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Auf der Pritsche

Gießen | Orf preßte das Ohropax noch tiefer in den Gehörgang. Ich sehne mich nach dieser Stille in meinem Kopf, dachte er. Vielleicht sollte ich ins Kloster gehen, wenn ich hier meine Strafe abgesessen habe. Dann lasse ich mir den Schädel scheren.
Wie ich wohl nach dieser gnadenlosen Rasur aussehe? Entrückt von der Welt werde ich mich mit Worten geißeln bis sie mich nicht mehr quälen. Ich werde gegen meine Trauer anbeten bis meine Schritte im Kreuzgang verhallen.
Zugegeben, ich sah in ihre Augen, als sie jeden Widerstand aufgab. Aber gleichzeitig sah ich ihre unbändige Lust zu leben. Sie war stolz. Dieser Trost bleibt mir noch.
Aber trotzdem weigere ich mich ein Leben lang am Pranger zu stehen. Gut, sie ist tot und ich bin bereit lebenslänglich unter ihrem Tod zu leiden. Ist das keine Rache?
Ich muss Eura endlich vergessen, dachte Orf. Sonst kann ich ihr nie mehr untreu werden.
Aber immer wenn ich an sie denke ist es so, als würde ich einen alten Film neu betrachten. Und die Stimmen in diesem Film sind so deutlich zu hören, als spielte sich unser Leben gleich nebenan ab:

Unter den staubbedeckten Platanen
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saßen nur einige Gäste vor ihrem „Aperitif“. Der kleine Platz, der von Orangenbäumen gesäumt wurde, lag wie gelähmt in der Mittagshitze. Von irgendwoher rieselte Klaviermusik, die sich immer wieder wie ein wässriges Gemurmel verlor. Ein Paärchen verschwand in einem kühlen Seitengässchen wie in einem leerer Brunnen.
In dem kleinen Bistro gerade da vorne an der Ecke sitze ich am Fenster immer am selben Tisch und hoffe nicht angesprochen zu werden. Nur der Kellner nickt mir gelegentlich zu, wenn er mit seinem Tablett vorrübergeht.
Hier, von meinem Tisch aus habe ich sie im Blick. Sie liegt auf dem Balkon des Nachbarhauses und sonnt sich. Nackt wie ein Model aalt sie sich in der Sonne. Dabei bedeckt sie ihren Schritt nicht mit einem Feigenblatt.
Nur gelegentlich gähnt sie und streckt sich wie eine Katze. Über dem verrosteten Balkongitter hängen ihre Strumpfhosen wie schlaffe Hautsäcke.
Während ich also in meinem Kaffee rühre, sauge ich an meiner Zigarette und stiere auf diesen Balkon. Mich stört nur dieses lästige, tiefblaue Insekt, das mich ständig umsurrt.

Orf erhob sich von seiner Pritsche und öffnete das vergitterte Fenster spaltweit, um diesen surrenden Quälgeist los zu werden.

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von:  Dr. Mathias Knoll

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