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Im Interview mit dem Archäologen Dennis Stephan

von Thorsten Luxam 20.04.20123092 mal gelesen2 Kommentare
Gießen | - Dennis, du bewirbst für die kommende „Schönwetter-Saison“ eine Reihe archäologischer „Zeitreisen“. Was erwartet die Teilnehmer dort?

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.
Das ist so eine Art Glaubensbekenntnis im Outdoor-Bereich.
Ich zeige auf den Zeitreisen Orte und Denkmale der Umgebung, die besonders spannend sind oder mit denen sich besondere Geschichten und Anekdoten verbinden. Dabei nehme ich immer eine Mischung aus bekannten Plätzen ins Programm, die ich aus ganz speziellen Perspektiven beleuchte, und ich suche Orte, die in Vergessenheit geraten sind oder zu denen es sonst keine Angebote gibt.

- Eine Umfrage des Landkreises hat vor kurzem ergeben, dass die Menschen im Landkreis Giessen sich „mehr Sehenswürdigkeiten“ wünschen würden.
Und dann ist man überrascht, wenn man beim Blick in die Zeitung an fast jedem Wochenende Angebote von dir findet, historische und archäologische Stätten zu besuchen.
Was macht unsere Region denn interessant und was macht sie einzigartig?

Vorweg: Der Wunsch nach mehr „Sehenswürdigkeiten“ ist auch ein Wahrnehmungsproblem. Es gibt faszinierende Stellen rund um Giessen, aber man muss sich diese Orte und ihre Vergangenheit häufig ein bisschen „erarbeiten“. Man bekommt hier nichts vorgekaut. Und das hat einen besonderen Reiz.

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Interessant sind viele Orte, von den untergegangen Städten und Dörfern bis hin zum Limes im Landkreis, der mit dem nördlichsten Punkt rechts des Rheins auch noch eine besondere Stelle des UNESCO-Weltkulturerbes ist. Hier waren mal die ersten Plätze, von denen aus „alle Wege nach Rom“ führten.
Aber wenn man die Geschichte dahinter kennt, dann gewinnt auch der letzte Grabhügel vom „Trieb“ einen besonderen Effekt, durch den Pioniere des Infanterieregiments „Kaiser Wilhelm“ einen Schützengraben gebaut haben.
Oder das kleine Jagdschloss in der Nähe von Hungen, in dem die drei Landgrafen von Hessen gemeinsam jagten und tafelten, während ihre Landsleute sich im „Hessischen Bruderkrieg“ auf ihren Befehl gegenseitig bekämpften.
Geschichte ist häufig skurril, manchmal ungewollt komisch aber immer lehrreich.

- Du verwendest oft den etwas ungewohnten Begriff „Kulturlandschaft“.
Was muss man denn darunter verstehen, was ist der Unterschied zu anderen Landschaften und kenne ich auch Dinge aus der „Kulturlandschaft“?

„Kulturlandschaft“ oder „cultural landscape“ sind alle Elemente der Naturlandschaft, die durch den Menschen verändert wurden.
Die ringförmigen Ackertrassen machen z. B. einen natürlichen Hang wie den Vetzberg zu einem Relikt der Kulturlandschaft. Aber auch alte Straßen und ehemalige Handelswege, Gräben, Hügel, definitionsgemäß auch Mülldeponien sind Relikte menschlicher Landschaftsveränderung.
Ich hatte das Vergnügen, in einem Pilotprojekt der EU zu lernen, wie man solche Stellen und die zugehörigen Prozesse vermittelt. Damit kann man auch in ländlichen Regionen Identität stiften. Und dieses Ziel steht mit im Hintergrund.

- Gefällst du dir eigentlich als „Führer“?

Ich mache das Beste daraus, aber der Begriff gefällt mir nicht. Alternativen sind rar, und „Exkursionsleiter“ hört sich so trocken an. Das Deutsche hat halt seine Defizite. Mir gefällt ja der altgälische Begriff „Schenneches“ (Sencha) besser, das ist jemand, der die Geheimnisse der Vergangenheit kennt und daraus Rückschlüsse für die Gegenwart zieht. Es hört sich auch fast wie einer unserer „Dorfnamen“ an. Aber das kann ich kaum in die Einladungen schreiben.

- Wenn man regelmäßig durch die Geschichte der Region wandert, welche Sachen bleiben dann hängen, welche Probleme tauchen auf und was „bleibt“ für dich?

Also, am Meisten lernt man eigentlich selbst auf solchen Führungen. Man recherchiert wochenlang, legt Abbildungen und Orte fest – und dann erzählt man der Schulklasse in Waldgirmes, dass es sich um die Mauern eines römischen Forums handelt. Und ehe man sich versieht, fragt ein junger Mann: „Und wieso ist das kein germanisches Haus?“ - und der ganze Plan ist hin.
In solchen Momenten bin ich froh über mein ausgefallenes Studium, weil ich auf die Fragen eingehen kann. Ein „angelernter Führer“ ist in solchen Situationen geneigt, die Frage als dumm oder falsch abzutun.
Aber es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur dumme Antworten.

- Man hört immer wieder, das man dir anmerkt, dass du bei allen Themen mit viel Freude bei der Sache bist. An irgendetwas musst du also auch deinen Spaß haben. Was fällt dir dazu ein?

Der Mensch prägt sich Dinge am Besten ein, die er mit Freude oder Leid verbindet.
Wissenschaft, die lebendig präsentiert wird, wird dadurch ja nicht unwissenschaftlicher.

Am meisten Spaß bereiten mir das oberhessische Wetter – und meine Stammgäste. Inzwischen kenne ich eine Gruppe von verschiedenen Menschen, die immer mal wieder an meinen Zeitreisen teil nehmen und dadurch inzwischen zu Spezialisten für Archäologie und Geschichte der Region geworden sind. Das führt nicht nur zu spannenden Diskussionen, sondern meine Gäste sind auch in der Lage, eigenen Freunden die einzelnen „Destinationen“, also Denkmäler, zu vermitteln. Und so war es gedacht. Eine ganze Region kann man nicht alleine entwickeln.

Die Teilnehmer die mit ihren Haustieren kommen, haben es bislang auch nicht bereut, hier gab es manchen lustigen Moment. Man kann viel eindrucksvoller zeigen, wie hoch die Mauern am Limes waren, wenn man zufällig ein Pferd dabei hat. Nach dieser Erfahrung habe ich mein Programm um begleitete Ausritte ergänzt.

Meine Exkursionen dauern etwas länger, als man das gewohnt ist. Einerseits besuchen wir immer mehrere Denkmäler, was Zeit für das Hin- und Herfahren bzw. Wandern braucht, und andererseits möchte ich eben nicht nur einen Platz und ein paar nette Bilder zeigen, sondern Wissen vermitteln, offene Fragen aufzeigen und dabei den Besuchern die Ruine oder das Denkmal so verständlich machen, dass sie es einordnen und für Gäste auch ohne mich erlebbar machen können.

- Eine Frage hast du doch bestimmt schon oft gehört:
Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Fach wie Archäologie zu studieren?

Mit sechs Jahren wollte ich mal Pfarrer, Förster oder Archäologe werden. Fast 2/3 davon habe ich inzwischen realisiert. Und dann meine Entscheidung auch gelebt. Es ist kein einträglicher Broterwerb mehr, aber es kann ja im Land der Dichter und Denker nicht immer nur um Erwerb gehen.
Für das Studium sind viel Engagement und Einsatz nötig, drei alte Sprachen und drei neue Sprachen werden neben Praktika und Grabungserfahrung voraus gesetzt.
Das ist mir nicht leicht gefallen, aber ich habe die Entscheidung auch nicht einen Tag bereut.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich seit meinem Studium erheblich öfter den Satz gehört: „Oh Mann, genau das wolle ich auch mal werden ...“.

Lustig ist aber dann immer, wie mitleidsvoll einen manche Menschen ansehen, weil man nicht „in Ägypten“ arbeitet. Schade, dass viele nicht begreifen wollen, dass unsere eigene Heimat eine genauso lange und völlig ebenbürtige Geschichte hat. Unsere Pyramiden waren die großen Grabhügel. Umso faszinierender, wenn man Funde aus den großen Hochkulturen Europas hier findet und damit den Gästen auch zeigen kann, wie gut die Kontakte der Menschen im heute als ländlich und gegenüber dem Rhein-Main Gebiet als rückständig empfundenen Mittelhessen durch alle Epochen waren.


- Bei dem Projekt geht es ja nicht nur um die archäologischen Führungen.
Daneben gibt es ja auch „mem-en-to“, hat der Begriff etwas mit dem gleichnamigen Film zu tun?
Was machst du darüber hinaus, für wen ist dein Angebot interessant?

Die Ausflüge zu besonderen Orten der Geschichte unter dem Titel „Zeitreise“ sind nur ein Bestandteil meines „mem-en-to“-Projektes. Dazu gehört auch die wissenschaftliche Beratung von Vereinen in der Heimatforschung und Anderem, von Kommunen und Bauherren bei Eingriffen in die Kulturlandschaft wie Baugebieten oder Infrastrukturprojekten. Wenn man hier Fehler macht, lassen die sich nur schwer ausgleichen. Dabei reicht die Spannbreite von der Recherche über den ersten Spatenstich bis hin zu Fundraising, Merchandising und wissenschaftlicher Gesamtbegleitung.
Außerdem habe ich neben den Führungen Unterrichtskonzepte für Schulklassen aller Altersstufen auch Angebote für spezielle Gruppen entwickelt.
Wenn jemand noch Ideen für Führungsthemen hat oder sich für Epochen besonders interessiert dann bin ich für Tipps natürlich immer dankbar.

„memento“ heißt einfach nur „Erinnere dich!“, aber vom gleichnamigen Film habe ich mich inspirieren lassen. Und von Goethe, der mal den klugen Satz geprägt hat: „Wer nicht weiß, von 3000 Jahren sich Rechenschaft zu geben, der bleibt im Dunkeln unerfahren und mag von Tag zu Tage leben“.

- Du bemühst dich, jedes Jahr etwas Neues ins Programm zu nehmen und bietest häufig erstmals Zeitreisen zu Orten an, die kaum erwähnt sind und langsam vergessen werden. Worauf können sich deine Gäste in 2012 freuen?

Ich möchte nach und nach weitere Nachbarkreise gemeinsam „erkunden“. Die positiven Erfahrungen mit der Wetterau (Römischer Limes, Glauberg) waren vor drei Jahren der Einstieg, am übernächsten Samstag, den 28. April geht es erstmals in den Kreis Marburg-Biedenkopf. Dort besichtigen wir eine abgeschiedene Burganlage, zu der es keine Urkunde gibt, suchen auf der Amöneburg die Relikte der einflussreichen Siedlung aus keltischer Zeit und stehen im Wald bei Dreihausen auf den Grundmauern einer geheimnisvollen, großen Wallanlage aus der karolingischen Epoche. Dann werden Lahn-Dill-Kreis und vielleicht noch Hersfeld-Rothenburg in diesem Jahr folgen.

Außerdem biete ich Fahrten zu den größten Ausstellungen in Deutschland an, z. B. Im September zur großen Kelten-Ausstellung in Stuttgart. Dort soll das neu entdeckte und spektakuläre Frauengrab von der Heuneburg erstmals präsentiert werden, mehr dazu erzähle ich unter anderem am kommenden Sonntag auf dem Dünsberg. Und natürlich steht für die Keltenfreunde auch ein gemeinsamer Besuch der Heuneburg selbst auf dem Tagesprogramm.
Als Vorbereitung möchte ich monatlich jeweils ein keltisches Oppidum (Großstadt) in Hessen zeigen, damit man die Orte in Baden-Württemberg mit der Situation hier vergleichen kann.
Zu all diesen Angeboten kann man sich unter dennishungen2@yahoo.de auf die Mailingliste eintragen lassen. Zum Kündigen reicht eine kurze Mail mit dem Betreff „unsubscribe“.

Viel Vorfreude verbinde ich auch mit meinem ersten Angebot an der Kreis-Volkshochschule, das noch „geheim“ ist. Näheres kann der Geschichtsfreund oder Heimatforscher dem nächsten Programm entnehmen.

- Wenn du dir etwas wünschen könntest, was wäre das?

Ein bisschen mehr Respekt und Rücksicht für die wenigen Denkmale, die die Zeit überdauert haben. Dazu gehört auch, die Wege dorthin und die Ausschilderung gemeinsam zu pflegen. Und bei Bauprojekten nicht nur das zu schützen, was man schon kennt, sondern auch aktiv nach schützenswerten Überresten der Vergangenheit zu suchen. Da wurde und wird mir zu viel verdrängt.
Der Verlust von Kulturlandschaft und Funden ist immer auch ein Verlust an kultureller Identität. Wenn man sich ansieht, wie erfolgreiche Tourismusgebiete wie Griechenland und die Türkei mit den Ruinen und Scherben ihrer Geschichte umgehen, dann muss man als Oberhesse ganz schön rote Ohren kriegen.
Und außerdem wäre es schön, wenn die Menschen ein bisschen mehr Selbstbewusstsein und Verständnis für die geschichtliche Entwicklung der Region und ihre besondere Bedeutung von meinen Zeitreisen mitnehmen würden.

Zum Schluss noch ein Zitat, über das man mal ein paar Sekunden nachdenken sollte:
„Noch niemals hat die Menschheit aus ihrer Geschichte gelernt, und sie wird es auch in Zukunft nicht tun“ von Kurt Tucholsky

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Kommentare zum Beitrag

Jenny Burger
1.707
Jenny Burger aus Buseck schrieb am 21.04.2012 um 15:46 Uhr
Ich kann diese Führungen mit Herrn Stephan nur wärmstens empfehlen.
An einigen seiner Touren konnten wir bereits teilnehmen und selbst für jemanden ohne archäologischem Grundwissen sind seine Führungen mehr als interessant und auch verständlich. Wir lernten Teile und Orte unserer Heimat und deren Geschichte kennen, die uns vorher schier unbekannt waren. Unsere Hunde haben diese Führungen selbstverständlich immer begleiten dürfen und so war es obendrein ein schöner Spaziergang allemal. Wir sind begeistert vom Wissen des Herrn Stephan und seiner Art, dies weiter zu geben.
Eine gute Gelegenheit, Verborgenes in unserer Umgebung zu entdecken.
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