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4. Segeltörn 1983 - Überführungstörn Marseille nach Portoroz 1.311 sm - Teil 1 bis Ajaccio

Noch ist es ruhig im Hafen von Marseille
Noch ist es ruhig im Hafen von Marseille
Gießen | Am 15. Januar 1983 las ich in der Süddeutschen Zeitung folgende Anzeige:

"Hallo Segelfreunde. Osterüberführungstörn von Marseille nach Portoroz(Istrien) vom 26.03. - 10.04.83"

Das wäre was für mich. Da könnte ich mir Erfahrung und die Seemeilen holen, die mir noch zur BK-Prüfung 1.000 sm
nach dem BR-Schein fehlen. Sofort wurden die Informationen angefordert. Diese kamen von einem Segelschiff-Charter in Augsburg. Aus ihnen ging hervor, dass zwei baugleiche neue "Feeling 1100" überführt werden sollten. Jede Yacht inklusive Skipper mit 8 Personen belegt. Segelerfahrung der Teilnehmer erwünscht, jedoch keine Bedingung.
Die Strecke über Bonifacio - Capri - Reggio di Calabria - Maria die Leuca - Dubrovnik - Pula - Portoroz würde ca. 1.400 Seemeilen lang sein.
Kosten mit etwa 900 DM für Anreise mit Bus, Törn Gebühr, Verpflegung und Treibstoff sowie Rückfahrt mit Bus nach München.
Abfahrt in Augsburg am 25. März um 18 Uhr, Rückfahrt ab Portoroz am 10. April gegen 10 Uhr.

Ich machte die Anmeldung klar, überwies die geforderte Anzahlung. Am 26. Februar würde in Augsburg ein Treffen stattfinden, damit sich die
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Marseille (1)Korsika (1)Ajaccio (1)
Teilnehmer kennenlernen können. Bei dem Treffen waren auch Franz und Klaus dabei, die ich schon in der Ägäis kennengelernt hatte. Franz würde Skipper der Maria Elena sein und Klaus würde wie ich auf der Juanita mitsegeln. Wir erfuhren auch, dass wir im Konvoi mit weiteren 3 anderen Yachten verschiedener Bauart fahren würden.

Endlich ist der Abfahrtstag gekommen. Die Familie bringt mich zum Bus in Augsburg. Es wird eine lange Fahrt werden. Über Zürich, dann durchs Rhone Tal. Alles grau in grau. Ist ja März, noch halber Winter. Entlang der Rhone geht es bis Orange. Ab dort durch die Camargue nach Port Camargue. Dort verlassen uns die Mannschaften der drei Yachten die ab hier starten werden. Wir anderen fahren weiter nach Marseille.

Hier pfeift der Wind ganz schön, obwohl der Himmel blau ist mit einigen kleinen weißen Wölkchen. Wir haben kurz einen Blick vom Bus aufs Meer. Schaut schon toll aus. Blauer Himmel, blaues Meer auf dem weiße Brecher zu sehen sind. Sicher Windstärke 10 Bft. Im Hafen angekommen sind die Schiffe wie er- wartet noch nicht fertig. Die Elektrik ist noch nicht eingezogen, auch fehlen noch alle Reff Leinen im Baum. Hier können wir gleich anpacken und zeigen was wir können. So gehen die paar Stunden am Samstag
Windstärke 10 - 11 vor Marseille. Mistral vom Rhonetal
Windstärke 10 - 11 vor Marseille. Mistral vom Rhonetal
schnell vorbei. An sich wollten wir ja heute noch aus- laufen, aber es wird noch dauern bis die Yacht soweit fertig ist. Solange packen wir unsere Sachen an Bord, suchen einen Schlafplatz. Mit 8 Mann wird es schon etwas eng werden. Im Vorschiff 2 Kojen und je 2 in den 2 Achterkabinen. Also müssen 2 Mann im Salon schlafen.

Abends gehen wir in ein Lokal in der Nähe und versuchen uns an einer für Marseille typischen "Bouillabaisse", hätte ich das nur gelassen, doch davon später. Ich habe mir von einem in der Nähe liegenden Schiff die Windgeschwindigkeiten geben lassen. 45 bis 50, in Böen bis zu 55 Knoten. Das sind 10 - 11 Bft. !!!

Sonntag 27. März, die restlichen Arbeiten am Schiff finden statt. Alles nicht ganz so professionell, das werden wir später noch merken. Der Wind ist nicht mehr so stark wie am Samstag, es ist dreiviertel bedeckt. Barometer steht bei 1009 Millibar, ist seit dem Vortag leicht gefallen. Wir müssen uns beeilen, haben schon einen Tag verloren. Gegen 17:15 Uhr als wir uns zum Tanken verholen, beginnt es zu regnen. Die Tankstelle ist geschlossen, also muss mit Kanistern über Land der Diesel herbeigeschafft werden. Der Wind hat im Laufe des Tages von Nord-West 4 Bft. und gegen 19:20 Uhr auf West mit 1 -
Mistral vor Marseille
Mistral vor Marseille
2 Bft. gedreht. Als wir um 19 Uhr ablegen kommt er aus Süd mit Stärke 2. Unter Groß und Fock geht es in die Nacht hinaus. Barometer ist weiter auf 1003 gefallen!! Gerade jetzt fällt die Logge aus. Wir verständigen per UKW den Skipper unseres Schwesterschiffs, der Maria Elena davon und dass wir ab jetzt direkt Kurs auf Ajaccio nehmen werden.
Plötzlich um 20 Uhr verstärkt sich der Wind auf 6 Bft. und dreht auf West. Sofort wird ein Reff ins Groß gebunden. Die Wellen haben zugelegt, es beginnt unangenehm zu werden. Ich spüre die Fisch- suppe im Magen. Die will raus. Ich bin nicht allein, die halbe Mannschaft ist seekrank.
Um 24 Uhr der Ruf, "alle Mann an Deck." Ein zweites Reff muss eingebunden und die Fock geborgen werden. Der Wind lässt dann nach, wir können zusätzlich zum gerefften Groß eine kleine Fock setzen. So gegen 2:00 Uhr fällt plötzlich der Motor, den wir zur Unterstützung beim Segelsetzen angemacht hatten, aus. Auch das Funkgerät geht nicht mehr. Also können wir das andere Schiff nicht von unseren Problemen informieren.
Am Morgen des 28. Märs, es ist ein Montag, gegen 08:00 Uhr reißt der Himmel auf und es wird heller. Gleichzeitig frischt der Wind kräftig, wir schätzen auf 6 Windstärken auf. Also nach oben an Deck, ein drittes Reff ins Groß binden und die Fock bergen. Die Mannschaft ist insgesamt stark angeschlagen. Ich fühle mich total erschöpft. Liege benommen in einer Achterkajüte. Dort ist es noch am besten auszu- halten.
Bericht der Kreuzerabteilung - Patenthalse
Bericht der Kreuzerabteilung - Patenthalse
So geht der Tag vorbei. Am Nachmittag nimmt der Wind sogar noch zu und es regnet. Geschätzte Windstärke etwa 10 Bft. bei einem Seegang von 6 - 7.
Hier mal wieder eine kurze Erläuterung für nicht Seefahrer:

Windstärke 10 Bft. bedeuten schwerer Sturm. Bäume werden entwurzelt, Häuser beschädigt.

Seegang 6 bedeutet Bildung großer Wellen, Kämme brechen und hinterlassen größere weiße Schaumflächen, etwas Gischt.

Seegang 7 hier türmt sich die See, der beim Brechen entste- hende weiße Schaum beginnt sich in Windrichtung zu legen.

20:40 Uhr. Der Skipper kämpft allein mit dem Wind(11 Bft.). Das bedeutet Orkanartiger Sturm mit schweren Schäden. Dazu hohe Wellen. Ich raffe mich mal wieder auf, gehe zu ihm nach oben. Es würgt mich, aber da ist nichts mehr da was raus könnte. "Lieber Gott, wenn wir hier rauskommen, dann werde ich nie mehr segeln", so stöhne ich vor mich hin.

- Sag niemals nie - , es sollten noch viele Törns und Seemeilen kommen.

Plötzlich steigt von hinten eine Welle ins Cockpit, ich sitze bis zum
Nach zwei Tagen Sturm
Nach zwei Tagen Sturm
Hals im Wasser. Peng, ein lauter Knall. Meine automatische Schwimmweste hat sich ausgelöst und bläst sich auf. "Willst du aussteigen?" so fragt mich Hans unser am Ruder stehender Skipper. Das geht doch nicht, das Land ist noch weit weg. Ich gehe wieder nach unten. Kann den Karbiner- haken meiner Schwimmweste fast nicht mehr öffnen. Hoffentlich ist die Nacht bald vorbei.
Nach Mitternacht lässt der Wind spürbar nach. Nur noch die See rollt unvermindert weiter. Es kann wieder eine Fock gesetzt werden. Am Himmel wird es heller. Um 3 Uhr legt der Wind wieder auf 11 Bft. zu und kommt jetzt aus Nord-Nord- West. Da keiner mehr in der Lage ist aufs Vorschiff zu gehen, lassen wir die Fock stehen.
Dienstag 29. März, endlich ist es acht Uhr. Langsam geht es mir wieder besser, der Wind hat auf 6 Bft. nachgelassen, kommt aus Nord-West und auch der Seegang lässt nach. Die ersten Zwiebacke bleiben im Magen, ein warmer Tee weckt die Lebensgeister. Nun übernehme ich das Ruder, das ich nun so schnell nicht mehr los lasse.
Wo sind wir denn überhaupt? In den beiden letzten Nächten hat sich keiner um die Seekarte und Ein- tragungen gekümmert, zumal die Logge nicht ging und dadurch Entfernungen nur geschätzt mitgekoppelt werden konnten. Auch müssten
Abertello - fälschlicherweise zuerst angelaufen
Abertello - fälschlicherweise zuerst angelaufen
wir eine riesige Abtrift durch den Sturm berücksichtigen. Dazu gleich noch eine Hiobsbotschaft. Beim Verstauen der ganzen Ausrüstung, die ja für beide Schiffe gedacht war, sind Hafenhandbücher und Seekarten aufs andere Schiff gelangt. Es sind nur noch ein Leuchtfeuerverzeichnis und der Übersegler bei uns an Bord.
12:30 kann das Groß ausgerefft werden. Es weht eine leichte Brise mit 3 Bft. und dazu steht eine mittlere Dünung. "Land in Sicht, querab an Steuerbord.!" Wie elektrisiert springt die Mannschaft an Deck. Sardinien?? So die große Frage. Vermutlich ja wenn wir unseren Kurs und die Windrichtung der letzten beiden Tage berücksichtigen. Wir sind ja teilweise nur noch vor dem Wind abgelaufen. 13:15 ist es, als ein weiterer Ruf erschallt: "Backbord, etwas vorlicher als querab, Land in Sicht!" Das könnte bereits Korsika sein und wir wären schon auf dem Weg durch die Straße von Bonifacio. Da wollen wir jetzt noch nicht hin. Wir müssen nach Ajaccio wegen der Garantie für den Motor und dort in einer Werkstatt einen Check machen lassen. Vorerst halten wir weiter auf Land zu, um aus der Küstenlinie auf unseren eventuellen Standort schließen zu können. Hans unser Skipper ist hier schon mal gefahren, er meint er kennt sich aus. Er geht vorerst nach unten, um sich auszuruhen. DIe letzten beiden Tage stand er fast allein am Ruder, er hat eine Pause nötig.

Die Inselgruppe L’archipel des Sanguinaires 10 - 15 km westlich von Ajaccio
Die Inselgruppe L’archipel des Sanguinaires 10 - 15 km westlich von Ajaccio
"Sollen wir nicht einen Bullenstander setzen", so frage ich Klaus. Bei dem derzeitigen Kurs segeln wir nahezu vor dem Wind und die achterliche Welle versetzt das Heck immer so, dass eine "Patent- halse", ein unkontrolliertes Überschlagen des Baumes droht. Gerade ist es wieder soweit. Ich kann das Schiff nicht mehr auf Kurs halten. Der Baum kommt über und die Schot erwischt Katja, die im Niedergang steht, am Rücken und schleudert sie ins Cock- pit an den Süllrand, wo sie mit dem Gesicht aufschlägt. "Holt so- fort den Skipper hoch!" rufe ich und gehe wieder auf Kurs, wobei ich etwas abfalle. So steht das Segel besser und der Baum kann nicht überschlagen.
Katja geht es schlecht. Sie ist benommen (Gehirnerschütterung?) hat Schmerzen im Unterkiefer, ihre Verblendkronen sind wegge- schlagen. Wir legen sie nach unten, wo sie mehr Ruhe hat. Jetzt heißt es so schnell es nur geht nach Ajaccio zu kommen, um dort bei einen Arzt oder in einem Krankenhaus nachsehen zu lassen.
In den Nautischen Nachrichten der Kreuzerabteilung 2/83, siehe Bild, wurde der Unfall von der verletzten Mitseglerin geschildert, ohne aber die besonderen Umstände anzuführen, die durch die zwei Tage Sturm entstanden waren.
Wir kreuzen bei schwachem Wind mit Motorschaden vor Ajaccio
Wir kreuzen bei schwachem Wind mit Motorschaden vor Ajaccio
An einer weiteren Stelle fand sich etwas zu dem Unfall, nämlich in dem Buch "Mayday Yachten in Seenot" von Schult, das im Delius Klasing Verlag erschienen ist und zwar im Kapitel "Der Großbaum als tödlicher Windmühlenflügel" auf Seiten 277/278. Dort sind nur die Namen geändert.
Um 15:00 Uhr nehmen wir Kurswechsel auf angenommen Pt. Senestose vor. Gegen 17 Uhr kommt direkt voraus Land in Sicht. Wo sind wir? Um 19 Uhr fahren wir in den vermeintlichen Golf von Ajaccio ein und nehmen Kurs auf am Horizont auftauchende Häuser. Unterwegs treffen wir einen Fischer und aus seiner Antwort auf unsere Frage ob dies Ajaccio sei, kam nein es ist Abartello. Ajaccio liegt noch weiter nördlich. Wir hatten es aus der Art der Häuser schon fast vermutet, dass wir im Golf von Valinco sind. Also nehmen wir bei schwachem Wind aus NNW Kurs auf 060 ° auf.
Leider geht es bei schwachem Wind nur sehr langsam voran. Jetzt könnten wir die Maschine gebrauchen. Mitternacht, der Wind hat zwischenzeitlich auf Nord gedreht. Der Himmel ist klar und wir erkennen am Horizont Lichter einer Stadt. Das müsste Ajaccio sein. Gegen zwei Uhr hat sich der Wind ganz gelegt. Die "Juanita" dümpelt ohne Fahrt im Golf von Ajaccio.

Zwei hilfsbereite Corsen nehmen uns in Schlepp
Zwei hilfsbereite Corsen nehmen uns in Schlepp
Mittwoch 30. März, endlich am Morgen gegen 10 Uhr kommt leichter Wind auf, wir fahren nach Landsicht zu der Stadt hin. Ein korsisches Motorboot hält auf uns zu. Wir erbitten und erhalten Schlepphilfe. Wir erreichen die rote Tonne vor dem Hafen, dann nach 1 1/2 Stunden endlich im Hafen, Leinen fest in Ajaccio. Bringen Katja sofort zum Arzt, der einen Oberkieferbruch feststellt sowie eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Sie sollte sofort ins Krankenhaus, entschließt sich aber dazu nach München zu fliegen. Thomas wird sie begleiten.
So sind wir nur noch fünf Mann und eine Frau an Bord. Die Maria Elena ist schon seit dem Morgen im Hafen. Sie haben im Gegensatz zu uns den Sturm vor "Topp und Takel" abgewettert. Wir sind abgelaufen bzw. haben versucht so gut es ging zu segeln.
Während Hans sich um Reparatur von Motor und Logge kümmert, geht der Rest der Crew zum Duschen. Dem folgt ein ausgiebiger Landgang, wobei ich am meisten von dem Cours du General Ledere, der vom Hafen hin zum Place D’Austerlitz führt, begeistert bin. Er liegt ein ganzes Stück außerhalb des Zentrums. Dort ist ein Denkmal des großen Sohns der Stadt "Kaiser Napoleon" errichtet. "Er" steht oben am Hügel und blickt über den Hafen aufs Meer hinaus.
Da es heute schon Mittwoch ist, beschließen wir spät Abends wieder abzulegen. Wir gehen dann noch gemütlich durch die pitoresken Gassen der alten Hafenstadt, dann wird eine Kleinigkeit gegessen und das Schiff zum Ablegen vorbereitet. Pünktlich 22 Uhr erfolgt der Start zur Nachtfahrt in Richtung "Sizilien". Den beabsichtigten Schwenker über Capri können wir aus Zeitgründen nicht machen.

Fortsetzung Teil 2 nach Reggio di Calabria folgt in Kürze.

Noch ist es ruhig im Hafen von Marseille
Windstärke 10 - 11 vor Marseille. Mistral vom Rhonetal
Mistral vor Marseille
Bericht der Kreuzerabteilung - Patenthalse
Nach zwei Tagen Sturm
Abertello - fälschlicherweise zuerst angelaufen
Die Inselgruppe L’archipel des Sanguinaires 10 - 15 km westlich von Ajaccio
Wir kreuzen bei schwachem Wind mit Motorschaden vor Ajaccio
Zwei hilfsbereite Corsen nehmen uns in Schlepp
Der Hafen von Ajaccio
Die rote Tonne
Der große Sohn von Stadt und Insel - Kaiser Napoleon
Flugblatt aus Anfang der 70iger Jahre. Hat Corsica eine Zukunft
Cours du General Ledere
An Bord der Maria Elena - Plausch und Wäsche trocknen
Typisches Straßenlokal

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von:  Peter Herold

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