Gießen | Der hessische Sozialminister, Stefan Grüttner, eröffnet heute zusammen mit der Landrätin des Landkreises Gießen, Anita Schneider, dem Bundesarzt der Johanniter-Unfall-Hilfe, Prof. Horst Wilms, und dem Direktor der UKGM-Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Prof. Markus Weigand, den Bundeskongress Polytrauma – ein spezielles, hochwertiges Fortbildungsangebot für Notärzte und Mitarbeiter in Rettungsdiensten. Dem heutigen Kongress in Gießen mit 200 Ärzten, Rettungsassistenten, und –sanitätern aus dem gesamten Bundesgebiet, folgt der zweite Veranstaltungsteil des Christoph Hessen Tags am 17. Juni im Johanniter-Luftrettungszentrum Reichelsheim. Dort gibt es zusätzlich zu den praktischen Übungen ein großes Familien- und Spielefest für Groß und Klein sowie Hubschrauberrundflüge.
„Der Rettungsdienst ist ein wichtiger Bestandteil der gesundheitlichen Versorgung“, erklärte Sozialminister Grüttner. „Daher legen wir in Hessen auch besonderen Wert darauf, die optimalen gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Rettungsdienst in Hessen zu schaffen.“ Diese tragen maßgeblich dazu bei, so Grüttner weiter, dass
der hessische Rettungsdienst sehr gut aufgestellt ist. „Allein mit der gesetzlich verankerten Hilfsfrist von zehn Minuten ist der hessische Rettungsdienst Spitze unter den Flächenländern Deutschlands. Bereits zehn Minuten nach Eingang der Notfallmeldung ist in Hessen der Rettungsdienst vor Ort.“ Plattformen des Austausches, wie der Bundeskongress Polytrauma, seien wichtige Bausteine, um den Rettungsdienst in Hessen – aber auch deutschlandweit – auf seinem hohen Niveau zu halten, betonte der Sozialminister.
Worum geht es bei dieser Fortbildung für Ärzte und Rettungsdienstmitarbeiter? Das Polytrauma stellt eine interdisziplinäre Herausforderung dar, das eine Fach- und Berufsgruppen-übergreifende Zusammenarbeit auf höchstem medizinischem Niveau auf gleicher Augenhöhe erfordert. Denn bei der Polytrauma-Behandlung zählt jede Minute und es bedarf der lückenlosen Verzahnung der gesamten Rettungskette von der Alarmierung in der Leitstelle, der Koordination der Rettungsmittel , ob bodengebunden oder via Rettungshubschrauber, der Rettung vor Ort mit Einbindung aller Experten, zum Beispiel der Feuerwehr, der Höhenrettung oder der Wasserwacht, bis zur Erst- und erweiterten notärztlichen Versorgung und dann dem Transport in ein geeignetes Traumazentrum.
Im Schockraum des Klinikums wird die Versorgung von einem spezialisierten Traumateam unter früher Einbindung einer bildgebenden CT-Diagnostik fortgeführt. Das UKGM verfügt an seinen beiden Standorten Gießen und Marburg über zertifizierte Traumazentren. Das Traumazentrum Gießen wurde dabei unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Schnettler, Leiter der Klinik für Unfallchirurgie, zertifiziert.
Es gilt sowohl prähospital als auch innerklinisch die Devise: “treat first what kills first”. Im Vordergrund stehen dabei Atemwegsprobleme, spritzende Blutungen, der Spannungspneumothorax und das Schädel-Hirn-Trauma.
Diese Themen sind Gegenstand des heute stattfindenden Bundeskongresses Polytrauma für Notärzte und Rettungsdienstpersonal, der gemeinsam von der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin (Prof. Dr. Markus A. Weigand und Dr. Valesco Mann), der Klinik für Unfallchirurgie (Leiter: Prof. Dr. Dr. Reinhard Schnettler), der Klinik für Neurochirurgie (Leiter. Prof. Dr. Eberhard Uhl), dem Landkreis Gießen und der Johanniter-Unfallhilfe, Landesverband Hessen/Rheinland-Pfalz/Saar (Professor Horst Wilms, Bundesarzt, Dr. Mumi Abou-Taleb, Ärztlicher Leiter Luftrettung) unter der Schirmherrschaft von Sozialminister Stefan Grüttner veranstaltet wird.
Darüber hinaus werden auf dem Kongress international ausgewiesene Referenten Neuerungen der 2011 publizierten S3 Leitlinien Polytrauma, das Trauma im Kindesalter und den Stellenwert der präklinischen Ultraschalldiagnostik darstellen. Abgerundet wird das Programm durch Fallvorstellungen, viele hands-on workshops und ein notfallmedizinisches Zirkeltraining.
Weitere Informationen
Definition, Epidemiologie und Versorgungsforschung zum Polytrauma
(Quelle Mann V et al. 2012 im Druck)
Ein Polytrauma liegt in Abgrenzung von der nicht lebensbedrohlichen Mehrfachverletzung oder der schweren, lebensbedrohlichen Einzelverletzung dann vor, wenn mehrere Körperregionen oder Organe gleichzeitig verletzt sind, eine dieser Verletzungen oder deren Kombination eine vitale Bedrohung darstellt und eine Verletzungsschwere gemäß Injury Severity Score (ISS) von mindestens 16 Punkten besteht. Da detaillierte epidemiologische Daten für Deutschland bislang fehlen, kann die Inzidenz des Polytraumas hierzulande nur geschätzt werden. Gegenwärtig geht man aufgrund von Extrapolationen vorhandener Daten in Deutschland von rund 33000 bis 38000 polytraumatisierten Patienten pro Jahr aus. Das jährlich aktualisierte „Traumaregister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU)“ bietet momentan die umfangreichste nationale Datenbasis auf dem Gebiet der Schwerverletztenversorgung. Demzufolge verunfallen in Deutschland vorwiegend Männer (72 Prozent), das mittlere Patientenalter liegt bei 45,5 Jahren. Stumpfe Traumata überwiegen (95 Prozent) und ereignen sich vor allem im Rahmen von Verkehrsunfällen (57 Prozent) oder Stürzen (34 Prozent). Der Zeitpunkt des Unfallereignisses liegt vorwiegend außerhalb der Regeldienstzeiten, also zwischen 16 bis 8 Uhr, an Wochenenden oder Feiertagen.
Es kann davon ausgegangen werden, dass 53 bis 69 Prozent der polytraumatisierten Patienten präklinisch versterben. Die Krankenhausletalität liegt bei 13,2 Prozent, wobei ungefähr die Hälfte der Patienten innerhalb der ersten 24 Stunden des Krankenhausaufenthalts versterben („Frühletalität“; 6,4 Prozent). Die Frühletalität ist meistens durch das schwere Schädel-Hirn-Trauma (SHT) und/oder durch Massenblutungen bedingt. Spätere Todesfälle werden v.a. durch sekundäre Komplikationen des SHT (z.B. Hirnödem, intrakranielle Nachblutung, Ischämien) oder durch ein Multiorganversagen verursacht. Prof. Ruchholtz und Mitarbeiter (Abteilung Unfallchirurgie, UKGM Standort Marburg) konnten unlängst belegen, dass die Krankenhausletalität polytraumatisierter Patienten aktuell signifikant sinkt. Die Optimierung der frühen innerklinischen Erstversorgung, insbesondere hinsichtlich der outcomerelevanten Faktoren Zeit und Diagnostikqualität, sowie die prinzipielle Strategie, schwerverletzter Patienten vorzugsweise in spezialisierten Traumazentren zu behandeln. scheinen für diese Beobachtung mitverantwortlich zu sein.
Link zur Veranstaltungsseite:
http://www.christoph-hessen-tag.de/