Gießen | Nach einer zweijährigen Pause sollte nun der 3. Segel-törn über eine Woche an die Côte d'Azur gehen. Ausgangshafen die künstlich angelegte Hafenstadt Port Grimaud, siehe unter:
http://de.wikipedia.org/wiki/Port_Grimaud
Ich hatte zwischenzeitlich an Wochenenden bei einer anderen Segelschule am Ammersee mit praktischer Segelausbildung begonnen und mich für den Herbst als Mitsegler für einen BR-, BK-Ausbildungs- und Prüfungstörn angemeldet. Es sollte ab Port Grimaud an der französischen Mittelmeeküste in der Nähe von St. Tropez ein einwöchiger Segeltörn stattfinden. Bei der Törn-besprechung treffe ich einen alten Bekannten wieder, mit dem ich 1979 den A-Schein am Starnbergersee gemacht hatte. Patrick ist Bretone und arbeitet in München bei Siemens. Insgesamt sind es 7 Teilnehmern. Skipper mit seiner Frau, dazu 2 Prüflinge Patrick(BK) und Erhard(BR), dazu Hermann und ich aus München und Rolf aus der Schweiz als Mitsegler.
Am Samstag 25. September frühmorgens fahren wir in München mit 2 Pkw los. Die Fahrt geht über die B12 nach Lindau, durch
die Schweiz nach Genua Italien. Dann die Küstenstraße die italienische Riviera bis San Remo zur Grenze nach Frankreich. Weiter geht es die französische Riviera an Monaco, Nizza und Cannes vorbei nach Port Grimaud. Dort machen wir uns auf die Suche nach unserem Schiff, das hier irgendwo in einem Gewirr von Wasserstraßen und Gässchen(fast wie in Venedig)liegen soll. Da Patrick als gebürtiger Bretone die Landessprache perfekt beherrscht, bereitet die Suche keine Probleme und wir finden die "Bounty", so heißt die Segelyacht. Es hat begonnen zu regnen, so holen wir schnell unser Gepäck an Bord. Dann gehen wir essen und bald schlafen, denn morgen wollen wir früh raus.
Sonntag 26. September 7:45 Uhr, bedeckt es regnet. Der Wetterbericht gibt 5 - 7 Bft. aus Süden be-kannt, ab Mittag auf West-Nord-West drehend und auf 3 - 4 abschwächend. Schnell gefrühstückt und um viertel nach zehn können wir ablegen. Es geht vorsichtig durch die Kanäle hinaus auf das offene Mittelmeer. Wir wollen heute nach St. Tropez, das hier gleich um die Ecke liegt. Um 11 Uhr reißt der Himmel auf, wir können alle Segel, also auch den Besan am hinteren Mast setzen. Das Großsegel bekommt ein Reff und bei Windstärke 5 geht es mit schäumender Bugwelle Richtung St. Tropez.
Nach einer Stunde, der Wind hat leicht zugenommen, binden wir ein zweites Reff ins Groß. Der Seegang hat auf 4 - 5 zugenommen und durch die Schräglage kam Wasser über. Jetzt mit dem zweiten Reff segeln wir aufrechter. Um 13 Uhr können La Moutte mit 170° und Rabiou mit 225° gepeilt werden. Mit dieser so genanten Kreuzpeilung, die in die Seekarte eingetragen wird, können wir eine genaue Ortsbestimmung vornehmen. Der Wind hat um 3 Stärken nachgelassen, so können wir die Reffs aus dem Groß entfernen und die Fock gegen die Genua tauschen. Jetzt in der Bucht vor St. Tropez fahren wir einige Stunden Manöver unter Segeln, denen dann noch einige Maschinenman-över folgen, bevor wir um 17:45 vom Skipper den Befehl zum Anlegen im Hafen erhalten. Schon kurz darauf liegen wir fest an einer Muringleine mit dem Heck zum Land. Ich war zum Navi-gator ernannt worden, habe alle Ereignisse und Kurse in der Seekarte notiert und trage jetzt alles ins Logbuch nach. Heute bleiben wir an Bord, kochen uns selber und machen es uns gemütlich.
Montag 27. September 7 Uhr Wetterbericht für heute. 4 - 6 Bft. aus West auf 3 - 4 nachlassend. Der Himmel ist heute fast frei, Barmeter zeuigt 1020. Klarmachen zum Auslaufen, das bedeutet im einzelnen(muss mal gesagt werden): Während die Freiwache Frühstück macht, wird von der Wache geprüft, ob Öl und Wasserstand ok. Alle Seeventile geschlossen sind. Letzten Landgang um auf Toilette zu gehen. Besser an Land, als später auf dem Schiff.
Heute muss ich noch eine etwa 2 Meter lange und etwa acht Millimeter bis 1 Zentimeter dicke Leine besorgen. Mit Händen und Füssen gelingt mir dies in einem Geschäft. Französisch kann ich leider nicht, aber es gelingt mir auch so.
Dann schnell gefrühstückt und um 9:40 heißt es "Maschine an", "Leinen los", wir legen ab. Es soll heute zu den Iles d'Hyeres, den westlichsten Inseln an der Côte d'Azur gehen. Nachdem wir von der Küste frei sind, werden Besan, Groß und Genua gesetzt und bei leichtem Westwind und Sonnenschein geht es vorran. Als wir jedoch Cap Camarat querab an Steuerbord haben setzt plötzlich ein harter westlicher Wind mit Stärke 6 ein und wir müssen schnellstens die Genua gegen die Fock tauschen sowie ein Reff ins Groß binden. Eine halbe Stunde später nehmen wir das Groß ganz weg, segeln nur noch mit Fock und Besan. Dadurch haben wir weniger Krängung, schieben also weniger Lage wie der Eingeweihte sagt und kommen doch genauso schnell vorran. Sylvia die Frau des Skippers hat in-zwischen gekocht
und alle essen, nur ich nicht. Mir ist übel, muss an die Reeling Neptun opfern. Dann geht es wieder. Zwischenzeitlich hat der Wind auf Stärke 7 aufgefrischt, mit rauschender Fahrt geht es unserem Tagesziel Porquerolles entgegen. Der Wind wird dann wieder schwächer und wir können zusätzlich das Groß wieder setzen. Er lässt sogar noch weiter nach, so holen wir das Groß wieder ein und fahren zusätzlich mit Maschine weiter. Es ist 18 Uhr wir versuchen es nochmals mit segeln. Also Motor aus, es geht eine Stunde, dann ist der Wind ganz weg. Wir holen alle Segel ein und fahren nur mit Maschine weiter auf dem kürzesten Weg nach Porqerolles, wo wir um 20 Uhr ankommen. Schnell ist ein freier Platz gefunden, wir liegen ein viertel Stunde später sicher an einer Muring. Ein harter Segeltag. 56 Seemeilen, davon nur 10 unter Maschine.
Dienstag 28. September 7:45 Uhr. Heute lassen wir es ruhiger angehen. Es gibt einiges an Bord zu tun, dann muss eingekauft werden und alle wollen natürlich auch die Stadt und den Hafen sowie die Fischer im Hafen bei ihrem Treiben anschauen. Da es sehr schön warm ist, beschließen wir auzulaufen und in einer nahegelegen Bucht vor Anker zu gehen um zu baden. Nach einigen Ankermanövern lassen wir den Anker fallen,
machen Mittagspause bis 15 Uhr. Derweil übt Patrick mit Sextant und Funkpeiler für seine BK-Prüfung. Wir beschließen heute Nacht durchzusegeln bis Monaco. Ein großer Schlag nach dem Motto: " Nachts macht man die Meilen!" Es werden wahrscheinlich so um die 100 Seemeilen sein. Aber vorher wird noch kräftig gegessen. Sylvia hat eine Riesen-schüssel Salat gemacht. Der wird verputzt. Dann geht es los.
"Die Côte d'Azur in einer Nacht"
Ablegen mit gesetzten Segeln. Bei bei leichtem achterlichem Wind segeln wir nach Osten, baumen die Genua aus und haben den Großbaum mit einem "Bullenstander" gesichert. So wird ein unbeabsichtigtes Überschlagen des Baums verhindert. Gegen 19:45 bergen wir bis auf den Besan die Segel und fahren unter Maschine weiter. Keiner geht unter Deck. Eine traumhafte Nacht, habe so etwas noch nie gesehen. Der Mond hat ein so genanntes "Hallo", das ist ein Ring um den Mond. Soll eine Wetterverschlechterung anzeigen. Plözlich neben uns im Wasser ein Aufblitzen. Delphine! Ich gehe leise zum Bug und schau ihnen zu wie sie neben und vor dem Bug durch die Wellen schneiden. Sie bleiben so für Stunden unsere Begleiter. Um Mitternacht, meine Wache ist zu Ende, gehe ich nach unten und lege mich in meine Koje, schlafe sofort ein. "Wachwechsel!", zwei Stunden vorbei, meine Wache beginnt. Etwas schlaftrunken setze ich mich auf, ziehe mich an und gehe an Deck.
Als erstes machen wir zur genauen Ortsbestimmung eine Kreuzpeilung mit der Ansteuerungstonne Seche a l'Huile 258° und Lion de mer(Insel des Meerwolfes) in 338°. Nach dem Eintragen in die Seekarte stellen wir fest, es sind noch 50 sm bis Monaco. Beim Wachwechsel um 4 Uhr setzen wir noch alle Fock und Groß, so können wir ruhig schlafen. Ich werde wach, Patrick hat mich geweckt. "Sei leise" sagt er. " Deine Wache ist noch nicht dran, aber schau dir den Sonnenaufgang an." Leise um keinen zu wecken steige ich hoch ins Cockpit. Die Sonne ist zuerst kaum zu sehen. Nur ein gelbroter Schimmer am Horizont im Osten lässt erahnen wo gleich die Sonnenscheibe auftauchen wird. Es sind diese Momente, die das Segeln so unvergesslich schön machen. Jetzt bleibe ich oben bis zum Wachbeginn um 8 Uhr. Wir haben uns Tee gemacht und genießen den Tagesan-fang. Wettermeldung für heute Mittwoch 29. September. Wind aus ESE mit 2 - 3 Bft. Die Kreuzpeilung mit Garouse 319° und L.Moina 267° ergibt den neuen Standort. Entfernung bis Monaco noch 25 Seemeilen. Leider schläft der Wind ein, wir müssen mit Maschine
weiterfahren, sehen Monaco schon vor uns. Gegen 11:20 Uhr erreichen wir "Musee Ocean" und können hier bei wieder zu-nehmendem Wind Segelmanöver üben. Gegen 13 Uhr hören wir auf und steuern den Hafen von Monaco an. Im Radio hatten wir vom Unfalltod der Fürstin von Monaca, Gracia Patricia gehört und setzen daher beim Einlaufen in den Hafen die Gastland-flagge von Monaco auf Halbmast. Gleich unterhalb des Spiel-casinos in einer Ecke finden wir einen freien Platz und da es keine Muring gibt müssen wir ankern. Zur Vorsicht setzen wir eine Ankerboje, dann sind wir nach insgesamt gefahrenen 183 Seemeilen um 13:45 landfest. "100 Meilen davon in einer Nacht entlang der Côte d'Azur."
Skipper Hans wirft sich in Schale, mit Kapitänsmütze und geht zum Hafenmeister einklarieren. Er erzählt uns als er zurück kommt, dass wir keine Hafengebühr zahlen müssen. Unsere respektvolle Geste beim Einlaufen, Flagge auf Halbmast, habe anscheinend die Hafenbehörde zu diesem Entgegenkommen veranlasst. Wir gehn jetzt erstmal "Schiffe schauen", die es hier reichlich gibt. Alle mit Mahaghoni und viel blitzeblank geputztem Messing und Chrom. Gegen Abend, als schon langsam dunkel wird, gehen wir hoch zum Spielcasino. Nur mal so von aussen gucken. Unser outfit und Geld ist hier nicht passend genug.
Donnerstag 30. September früh um 8:45 Uhr wird das Schiff zum Auslaufen fertig gemacht. Check von Motor und Bilge sowie Treibstoff. Der Wetterbericht für heute von Radio Monaco verheisst Südwind Stärke 2 - 3 Bft., keine Sturmwarnung. Es ist halbbedeckt, der Barometer steht auf 1018, gegenüber 1022 vom Vortag. Anker auf und Leinen los 10:45 Uhr! Wir laufen aus Richtung Golfe Juan, dort soll am Freitag die BK- und BR-Prüfung abgenommen werden.
Wir verlassen den Hafen kommen an der Mole mit dem mar-kanten Turm vorbei, Richtung offenes Meer. Bei einem Wind von 3 Bft. setzen wir Fock, Groß sowie Besan und fahren zügig an Cap Ferrat vorbei, dies um 12:45 passierend, weiter nach Westen. Statt der Fock können wir die Genua setzen, das bringt mehr Fahrt. 14:50 haben wir an Steuerbord Pte. de l'Lietle. Hier machen wir für zei Stunden ausgiebige Segelmanöver mit allen Segeln an beiden Masten. Die Segel werden dann geborgen und unter Maschine steuern wir den Hafen von Golfe Juan an. Die charakteristische Hafeneinfahrt mit der grünen Leitplanke an unser Steuerbord-seite passieren wir gegen 17:30 Uhr. Kurzfristig, bis wir vom Hafenmeister einen Liegeplatz zugewiesen bekommen, legen wir uns an die Tankstelle.
Um 17:45 liegen wir fest an Muring mit Heckleinen zum Steg. Heute waren es nur 30 Seemeilen. Heute gehen wir groß französisch essen. Ca. 100 France pro Person, das sind etwa 35 DM. Anschließend geht es an Bord, frühes schlafen ist angesagt.
Freitag der 1. Oktober 1982 ein denkwürdiger Tag mit historischen Ausmaßen.
Neben der BR-/BK-Prüfung hier vor Ort, wir haben es im Radio gehört, fand in Bonn die Ablösung der Regierung statt. Eine lange schwarze Zeit begann. Aber das nur so am Rande. Wir mussten uns um die Prüfung unserer zwei Mitsegler kümmern. Pünktlich 9:45 Uhr kommt der Prüfer des DSV Herr Häberlein an Bord und wir fahren in die Bucht hinaus. Bei schönem Wetter, sonnig und Wind mit 4 Bft. aus Ost-Süd-Ost können die Prüflinge alle vom Prüfer verlangten Segel- und Maschinenmanöver zu desen Zufriedenheit durchführen. Dazu müssen sie Fragen zur allgemeinen Seemannschaft beantworten und Patrick zusätzlich unsere Posi-tion mit dem Handfunkpeiler bestimmen. Dazu mit dem Sextanten einen Horizontalwinkel messen. Dann gratuliert der Prüfer den zweien und wünscht ihnen "Allzeit gute Fahrt", geht dann aber nicht von Bord, sondern nimmt wie zuvor mit unserem Skipper besprochen, noch von einem Segler die A-Scheinprüfung ab,
damit dieser anschließend seine BR-Prüfung ablegen kann. Der A-Schein ist u.a. Voraussetzung für die Prüfung zum BR-Schein. Der Prüfling war den Anforderungen der Prüfung, er sollte einen so genannten "Luvanleger" an unserer dem Wind zugewandten Seite machen, nicht gewachsen. Er holte dreimal hintereinander nicht richtig seemännisch seine Segel herunter als er sich an unsere Schiffsseite legte. So konnte ihn der Prüfer nicht zur BR-Prüfung zulassen und der Segler war umsonst aus Deutschland an die Côte d'Azur gefahren um quasi in einem Aufwasch die zwei Segelscheine zu machen. Aber so die Erklärung des Prüfers, könne er es nicht verantworten, dass er ihn als Führer einer großen Yacht zulassen würde. Wir fahren zum Hafen zurück, Herr Häberlein verlässt uns und wir machen Mittagspause von 11:30 bis 13:10. Dabei hören wir im Radio die bewußte Abstimmung im Bundestag, bei der Kohl die SPD Regierung unter Willy Brandt stürzt. Da wir jedoch noch heute nach Port Grimaud zurück müssen legen wir ab, setzen draußen vor dem Hafen die Segel und los geht es bei einem "Vierer Wind" zurück zuum Heimathafen. Leider verlässt uns dieser gegen 14:05. Alle Segel bis auf Besan werden geborgen und unter Maschine geht die Fahrt weiter. Plötzlich ein
Stottern des Motors. Ein Blick auf die Anzeige zeigt vollen Tank an. "Habt ihr die Ventille dieser Schaugläser am Motor aufgedreht", so die Frage des Skippers. Natürlich nicht! Also aufgedreht und natürlich Leitungen entlüften. Dann kann die Fahrt weitergehen. Gegen 16 Uhr können wir Pic de l'Ouvos in 356° und La Boule in 297° peilen. Diese tragen wir als so genm´nannte Kreuzpeilung in die Seekarte ein und können so unseren derzeitig Standort entnehmen. Ein ein halb Stunen später wird erneut gepeilt und zwar diesmal La Moutte 190° und Seche a l'Huile 235°. Gegen 18 Uhr haben wir Seche a l'Huile an Steuerbord querab (90° zur Schiffslängsachse). Um 19 Uhr laufen wir bei einem wunder-vollen Sonnenuntergang in Port Grimaud ein und sind an Muringleinen fest um 19:30 Uhr. Insgesamt haben wir 253 Seemeilen zurückgelegt.
Samstag 2. Oktober wird ab 7:30 Uhr das Schiff für die Übergabe aufgeklart, kurze Fahrt zur Tankstelle um den Tank zu füllen, 105,17 Liter Diesel gehen hinein. Die haben wir in den 24 Stunden an denen wir unter Maschine liefen verbraucht. 10:30 alle Mann von Bord, wir fahren nach Hause.