentare
Gießen | Gretel greift zum Messer, sie will die Butter haben. „Mama“, sagt David vorsichtig, „auf Aprikosen schmiert man keine Butter.“ Die alte Dame wundert sich. „Nicht?“, fragt sie und schiebt die Butterdose zur Seite.

Diese Szene am Küchentisch, ist Teil des Dokumentarfilms „Vergiss mein nicht“, der am 31. Januar 2013 in den deutschen Kinos anlief. Der Hessische Regisseur David Sieveking zog zurück in sein Elternhaus, um dort auch mit Hilfe eines Hausengels, die Pflege seiner Mutter zu übernehmen. Über ihre Reise in die Demenz erstellte er mit dem Einverständnis seiner Eltern einen einfühlsamen Dokumentarfilm. Sieveking ist plötzlich Sohn, Betreuer und Dokumentarfilmer in einer Person. Eine Kombination, aus der eine besondere Intimität resultiert. Seine Gegenwart und die Anwesenheit des Filmteams wirken erfrischend auf die Mutter, die endlich wieder Eigeninitiative entwickelt und neue Lebensfreude zeigt. Trotz ihrer zeitlichen wie örtlichen Orientierungslosigkeit bleibt Gretel heiter und gelassen: Sie hält sich für eine junge Frau und David für ihren Mann Malte.

Der Film umspannt einen Zeitraum von vier Jahren, in denen David Sieveking chronologisch den Krankheitsverlauf seiner Mutter dokumentiert. Radikal offen und schonungslos konfrontiert er sich selbst und seine Zuschauer mit den Auswirkungen der Demenz – bis hin zu der Situation, in der Gretel im Sterben liegt.

Der Film wirkt wie eine zärtliche Liebeserklärung, rührend, melancholisch und so brillant. Es ist ein leichter, fast heiterer Film nicht nur über die Krankheit, sondern über die Lebens- und Liebesgeschichte der Eltern. Und das liebevolle Porträt eines Menschen, dessen Selbstbild langsam verblasst. Sieveking gelingt es, mit seiner verwirrten Mutter wunderbar lichte Momente zu erleben. Sie verliert ihr Gedächtnis, ihren Sinn fürs Sprechen, aber sie gewinnt etwas anderes: eine entwaffnende Ehrlichkeit und Unschuld, gepaart mit überraschendem Wortwitz und weiser Poesie.

Darüber hinaus ist der Film jedoch auch eine realistische Darstellung über eine Krankheit, die immer mehr Menschen trifft und vor der man die Augen nicht verschließen kann. Er widmet sich der Thematik der Alzheimererkrankung und des Alterns sowie ihrer Auswirkungen auf die einzelnen Familienmitglieder, insbesondere auf ihre Beziehungen untereinander. Außerdem geht es um die schlichte Tatsache, dass Pflege organisiert werden muss. Der demografische Wandel als großes Thema unserer Zeit macht die Beschäftigung mit verschiedenen Modellen der Altenpflege und ihrer Bedeutung für alle Beteiligten immer brisanter.

Ein wunderbarer Film, der es versteht, mit viel Sensibilität den Zauber des Augenblicks einzufangen und beweist, dass aus Krankheit oder Schicksalsschlägen ein Neuanfang entstehen kann.

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Kommentare zum Beitrag

Jutta Skroch
13.746
Jutta Skroch aus Buseck schrieb am 01.02.2013 um 17:33 Uhr
Ich habe im TV davon gehört, und werde mir ihn sicher ansehen, aber nicht am späten Abend. Das würde mich sicher zu sehr aufwühlen, zumal ich zu der Altersgruppe gehöre, wo man davon betroffen werden kann.
H. Peter Herold
29.363
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 01.02.2013 um 23:00 Uhr
Habe im Fernsehen Ausschnitte gesehen. Wenn man selber jemanden mit Demenz betreut, nicht so unmittelbar, denn dieser mensch ist im Altenheim, dann ist man schon etwas betroffener, als jemand der so etwas noch nicht erlebt hat.
Jutta Skroch
13.746
Jutta Skroch aus Buseck schrieb am 02.02.2013 um 00:09 Uhr
Ich habe das schon hautnah miterlebt, auch wenn sich die damalige Betreuung der Schwiegermutter auf 14 Tage beschränkte. Ich war danach dermaßen kirre, wenn ich was vergessen hatte, das glaubt ihr nicht. Den zunehmenden Zerfall haben wir durch jährliche Besuche mitbekommen.
Dieter Petersen
1.448
Dieter Petersen aus Gießen schrieb am 02.02.2013 um 01:11 Uhr
Ganz schlimm. Meine Mutter hat in den letzten Monaten oft zu mir gesagt: " Nimm mich mit, ich will heim". Sie stand in ihrem Wohnzimmer und zog sich an. Nach vielen Gesprächen mit Verwandten und viel lesen, war uns klar. Sie wollte heim in ihr altes Leben, in ihren gesunden Körper. Das neue kannte sich nicht und wollte sie nicht. Gott sei Dank blieb es uns erspart, dass sie uns nicht mehr erkannt hätte. Es war aber die Grenze. Sie sagte einmal: "Da war eben so eine Frau bei mir". Minuten vorher war meine Schwester gegangen. Meine Mutter ist "rechtzeitig" gestorben. Jetzt ist sie "daheim". Demenz ist das Ende aller Menschenwürde.
Birgit Hofmann-Scharf
10.363
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 02.02.2013 um 22:36 Uhr
Ja Herr Petersen, so ist es.
Obwohl ich mit den Worten getröstet wurde, dass Demente in ihrer eigenen Welt leben und sich darin oft wohl fühlen. Eine Welt, die sie ansonsten nicht gefunden hätten. Meist zurück in die eigene Vergangenheit entschwunden.

Wer diese Krankheit mitleiden musste, der kann Geschichte schreiben !!!!
Besonders hart, wenn es einen nahen Verwandten trifft, Elternteil z. B.
Ich fürchte mich vor diesem Film, meine eigenen Erfahrungen sind einschneidend genug.
Dieter Petersen
1.448
Dieter Petersen aus Gießen schrieb am 02.02.2013 um 22:58 Uhr
Frau Hofmann-Scharf, solche Filme müssen sein, damit das Verständnis der breiten und (noch) nicht betroffenen Öffentlichkeit geschärft wird. Für die Kranken und die Pflegenden. Das ist an die noch Unbeteiligten nicht böse gemeint. So etwas kann man nicht mitfühlen oder wissen, nur durch die Praxis erfahren. Dass es den Dementen vielleicht nicht mal schlecht geht, stimmt sicherlich. Den geistig Behinderten geht es ja genauso. Ich habe als Taxifahrer auch zwischendurch beh. Schulkinder in Kleinbussen und erwachsene Behinderte gefahren. Ich bin die AWO Stationen und Schulen angefahren. Da sieht man Schreckliches. Aber nicht für die. Nur wir sind es, die seelisch leidend zusehen und fassungslos sind. Diese Menschen brauchen unserer Hilfe und nehmen sie gerne an. Aber wir brauchen eigentlich die Hilfe, es zu ertragen. Fahren sie mal eine Weile und plötzlich zwischen zwei Orten schreit eine 14 jährige wie am Spieß und reißt an ihren Gurten. Das war ein ganz normaler Anfall. Täglich mehrfach. Die Eltern wußten das, ich war fix und fertig.
Birgit Hofmann-Scharf
10.363
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 02.02.2013 um 23:08 Uhr
Herr Petersen, ich will auf keinen Fall in irgendeiner Form Antiwerbung für diesen Film machen.
Hoffentlich sehen ihn viele Menschen !! Hoffentlich wird dieser Film so manches ( überhebliche ) Bewusstsein ändern.
Dieter Petersen
1.448
Dieter Petersen aus Gießen schrieb am 02.02.2013 um 23:46 Uhr
Frau Hofmann-Scharf, ich hatte Sie schon richtig verstanden und nicht falsch aufgefaßt. So ein Film ist nicht schön, sondern man tut ihn sich an, um das Kleinste zum Thema beizutragen, was möglich ist, nämlich informiert zu sein.
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