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ZERRISSENE FOTOS

Gießen | „Sie haben wohl oft gedacht: Wäre sie doch tot!“ sagte der Kommissar, als erwartete von Orf nun das endgültige Geständnis.
„Wer hätte diesem tobenden Weib nicht den Tod gewünscht?“ sagte Orf. „Sie war unberechenbar.“
„Das verstehe ich,“ sagte der Kommissar.
„Musste ich mich da nicht verteidigen?“
„Das verstehe ich. Auch ich habe eine Familie,“ sagte der Kommissar und blätterte in seinen Akten:
„Ihre Frau hat wohl alle Familienbilder zerrissen, was?“
Schürwald nahm zahlose Papierfetzen aus der Mappe und pinnte die einzelen Fragmentstücke an die Schautafel, die über der Kaffeemaschine hing:
„Wir versuchen die mal zuzuordnen…“
„…damit uns die Phantasie nicht durchgeht,“ lächelte der jüngere Kommissar Ortmann.
Welche Wahrheiten lassen sich mit einem Foto einfangen? dachte Orf. Und welche Geschichten setzen sie in Gang? Welcher Mensch überlebt schon durch ein Foto? Mit der Zeit vergilben die Abzüge und verlieren am Ende ganz ihre Farbe.
Aber noch war Eura gut zu erkennen:
„Was hast Du gesagt?“ lächelte Eura und stolzierte durch das zerrissene Foto. Sie benahm sich oft wie eine Jugendliche, die
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den Charme eines Biestes versprühte, dachte Orf. Dabei war sie schon lange nicht mehr unverwundbar. Und doch, wenn sie so daherplapperte, verließ sie sich immer noch auf ihre Spontanität. Dann konnte sie „auch im Namen meines Mannes“ launige Verabredungen treffen, die sie spätestens am nächsten Tag bereute. Denn je näher die Verabredung heranrückte, desto heftiger krochen die Schweißperlen in ihren Haaransatz. Und plötzlich erinnerte ihr Make-up an Stockflecken, die durch den Putz schlugen, dachte Orf.
Könnte ich doch unser Leben wie einen Film neu arrangieren, dachte Orf und nahm seine Brille ab, als hätte er von der Welt genug gesehen. Er schloß seine Augen und dachte an Eura, obwohl er gerade an sie nicht denken wollte.
Obwohl, dachte er, ich hätte genug Phantasie, um die Handlung dieses Filmes, der unser Leben war, zu korrigieren.

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von:  Dr. Mathias Knoll

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Dr. Mathias Knoll
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