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ZETTELWIRTSCHAFT

Gießen | Orf beugte sich über den Tisch und versuchte ihre Hand zu küssen. Eura lächelte, als hörte sie eine Melodie, die sie nur hoffnungslos falsch summen konnte. Der obere Teil ihres Gesichtes war so verspannt, als unterliege es atmosphärischen Störungen.
„Ich bin eine Rarität…“ lächelte sie unsicher.
„Dann setz Dich doch in die Vitrine…“, sagte Orf und er dachte:
Mein Optimismus ist mir ohnehin schon lange vergangen.
„Hast Du überhaupt meine Gedichte verstanden?“ lächelte Eura naiv wie ein kleines Mädchen, das seinen Seifenblasen nachträumte.
„Ich habe sie gelesen…,“ sagte Orf wie ein ertappter Schüler.
„Dich interessiert doch sowieso nur, was unter dem Strich herauskommt, “ sagte Eura verächtlich, als redete sie über ihn hinweg.
„Ich wollte, es wäre so, “ sagte Orf gelangweilt, als wollte er das Gespräch beenden.
„Immer nur Zahlen. Bilanzen. Alltag. Du benimmst Dich wie ein Beamter, der jeden Tag das Gleiche tut. Weißt Du überhaupt wie mich das ankotzt?“ Eura schlug sich vor die Stirn. „Ich möchte lachen... fröhlich sein...“
„Bleiben und Stille bewahren“…Du hast Deinen "Benn" nicht verstanden,“ sagte Orf gelassen, als herrschte zwischen ihnen ein geheimer Waffenstillstand
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„Ach, was verstehst Du schon?!“ sagte Eura, als spräche sie über einen Menschen, den sie schon lange abgeschrieben hatte. „Wenn ich ein gutes Gedicht geschrieben habe, ist die Welt nicht mehr so, wie sie einmal war!“
Eura liebte ihre Zettel, auf denen sie mit dem Kugelschreiber ihre Botschaften schrieb:
„Meine Zettelwirtschaft,“ lächelte sie dann stolz und rauchte lungentief.
Nun gut, gelegentlich warf sie Verse auf das Papier, als kämen „ihre“ Worte aus dem Jenseits:
„Ich sage ja, Du hast meine Gedichte nicht verstanden, “ sagte sie dann spöttisch und von oben herab. „Auch wenn ich die Welt nicht verstehen sollte, durchschaue ich trotzdem die Menschen, die die Welt verdüstern.“
Und sollte es keine Problem mehr geben, dachte Orf, Eura wird sie finden. Da bin ich mir sicher.
Aber schon am nächsten Tag hatte Eura ihre Aufzeichnungen verloren. Mein Vorschlag aber, ihre Notizen abzuheften, erntete nur einen höhnischen Kommentar, dachte Orf. Dabei tippte sich Eura selbstgefällig an die Stirn und fixierte ihr Weinglas, das auf dem Kamin stand. Dann erhob sie sich mühsam aus dem Sofa und prostete sich selber im Spiegel zu:
„Wissen Sie, meine Gedichte kommen gleich nach "Benn" und "Celan"…,“ flüsterte sie, als ginge es um die dunkle Ordnung geheimer Mächte. „…und diese Gedichte werden mich zerstören…Hör mal..., “ raunte sie dann plötzlich und nickte in die eine Ecke des Wohnzimmers: „Hörst Du nichts?“ flüsterte sie wie ein Kind, das sich im Märchenwald verirrt hatte. „Als kleines Mädchen legte ich oft meinen Kopf auf die Bahngleise. Und dann wußte ich genau, wann der Zug kam...“
„Es gibt Menschen, die hören, was sie hören wollen, “ sagte Orf nüchtern, als könnte er so das Gespräch zu beenden.
Eura aber klopfte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn:
“Mein Herr und Gebieter hat gesprochen! Ich zittere vor Hochachtung…Du Idiot!“ zischte sie. „War doch klar, daß du nichts hörst…“

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von:  Dr. Mathias Knoll

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Interessensgebiet: Gießen
Dr. Mathias Knoll
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