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KOMPARSE & HENKER

Gießen | Eura drehte unentschlossen ihr Glas zwischen den Fingern, während sie sich aufstützte, als sei sie gerade erwacht. Ihren Körper aber durchzuckte ein feines Beben. Das war ein Zittern, das aus den Fingern in ihre Arme kroch.
Ihr Blick aber jagte ihm Angst ein. Denn sie schnaufte wie ein verletztes Tier, das gleich zum Sprung ansetzte, um noch einmal Schrecken zu verbreiten.
Ein Fremder hätte nicht bemerkt, daß sie betrunken war.
Im Gegenteil, für Sekunden konnte man meinen Eura sei ein Bündel quirliger Energie.
„Meinst du nicht, dass es reicht?“ sagte Orf genervt und nippte an seinem Glas.
Eura zuckte nur mit den Fingern, als verscheuchte sie lästige Fliegen:
„Ich werde Dich solange quälen, bis Du mich brauchst, “ lächelte sie maniriert, als sei für sie die Normalität ein Ausnahmezustand, der überwunden werden mußte.
Für uns gibt es schon lange keine Rettung mehr, dachte Orf. Aber das sagte er nicht.
Eura aber füllte schon wieder nachlässig ihr Glas und parlierte daher, als schwebte sie über Gott und der Welt. Und natürlich war „die Stimme“, die Orf hörte, nicht „ihre Stimme“ usw.usw. Orf aber dachte nur: sie verplempert den Wein genauso verschwenderisch wie ihre Phrasen.
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Dabei umklammerte sie ihr Glas wie Moses die Gesetzestafeln, um plötzlich, wenn auch stockend, als überprüfte sie eine Stimmgabel, Versfragmente zu memorieren, die sie gleichzeitig in einer Art Singsang intonierte.
Plötzlich aber schüttelte Eura den Kopf und strich behutsam ihre Wange, als modellierte sie ihr Gesicht. Solange sie nicht die Tochter Gottes ist, dachte Orf, kann ich ja noch hoffen.
Eura aber drehte sich überrascht um und spreizte sich wie ein Pfau:
„Hallo…schön, daß ihr kommt! Wir bekommen schon lange keinen Besuch mehr?! Aber wie soll das dieser Spiesser hier...“ dabei zeigte sie auf Orf, „...das verstehen?!“ Eura lachte maliziös und malte eine Pantomime viereckiger Zeichen in die Luft: „Der ist einfach kleinkariert…“
Sie redet uns mutwillig auseinander, dachte Orf und ihre Stimme beherrschte das Wohnzimmer.
Eura aber wischte sich mit dem Ärmel über ihr Gesicht und rutschte tiefer in ihren Sessel:
„Zugegeben, auch ich hatte schon bessere Zeiten…“ sagte sie und schlug die Beine übereinander. „… das sehen sie an meiner Kleidung. Oder?
Früher war ich eine beliebte Schauspielerin. Aber mein Mann glaubte mir das nie. Der behandelte mich immer wie eine Komparsin und er hatte das Mitleid eines Henkers.
Aber mich muß keiner bemitleiden. Noch sind meine Wangen nicht so dünn wie Pergament. Und überhaupt, warum macht man um das Sterben soviel Wind?
Können sie mir das verraten?“

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von:  Dr. Mathias Knoll

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Dr. Mathias Knoll
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