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Weißes Rauschen im Wald

Hauptdarsteller Peter Gerst als Obdachloser Eduard
Hauptdarsteller Peter Gerst als Obdachloser Eduard
Gießen | Am Montag hat die Uraufführung des Films „Trennschärfe“des Gießener Filmemacher Csongor Dobrotka im ausverkauften Kino Heli stattgefunden. Dem 34-Jährigen ist mit seinem ersten Spielfilm eine höchst professionelle und komplexe Abschlussarbeit für das Studium der Angewandten Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität gelungen.

Trennschärfe bezeichnet eigentlich die Fähigkeit eines Empfangsgerätes, einen Sender von einem im Frequenzband benachbarten Sender zu trennen. Genauso verhält es sich mit den Leben des Obdachlosen Edouard (Peter Gerst) und der geheimnisvollen Karla, der in ihrer klaustrophobischen Wohnung mystische Dinge widerfahren. Doch die Trennschärfe ist ungenau eingestellt. Was zunächst wirkt wie eine Sozialstudie über einen Wohnungslosen, der in den Feldern vor Gießen übernachtet, erweist sich als ein kompliziert konstuiertes Überlappen von Raum und Zeit. Der einziger Kontakt zur „normalen“ Welt besteht für die weibliche Hauptfigur Karla darin, einen (wunderbar kontastierenden) Puzzleclub älterer Damen in ihrer Wohnung zu beherbergen. Sie führt eine distanziert-erotische Beziehung zu
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einem Mann, der plötzlich mit blutenden Wunden auftaucht und wieder verschwindet. Judith Niederkofler und Gunnar Seidel fesseln in ihrem Spiel als Paar zwischen Gefühlen von Nähe und völliger Einsamkeit. Die Ausstattung hat mit der Wohnung der Karla einen beeindruckenden, märchenhaften Raum geschaffen, wo Moos das Badezimmer überwuchert und zeitlose, kalte Räume die Kulisse zu albtraumartigen Szenen bereitstellen.

Hauptfigur Eduard steigt mit zwei Fremden in einen Bus und findet sich auf weitem Feld verloren. Parallel dazu erleben die Zuschauer die kühle Karla, die blutende Wunden ihres Geliebten zu stillen versucht, gleichzeitig aber absurd abgeklärt wirkt. Die Kamera von Frederick Gomoll bleibt ganz nah an den Schauspielern, im Kontrast dazu sind die Landschaftseinstellungen sehr weit und offen gehalten. Neben den genannten Hauptdarstellern, die sehr eindringlich agieren wirken auch Thorsten Schmidt sowie Nicole Lohfink, Manuel Struffolino und Petra Soltau vom Stadttheater mit.
Die Musik von René Rösler ist konsequent sphärisch gewählt, hinzu kommt ein immer mehr zunehmendes hintergründiges Rauschen, die Trennschärfe läuft aus dem Ruder. Man ist nicht eingestellt auf diese verstörenden, sich überlappenden Bilder und Klänge. Die Bildsprache erinnert an Filme von David Lynch, Wong Kar-Wei und den Film Noir.
Judith Niederkofler und Gunnar Seidel
Judith Niederkofler und Gunnar Seidel
Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass Eduard mit der Busfahrt eine Reise in die Vergangenheit unternimmt, während Karla den Besuch eines ehemaligen Geliebten erwartet und so schlechte Erinnerungen wieder erwachen. Eduard wird in den Weiten der Natur von verstörenden Visionen heimgesucht und beginnt, seinen Gefährten als alte Bekannte zu identifizieren.
„Ich möchte zeigen, dass Vergangenes wie Gegenwart erscheinen kann und Vorgestelltes wie Realität“, so der Regisseur. Dobrotka bedient sich hier, teils auch ironisch, Elementen des Thillers und Film Noir. Das Drehbuch wurde vom Regisseur, Beate Bambauer und Maike Schönfeld verfasst. Irgendwann ist nicht mehr klar, wo Realität anfängt und Erinnerung aufhört, wo Raum und Zeit verortet sind und ob es überhaupt nötig ist, diese in feste Raster zu pressen. Die Biographien von Karla und Eduard verschwimmen ineinander. Wer sich auf dieses Spiel einlassen konnte, hatte einen spannendes Kinoerlebnis. Es bleibt auch nach diesem Abend ein weißes Rauschen.

Hauptdarsteller Peter Gerst als Obdachloser Eduard
Hauptdarsteller Peter... 
Judith Niederkofler und Gunnar Seidel
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Regisseur Csongor Dobrotka
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Die Dreharbeiten fanden in Gießen und Wetzlar statt
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von:  Fiona Sara Schmidt

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