Gießen | Ein für die ländliche Umgebung sehr ungewöhnliches Atelier ist in den letzten Wochen in Hungen entstanden. Die Eröffnung findet am kommenden Freitag statt. Eingerichtet wird es gerade von der Kunstpädagogin Kathleen Steuernagel (26) und dem Bildhauer Uwe Scholz (47). Beide haben sich der Körperabformung verschrieben. Einer sehr alten, traditionsreichen Form der Skulpturenerstellung. Man denke nur an die bereits in der Antike erstellten Totenmasken. Zu den bekanntesten zählt hier sicherlich die Maske des ein ägyptischen Pharaos Tutanchamun, die heute im Museum in Kairo zu bewundern ist.
Es sind aber nicht die Toten, sondern die Lebenden, von denen die beiden Atelierbetreiber wertbeständige Erinnerungsstücke erstellen. Zu ihren Kunden zählen sowohl Schwangere, die diese einmalige Situation durch einen Abdruck ihres Baby-Bauches festhalten möchten, als auch Frauen, die ihrem Partner ein ganz persönliches Geschenk machen möchten. Die Möglichkeiten sind dabei äußerst vielfältig. Vom Portrait über den kompletten Torso, bis hin zur erotischen Skulptur ist alles möglich. „Wenn sich jemand für einen Körperabdruck interessiert,
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dann ist das Vertrauen ganz entscheidend“, so der Bildhauer Uwe Scholz. Im intensiven Vorgespräch werden Vorstellungen und Vorgehensweise genau besprochen. „Die Situation muss stimmig sein, und zwar für beide Seiten. Wenn im Beratungsgespräch deutlich wird, dass zum Beispiel ein Partner den anderen zu einem Abdruck überreden möchte, dann lasse ich mich darauf nicht ein. Wichtig ist, dass die Person einverstanden ist. Nur so ist eine produktive Zusammenarbeit möglich.“
Sind die Beratungsgespräche oft sehr zeitintensiv, ist der Vorgang des Abformens relativ schnell passiert. Je nach Größe der Abnahme dauert die ganze Prozedur zwischen 20 und 50 Minuten. In dieser Zeit wird die Kunststoffmasse Alginat mit einem Spachtelwerkzeug auf die entsprechenden Körperteile aufgetragen. Dieses Präzisionsmaterial wird normalerweise für zahnärztliche Kieferabdrücke verwendet. Es ist gesundheitlich absolut unbedenklich und sogar als Lebensmittelzusatz zugelassen.
Mit Alginat erhält man eine detailtreue 1:1 Abbildung von sehr hoher Qualität, die mit einem herkömmlichen Gipsabdruck nicht zu erreichen ist. Die Form lässt sich zudem völlig problemlos und ohne das geringste Ziepen vom Körper abnehmen. Die Verwendung von Trennmittel
ist überflüssig. Selbst Augenbrauen und eng anliegende Kleidungsstücke können mit abgeformt werden. Der so gewonnene Abdruck ist die Grundlage für die Positivform. Je nach Kundenwunsch wird hier mit den unterschiedlichsten Materialien gearbeitet. Das Spektrum reicht von der Schokoladenfüllung über Marmorstuck und Keramik bis hin zur hochfertigen Bronzeform.
Das Aufbringen der Abdruckmasse ist für die beiden Künstler eine Zeit höchster Konzentration. Der Vorgang erfordert absolute Präzision und das Material muss sehr zügig aufgetragen werden, da es von einer Sekunde auf die nächste trocknet und dann nicht mehr verformbar ist.
Während bei der Baby-Bauch-Abformung des öfteren die ganze Familie mit dabei ist, werden die Abdrücke für erotische Skulpturen fast ausschließlich von Frauen in Anspruch genommen. Und die kommen alleine oder mit ihrem Partner. „Männer bekunden zwar auch ihr Interesse, kneifen aber letztendlich wenn es darum geht einen Abdrucktermin festzulegen. Die Schamgrenze bei Männern scheint höher zu sein als bei Frauen“, so Scholz. „Wenn sich ein Mann tatsächlich darauf einlässt, dann kommt er meist aus einer sowieso schon sehr körperbewussten Szene. Oft erkennbar an ausgeprägtem Intim-Piercing und Tattoo-Schmuck. Es sind generell die eher die extrovertierten Persönlichkeiten, die sich zu einem solchen Schritt entschließen.“
Uwe Scholz begreift sich im Team eher als der Handwerker. Die künstlerische Rolle fällt eindeutig Kathleen Steuernagel zu. Sie ist es, die der Skulptur in der Weiterverarbeitung die künstlerische Note verleiht. Dabei arbeitet sie mit den unterschiedlichsten Techniken. Von der individuellen Bemalung bis hin zur fast klassischen Bildhauertätigkeit sucht sie immer wieder neue Ausdrucksmöglichkeiten. „Wir haben den großen Vorteil, dass wir uns im Team wunderbar ergänzen“, so die zierliche Künstlerin. Die neuen Atelierräume bieten ihr auch die Möglichkeit zu experimentieren. Sie steckt voller Ideen. Und diese Ideen brauchen Zeit und Raum um zu reifen. „Ich bin sehr gespannt darauf, die Möglichkeiten und Entwicklungen innerhalb unserer Arbeit auszuloten und immer weiter zu entwickeln.“
Scholz und Steuernagel haben viel vor in diesem Jahr. Neben Workshop-Angeboten ist im Sommer ein Kongress mit angeschlossener Ausstellung und einer Life-Abformung geplant. Scholz, der in der Deutschen Vereinigung der Körperabformer engagiert ist, möchte seine Kunst einem größeren Publikum bekannt machen. Gleichzeitig ist es ihm ein Anliegen, verbindliche Qualitätskriterien zu erarbeiten und diese in Form eines Gütezeichens zu etablieren. Ihm ist sehr an einer Vernetzung der Körperabformer gelegen. „Es geht nicht darum, dass wir in Konkurrenz gegeneinander arbeiten, sondern dass wir uns gemeinsam durch Qualität profilieren. Davon haben alle in der Branche etwas.“
Sicherlich ein richtiger Schritt, auch für die Erweiterung des Kundenkreises. Sieht man sich im Atelier um, so stehen die erotischen Skulpturen momentan noch im Vordergrund. Weibliche Genitalien sind zu Dutzenden in den Regalen aufgereiht und wirken dadurch auf den ersten Blick etwas befremdlich. Entsteht hier ein erotisches Knistern, ist die Darstellung gar pornografisch oder erinnert die Form der Präsentation eher an einen Anatomiesaal, indem man sich mit geradezu wissenschaftlicher Neugier von einem Organ zum nächsten bewegt? Die Grenzen sind fließend und liegen sicherlich im Empfinden des Betrachters.
Das es hierfür einen Markt gibt scheint unbestritten. Ob es dem Team des Ateliers gelingt, sich auch mit künstlerisch anspruchsvollen Skulpturen einen Namen zu machen, bleibt abzuwarten. Spannend ist es allemal und für die Region in jedem Fall eine Bereicherung. „Die schönsten Momente innerhalb meiner Arbeit entstehen in der Begegnung mit den Menschen“, so Scholz. Und er sagt es so, dass man es ihm ohne weiteres abnimmt.
Das Atelier eröffnet am Freitag, 23. Januar, im kleinen Kreis. Infos unter www.meintorso.de.