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Der letzte Dino droht zu verschwinden

Elvir Ovcina (im Vordergrund; hier im Spiel in Frankfurt) muss mit den 46ers um den Klassenerhalt bangen. © Stefan Weisbrod
Elvir Ovcina (im Vordergrund; hier im Spiel in Frankfurt) muss mit den 46ers um den Klassenerhalt bangen. © Stefan Weisbrod
Gießen | Was der Hamburger SV in der Fußball-Bundesliga ist, das sind die LTi Gießen 46ers im deutschen Basketball-Oberhaus – als einziger Club seit Ligagründung ununterbrochen dabei. Doch wie den kickenden Hanseaten droht auch den dribbelnden Mittelhessen der sportliche Abstieg.

Es ist die Traditionsstätte im deutschen Basketball. Seit den 1960er Jahren fanden an keinem Ort mehr Erstligaspiele statt, als in der Gießener Sporthalle Ost. „Hier ist die Stimmung immer sensationell“, sagte Ex-Bundestrainer Dirk Bauermann, nun Coach des FC Bayern, unlängst nach dem Erfolg seines Teams bei den 46ers. Mehr als 4000 Zuschauer verwandelten die Schulsporthalle in einem „Hexenkessel“ und durften lange auf einen Sieg des aufopferungsvoll kämpfenden Heimteams hoffen. Letztlich setzten sich die Münchner, mit großen Ambitionen – und viel Geld – im vergangenen Sommer in die Bundesliga gekommen, mit 80:71 durch.

Für die Gießener folgten Niederlagen beim Tabellenletzten BG Göttingen (65:76) und am vergangenen Samstag zu Hause gegen die EWE Baskets Oldenburg (67:84). Mit nur acht Siegen aus 29 Spielen stehen sie auf dem vorletzten Tabellenplatz. Der Abstieg in die zweitklassige Pro A droht – da nutzen auch die Atmosphäre in der Halle und die Worte Bauermanns nichts.

Die Glanzzeiten liegen lange zurück

1966 war der MTV 1846 GIeßen eines der Gründungsmitglieder der Bundesliga. Der Name veränderte sich innerhalb von 46 Jahren mehrfach, die Ligazugehörigkeit jedoch nie. Kein anderer Verein ist seit Beginn an ununterbrochen in der deutschen Topliga dabei. Doch die großen Erfolge liegen lange zurück: Gleich in der Bundesliga-Premierensaison wurden die Lahnstädter Deutscher Meister, 1968 erneut. 1975 und 1978 kamen weitere Meistertitel hinzu; dann ging es jedoch bergab. In den vergangenen Jahren spielte der „Ligadino“ fast ausnahmslos um den Klassenerhalt. 2005 erreichte der Club letztmals die Playoffs und schied erst im Halbfinale aus.

Von den Top-Acht können die 46ers derzeit nur träumen. Schon vor der Saison hatte Trainer Björn Harmsen prophezeit, dass die Mannschaft um die Plätze 13 bis 16 mitspielen würde. Mehr sei aufgrund des Budgets nicht drin. Teure Starspieler können sich die Gießener nicht leisten, stattdessen bauen sie auf Veteran Elvir Ovcina – ein grundsolider Center, aber mit beinahe 36 Jahren nicht mehr der schnellste –, auf Akteure, die anderenorts nicht den großen Durchbruch schafften, und auf junge Importspieler aus den Vereinigten Staaten.

Hohe Fluktuation im Team

Der erhoffte Glücksgriff war nicht dabei, im Gegenteil: Ein halbes Dutzend Spieler, vor oder während der Saison verpflichtet, steht nicht mehr im Gießener Kader. Einer davon: Misan Haldin, besser bekannt unter seinem vorherigen Nachnamen Nikagbatse. Einst als kommender deutscher NBA-Star gehandelt, wollte der Ex-Nationalspieler in Gießen nach langer Verletzungspause zu alter Stärke zurückfinden. Den Vertrag bei den 46ers bezeichnete er selbst als „den wichtigsten meiner Karriere“. Doch versäumte es der Flügelspieler, seine begrenzte Einsatzzeit für Werbung in eigener Sache zu nutzen; im Februar wurde er schließlich freigestellt, begründet mit zu lascher Einstellung.

Für Gießen stehen engagierte, aber spielerisch limitierte Spieler auf dem Parkett. Was mit unbedingtem Siegeswillen dennoch möglich ist, bewiesen sie beim 68:65-Heimsieg über Meister Brose Baskets Bamberg und beim 78:65-Erfolg bei den Fraport Skyliners in Frankfurt. Um höhere Ziel anstreben zu können, mangelt es jedoch an individueller Klasse. So rangieren die 46ers fünf Spieltage vor Ende der regulären Saison mit nur acht Siegen aus 29 Partien auf dem 15. Tabellenplatz, punktgleich mit EnBW Ludwigsburg auf Abstiegsrang 17. Am letzten Spieltag Ende April könnte es beim aktuellen Tabellen-16. Phoenix Hagen zu einem „Endspiel“ um den Klassenerhalt kommen.

Glaube an sportlichen Klassenerhalt

Sollte es nicht klappen, bedeutet das aber nicht zwangsläufig die Zweitklassigkeit; der Ligaverbleib könnte mittels einer Wildcard möglich werden. Schon einmal kauften sich die Mittelhessen einen Platz in der Bundesliga: Am Ende der Saison 2008/2009 stand der sportliche Abstieg. Nach dem freiwilligen Rückzug der Giants Nördlingen aus der Bundesliga bewarb sich der Club erfolgreich auf eine von der Ligagesellschaft angebotene Wildcard. Der designierte Geschäftsführer Heiko Schelberg schließt eine Wiederholung nicht aus, 150.000 Euro würde das die finanziell ohnehin nicht auf Rosen gebetteten 46ers im Erfolgsfall kosten.

Möglich würde dies, falls ein Startplatz frei wird; etwa wenn einem Club die Lizenz entzogen wird oder ein sportlicher Aufsteiger keine Lizenz für die erste Liga beantragt hat – was durchaus realistisch ist: Nur drei von acht Playoff-Teilnehmern der Pro A wollen aufsteigen. Allerdings sagt Schelberg: „Das ist kein Joker, auf den wir irgendwie setzen.“ Er ist davon überzeugt, dass die 46ers die sportliche Qualifikation für die Bundesliga schaffen werden – und damit die Sporthalle Ost ab Herbst sicher ihre 47. Bundesliga-Saison erlebt.

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Kommentare zum Beitrag

Michael Beltz
7.460
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 04.04.2012 um 18:07 Uhr
Das ist sehr gut geschildert. Ich kann mich gut an die alten Zeiten erinnern, als die Amateursportler Jungnickel, Röder, Heß, Ampt, Urmitzer Butler, Geschwindner usw. noch aktiv waren und ich als Zuschauer dabei.
Dann kam allmählich der Profisport auf, es ging in erster Linie ums Geld. Wie beim VFB 1900, der kaputt gemacht wurde, nachdem der Sponsor Kerber verloren war.
Heute, nachdem auch noch die Stadt bürgen muss, habe ich kein Interesse mehr an den eingekauften Leuten meist aus den USA, die dann ein halbes Jahr bleiben. Wo soll da noch eine Identifikation vorhanden sein. Das ist wie Circus. Aber die mir unbekannten Artisten beherrschen ihr Metié.
Sehen wir uns mal den Gießener Volleyball an. Als noch Sude und Co. Bundesliga spielten und in Europa vorne waren, waren hier zwei Gießener Aushängeschilder. Nun spielen die Volleyballer in der vierten Klasse, haben Spaß und keine Geldsorgen. Der Vorsitzende, Herr Buseck, kann wenigstens ruhig schalfen - und die Spieler auch.
Die Förderung des Amateursportes sollte nicht vergessen werden.
Michael Guenter
1.186
Michael Guenter aus Lich schrieb am 04.04.2012 um 18:23 Uhr
Den Optimismus von Herrn Schelberg in Ehren, aber die zuletzt erzielten Ergebnisse lassen leider nichts gutes erahnen. Für den im Moment nicht besonders gesunden Bundesliga-Basketball im hiesigen Kreis könnte die Situation in der kommenden Spielzeit u. U. so aussehen:
46ers --> ProA
BasketBären --> ProB sicher (auf den letzten Drücker geschafft)
Pointers --> Regionalliga
rein sportlich gesehen.
Ein Verbleib in der BBL mit einer Wildcard ist für die 46ers denkbar, aber wird sich dann die Situation grundlegend ändern? Wohl kaum.
Hallo Lieber Leser
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Herzlichst, Ihr(e) Stefan Weisbrod

von:  Stefan Weisbrod

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