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„Erde zu Erde…!“

Gießen | Orf stellte sich vor:
wie sich der Trauerzug langsam zwischen den Gräbern entlang bewegte. Der eine oder andere Friedhofsbesucher, der in gebückter Haltung das Grab seiner Angehörigen pflegte, richtete sich auf, wischte sich den Schweiß aus der Stirn und nickte ihm feierlich zu.
Euras Sarg lag auf einem flachen, mit schwarzen Tüchern abgedeckten Wagen. Den Sargdeckel schmückten rote Rosen.
Sechs Träger in schwarzen Anzügen und dem Zylinder auf dem Kopf flankierten den Wagen, den sie schoben. Einige Sargträger hatten aufgedunsene Gesichter, als müßten sie ständig feiern.
Hinter dem Sarg folgte natürlich der Pfarrer. Das Gesangbuch klemmte unter seinem Arm.
Und irgendwo, dachte Orf, sehe ich meinen Schwager mit den Kindern an der Hand. Die Kinder allerdings blicken sich immer wieder neugierig nach mir um.
Meine Mutter aber, die sich ununterbrochen schnäuzte, hatte sich bei mir untergehakt. Ihr Gesicht allerdings blieb hinter dem schwarzen Schleier verborgen. Aber ich sehe genau wie sie hinter ihrer Seidengaze lächelt.
Vor dem offenen Grab kommt der Trauerzug endlich zum Stehen. Im Halbkreis, wie ein Theaterchor, umringt die kleine Schar der Trauergäste das aufgeworfene Grab:
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Hofften sie noch auf das letzte Wort der Verstorbenen?
Dort unten in ihrem Grab kann Eura jedenfalls kein Unheil mehr anrichten, dachte Orf. Das ist immerhin sicher. Und die aufgeworfene Erde hält mich wie ein Schützengraben auf Abstand.
Man wird sich darüber wundern, dass ich nicht heftiger trauere.
Inzwischen wendet sich der Pastor an die Trauergemeinde, die sich gegenseitig unauffällig mustert:
Wer wird hier der nächste sein?
Vornübergebeugt und mühsam von Angehörigen gestützt, stehen einige Frauen wie Klageweiber in der ersten Reihe. Vielleicht hat man sie vorhin aus dem Altersheim geholt, damit sie diese Beerdigung nicht verpassen.
Wenn meine Zeit kommt, dachte Orf, wird die Liste der Abwesenden deutlich länger sein, als die, die noch leben. Da bin ich mir sicher.
Über dem offenen Grab schwebt aber schon an kräftigen Seilen der Sarg. Gleich ist der Film zu Ende, dachte Orf. Denn schon hebt der Pastor theatralisch die Arme und ruft:
„Erde zu Erde…Amen!“
Die Stimme des Pastors, dachte Orf, hatte einen auftrumpfenden Klang, So, als spreche er mit einem Verlierer.
Während der Sarg also langsam, aber unerbittlich in dem ausgehobenen Schacht verschwand, gab der Pastor noch seinen letzten Segen.
Hoffentlich, dachte Orf, bleibt der Sarg nicht stecken. Die Breite des Grabes jedenfalls schien zu passen. Aber was war mit der Länge? Ich kann schlecht schätzen, dachte Orf. Deswegen hoffe ich, daß die Totengräber den Sarg nicht kippen müssen. Am Ende müssen sie noch mit den Füßen nachhelfen, um den Sarg in die Grube zu drücken.
Obwohl, diese letzte Widerspenstigkeit wäre Eura zuzutrauen.

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Kommentare zum Beitrag

Peter Herold
14.238
Peter Herold aus Gießen schrieb am 03.08.2012 um 09:33 Uhr
Wenn ich diesen Beitrag so lese, dann bin ich froh, dass wir meine Frau Seebestattet haben. Kleiner Kreis von 5 - 6 Personen, einige passende Worte des Kapitäns und denn sank die Urne unter Zurücklassung eines Blumenkranzes, der auf der Wasseroberfläche trieb, hinab zum Grund. Dort würde sie sich innerhalb von 2 Stunden auflösen und die Asche würde sich verteilen.
Jetzt nach einem Jahr waren meine Tochter und ich dort. Habe auf Anraten meiner Therapeutin all das, was aus der Vergangenheit böses und schlechtes immer wieder in mir hochkam, zusammen mit einem Strauß Blumen dem Wasser übergeben. Nun geht es mir spürbar besser.
Dr. Mathias Knoll
7.394
Dr. Mathias Knoll aus Gießen schrieb am 03.08.2012 um 17:18 Uhr
...und die Erinnerung lebt doch - weiter. Aber das ist gut so. Denn was hätten wir sonst zu schreiben? Für mich wäre das Leben ohne Erinnerung wie ein Bild ohne Perspektive- also ohne Vorder- und Hintergrund.
Peter Herold
14.238
Peter Herold aus Gießen schrieb am 03.08.2012 um 19:05 Uhr
Es ist gut so, dass es Menschen wie Sie gibt, die uns daran erinnern. Danke.
Hallo Lieber Leser
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Dr. Mathias Knoll
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