Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

REGENBOGEN

Gießen | „Endlich werde ich meinen Traum verwirklichen: Ich gehe in den Süden!“
Wie oft musste ich mir das anhören?
„Das wird am Kofferpacken scheitern,“ sagte ich dann, dachte Orf. Ich war oft gereizt. Das kann ich nicht abstreiten.
Eura aber hustete nur wie eine schlecht gelaunte Ziege und verschluckte sich dabei an dem Schleim, der auf ihrem Kehlkopf gurgelte. Aber das hinderte sie nicht daran das letzte Wort behalten zu wollen:
„Selbst wenn mein Weg über Golgatha führen sollte, meine Sehnsüchte werde ich niemals verraten!“
Ihrem aufsässigem Lachen hörte man an, dass sie müde war. Aber dann plötzlich flüsterte sie, obwohl sie gar nicht die Absicht hatte so leise zu sprechen:
„Wenn ich nur geglaubt hätte, dass Du mich liebst, wäre ich nie auf diese Idee gekommen…“
Man kann doch nicht immer nur weglaufen, wenn man unglücklich ist, dachte Orf. Aber auch ich habe mich an das Unglück gewöhnt. Und was verbindet die Menschen mehr, als das Unglück?
„Meinst Du das Unglück ist ansteckend?“ lachte Eura schief wie ein Pokerspieler.
Orf putzte gereizt seine Brillengläser und dachte, irgendwie lebt sie immer wieder von einer Art Bluff.
Mehr über...
Warum also, dachte Orf, sollen nicht alle Menschen etwas weniger zufrieden sein, als nur einer, der glücklich ist?
Eura aber beobachtete ihn wie ein enttäuschtes Kind, während sie an ihrem Glas nippte. Und Orf dachte: Je mehr ich ihr nachgebe, desto anmassender wird sie.
„Unsere Liebe,“ lächelte Eura ohne Verlegenheit, „ ist nicht tot. Sie ist nur verschwunden wie der Regenbogen.
Warum siehst Du nicht einfach die Nachtigall in mir? Dieser Vogel hat nun einmal die Angewohnheit gerade dann zu singen, wenn brave Vögel den Schnabel halten.“
Damals, dachte Orf, erinnert mich schon ihr Gesicht an ein ausgebleichtes Foto.
Aber schon spreizte sich Eura selbstgefällig und prostete mir zu:
„Für unsere Pläne hätte ich alles geopfert. Nur ein Wort von Dir und wir wären in den Süden gegangen. Da hätten wir gelernt, was es heißt, glücklich zu sein…“
Eura war und blieb eine Traumtänzerin, dachte Orf. Und unsere Liebe war nur zu ertragen, wenn ein Wunder geschah.

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

„GOLGATHA“
Oft dachte Orf: Die Zeit hat uns übel mitgespielt. Und für künstlich...

Kommentare zum Beitrag

Leider gibt es noch keine Kommentare zu diesem Artikel.
Schreiben Sie doch den ersten!

Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Dr. Mathias Knoll

von:  Dr. Mathias Knoll

offline
Interessensgebiet: Gießen
Dr. Mathias Knoll
7.394
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
GEHEIMNISSE & LÜGEN ( Monolog eines alten Schauspielers)
Guten Abend, meine Damen und Herren. Ja, ich bleibe noch einen...
DER VOYEUR
Ein Mensch, der biografisch schreibt, kann für sich selbst zur...

Weitere Beiträge aus der Region

Landkreis fördert Jenaplanschule Obbornhofen: 5.750 Euro für Schülerbetreuung am Nachmittag
Der Kreisausschuss hat beschlossen, die Jenaplanschule...
In der Hölle des ruandischen Völkermords
Am Dienstag, den 28. Mai wird um 19.30 Uhr in der Johanneskirche eine...
16 überdachte Fahrradstellplätze bietet der neue Pendlerparkplatz in Fernwald-Steinbach.
Mit dem Rad zur Autobahn - ADFC begrüßt Fahrradabstellanlage am Pendlerparkplatz
Immer mehr Pendler bilden Fahrgemeinschaften, um günstig zur Arbeit...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.