Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

NARRENPARADIES

Gießen | „Du hast mich betrogen!“ schrie Eura. Ihre Haare klebten in der Stirn und ihr Gesicht verdüsterte sich wie ein heraufziehendes Gewitter. Neben ihren dunklen Prophezeiungen spuckte sie Gemeinheiten aus wie der Vulkan die Lava. Und zwischendurch stiess sie laute Schreie aus, als lebte sie in höchster Gefahr.
Es wird nicht lange dauern, dachte Orf, dann verliert sie endgültig die Kontrolle über sich. Ja, die Wut spinnt geradezu Speichefäden in ihre Mundwinkel. Und dann dieser irre Blick. Sie ist wie ein Fanatiker, der keinen Widerspruch duldet. Da reicht schon ein kleiner Auslöser, um ihn zu entsichern.
Wenn ich aber weghöre, dachte Orf, verpasse ich auch nichts. Denn im Übrigen redet sie daher, wie durstige Menschen trinken. Und sie trinkt, als müsse sie sich vergiften.
„Du lebst in einem Narrenparadies!“ sagte Orf angewidert, als müsste er sich erbrechen.
„Und du bist der Narr!“ schrie Eura wie ein zorniger Gott.
„Auf deine Herkunft war schon immer Verlaß,“ sagte Orf verächtlich.
Eura riß an der Bierdosenlasche und befreite das Mundstück von dem aufschiessenden Schaum. Ihre Worte prasselten auf ihn herab, bis ihre Stimme plötzlich zerfiel wie bei einer asynchron verlaufenden Tonspur. Ihre Sprache wurde verwaschen und sie verirrte sich im Alphabet.
Mehr über...
Den Film kenne ich schon, dachte Orf und schob sie beiseite.
„Du hast unser Leben genug vergiftet!“ schrie er sie an. Aber sie lächelte plötzlich nur wie auf einem Schnappschuß:
„Man sollte sich umbringen, wenn man glücklich ist, “ dozierte sie plötzlich Eura pathetisch: „Vielleicht ist das ein weiter Weg zurück ins Leben. Oder ist es doch nur ein kleiner Schritt?
Was meinst du?“
Orf fixierte im Wohnzimmer einen festen Punkt, als müsste er ein geometrisches Problem lösen.
Ich weiß nicht mehr wie lange ich mich noch beherrschen kann, dachte er. Aber irgendeine Lösung mußte es doch geben.
Eura stammelte rudimentäre Wortfetzen vor sich hin und lachte betrunken.
Das klang gefährlich.

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

„GOLGATHA“
Oft dachte Orf: Die Zeit hat uns übel mitgespielt. Und für künstlich...

Kommentare zum Beitrag

Peter Herold
14.242
Peter Herold aus Gießen schrieb am 08.08.2012 um 12:53 Uhr
Ist sie denn noch nicht gestorben? War es im vorherigen Beitrag nur eine Vorstellung von Orf, träumte er ?
Dr. Mathias Knoll
7.394
Dr. Mathias Knoll aus Gießen schrieb am 08.08.2012 um 16:42 Uhr
Ja, zugegeben, da kommt Verwirrung auf
Peter Herold
14.242
Peter Herold aus Gießen schrieb am 08.08.2012 um 17:00 Uhr
Nomen est omen = Beitrag
Dr. Mathias Knoll
7.394
Dr. Mathias Knoll aus Gießen schrieb am 08.08.2012 um 18:36 Uhr
Lieber Herr Herold,
meine Orf & Eura Geschichten verstehe ich als Hommage an Orpheus und Eurydike im (neuen? Gewand ) Aus diesem Blickwinkel stellt sich die Frage nach Realität und Fiktion nicht. Und schon gerät die Chronologie der Ereignisse durcheinander und hinterlässt zwei Narren, die im Namen der Liebe alles falsch machen, was sie eigentlich richtig machen wollten – bis sie der Tod ( selbst wenn er auch nur fiktiv sein sollte ) scheidet.
GrußMK
Peter Herold
14.242
Peter Herold aus Gießen schrieb am 08.08.2012 um 18:51 Uhr
LIeber Herr Dr. Knoll,
Ich verstehe schon. Wie im echten Leben. Danke.
Gruß HPH
Dr. Mathias Knoll
7.394
Dr. Mathias Knoll aus Gießen schrieb am 02.09.2012 um 21:08 Uhr
Nach-Lese: Orf & Eura
Die Namen meiner Protagonisten Orf & Eura finden ihre Anleihe bei „Orpheus“ und „Eurydike“. Aus dieser Sicht ist nicht zu erwarten, dass Eura endgültig stirbt, obwohl sie tausend Tode lebt. Denn in der „Unterwelt“ ist es kalt. Und ein Mensch, der friert, sucht immer wieder seine Sonne. Diese Idee von „Liebe“ und das Unvermögen des Menschen in „Liebe“ zu leben ist vermutlich auch universell.
Peter Herold
14.242
Peter Herold aus Gießen schrieb am 02.09.2012 um 21:19 Uhr
Ja der ungeduldige Orf. Hätte er sich nicht umgedreht, wer weiß - ein happy end? Eher eine endlose Gechichte;-)
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Dr. Mathias Knoll

von:  Dr. Mathias Knoll

offline
Interessensgebiet: Gießen
Dr. Mathias Knoll
7.394
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
GEHEIMNISSE & LÜGEN ( Monolog eines alten Schauspielers)
Guten Abend, meine Damen und Herren. Ja, ich bleibe noch einen...
DER VOYEUR
Ein Mensch, der biografisch schreibt, kann für sich selbst zur...

Weitere Beiträge aus der Region

16 überdachte Fahrradstellplätze bietet der neue Pendlerparkplatz in Fernwald-Steinbach.
Mit dem Rad zur Autobahn - ADFC begrüßt Fahrradabstellanlage am Pendlerparkplatz
Immer mehr Pendler bilden Fahrgemeinschaften, um günstig zur Arbeit...
Wir suchen freie Mitarbeiter!
Die GIEßENER ZEITUNG ist „Deutschlands erste Mitmachzeitung“ und...
Unser schönes Wieseck - Gemeinschaft im Interesse des Gewerbes
Seit 30 Jahren ist die Interessengemeinschaft Gewerbe, Handel und...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.