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Rhön ruft radikalen Sparkurs aus

von Redaktion GZam 27.02.20123414 mal gelesen4 Kommentare
(Foto: Thorsten Richter)
(Foto: Thorsten Richter)
Gießen | von Katharina Kaufmann

„Es ist einfach unglaublich, was hier passiert“, empört sich Bettina Böttcher, Vorsitzende des Betriebsrates des Marburger Universitätsklini­kums. „Verraten und verkauft“ fühle sie sich und spricht damit wohl auch für alle anderen rund 8 000 Mitarbeiter der Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) GmbH. An beiden Klinik-Standorten sollen in den nächsten zwei Jahren insgesamt 500 Stellen abgebaut werden. Das zumindest sind die Pläne der Rhön-Klinikum AG, der das UKGM zu 95 Prozent gehört.

In einer internen Mitteilung informierte der Betriebsrat am gestrigen Freitagvormittag die Belegschaft in Marburg über den drohenden Stellenabbau. In einer Arbeitsgruppe, der Vertreter des Konzerns und des UKGM angehören, würden derzeit Zielvorgaben für neue Soll-Stellenpläne entwickelt. „Noch in diesem Jahr sollen in Gießen und Marburg insgesamt 250 Stellen gestrichen werden, im nächsten Jahr noch einmal genauso viele“, erklärt Böttcher gegenüber der OP und betont: „Das alles wird von Rhön forciert.“

Die Geschäftsleitung begründet ihre Sparpläne damit, dass allein das UKGM in diesem Jahr eine Belastung des geplanten Ergebnisses von mehr als zehn Millionen Euro durch Verschlechterung externer Rahmenbedingungen hinnehmen müsse. „Trotz guter Leistungsentwicklung müssen wir feststellen, dass wegen der anhaltenden Unterfinanzierung im Gesundheitswesen der Kostendruck auch bei uns weiter zunimmt. Es ist absehbar, dass die Erlösentwicklung beider Standorte nicht dauerhaft mit der Kostenentwicklung Schritt halten kann“, heißt es in einem Schreiben der Vorsitzenden der UKGM-Geschäftsführung, Dr. Irmgard Stippler, und des Aufsichtsratsvorsitzenden des UKGM und Vorstandsvorsitzenden von Rhön, Wolfgang Pföhler, das gestern an die Mitarbeiter ging. Weitere Stabilisierungen
des Unternehmensergebnisses seien daher notwendig – sowohl die Erlössteigerung als auch die Kostensenkung betreffend. „Dies zwingt uns, die Abläufe im Hause, die Sachkostenentwicklung und den Personaleinsatz zu überprüfen“, so Stippler und Pföhler. Eine erste Analyse habe gezeigt, dass dort Entwicklungspotenzial sowie Anpassungsbedarf bestehe. Eine direkte Stellungnahme zum Stellenabbau lehnte Stippler am Freitagabend ab.
Die Rhön-Klinikum AG hatte erst vor zwei Wochen die vorläufigen Geschäftszahlen für das Jahr 2011 vorgelegt und mitgeteilt, dass der Konzerngewinn mit 161 Millionen Euro um elf Prozent höher lag als im Jahr 2010.

Für Böttcher ist der Fall klar: „Die Arbeitsdichte bei uns ist schon jetzt sehr hoch, mehr kann man den Beschäftigten nicht zumuten“, sagt sie und versichert, der Betriebsrat werde alles tun, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Die Geschäftsführung kündigte ihrerseits gegenüber der Belegschaft an, mit den Betriebsräten und Gewerkschaften um den besten Weg ringen zu wollen.

Betriebsbedingte Kündigungen sind laut Böttcher bis Ende
2015 mit dem kürzlich ausge­handelten Tarifvertrag ausge­schlossen. „Der Stellenabbau soll über Fluktuation und das Nicht-Verlängern von befriste­ten Verträgen laufen“, weiß die Marburger Betriebsratschefin.
Alle Bereiche des Klinikums würden unter Berücksichtigung von Krankenständen und Überstunden besprochen. Der Betriebsrat plant einen Sachverständigen einzusetzen und will die Beschäftigten in einer ersten Betriebsversammlung Anfang März detailliert informieren.

Die Mitarbeiter des Marburger Uniklinikums sind derweil geschockt und verunsichert. Und das nicht nur wegen der drohenden Stellenkürzungen. Denn auch die Rückkehr in den Landesdienst, die vielen noch offen steht, bringt kein Mehr an Sicherheit: Eine Arbeitsplatzgarantie wurde den Mitarbeitern dort auch nicht gegeben.

Kommentare zum Beitrag

Florian Schmidt
4.682
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 27.02.2012 um 11:19 Uhr
Tja, die Leute die das zu entscheiden haben, verfügen ja zum Glück auch über die finanziellen Mittel nicht in den Genuss des normalen Versorgungsalltags zu geraten. Wer dann in seinem Privatzimmer liegt, im Hintern das goldenen Fieberthermometer stecken hat kann zum Glück beobachten dass auch das abgebaute Personal voll seinen Dienst erfüllen kann.
Um nochmal auf das Fieberthermometer und dessen von mir angedeutete Position zurück zu kommen, Bildlich gesprochen kann kann man die Entscheidungsträger sicher mit jenem Ort gleichsetzen.
Michael Beltz
7.460
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 27.02.2012 um 11:36 Uhr
Aktiengesellschaften (AGs) sind dazu da, Gewinn zu machen. Die höchste Priorität im Kapitalismus hat der Profit, die Profimaximierung. Die Gesundheit der Patienten und der Mitarbeiter spielt nun mal kleine Rolle. Ausbeutung heißt die Devise.
Wenn du einen totprügelst und sein Geld klaust, wirst du als krimineller zu Recht bestraft.
Wenn die Rhön-Klinikum AG Patienten und Personal erkranken lässt und ihren Profit auf 161 Millionen steigert, dann dient das dem Wohlstand - einer Minderheit.
Thoralf Trundilson
233
Thoralf Trundilson aus Gießen schrieb am 27.02.2012 um 19:46 Uhr
Ich habe einen Text zum Thema von 2008 recycelt :-) Viel Spaß beim Lesen.
Christine Weber
7.459
Christine Weber aus Mücke schrieb am 29.02.2012 um 11:07 Uhr
Nur der Patient bleibt auf der Strecke. Alles Gute den "Gewinnern".
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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