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Vortrag: Flüchtlinge in Gießen - woher und warum? - ein Rückblick

Gießen | Am 31. Januar lud die Liste "UniGrün - die grüne Hochschulgruppe" zu einem Vortrag mit Diskussion zum Thema "Flüchtlinge in Gießen - woher und warum?" ein. Es sprachen Hermann Wilhelmy, Flüchtlingsseelsorger in Gießen, sowie Klaus-Dieter Grothe, Psychotherapeut, Kinder- und Jugendpsychiater, mit Schwerpunkt Behandlung traumatisierter Flüchtlinge. Die Anwesenden lauschten gebannt den Vorträgen der Referenten und beteiligten sich später mit Fragen und Einwänden an einer regen Diskussion.

So präsentierte Pfarrer Wilhelmy zunächst die aktuelle Flüchtlingssituation in Zahlen und Fakten für Deutschland, Hessen und Gießen. Es wurde die Herkunft der Flüchtlinge nach Ländern vorgestellt sowie der anteilige Prozentsatz von angenommenen Asylanträgen im vergangenen Jahr. Je nach Herkunft und Begründung des Asylantrags entsteht so eine insgesamt sehr unterschiedliche Anerkennungspraxis. Generell stammen die Asylbewerber aus der ganzen Welt, die Durchführung des Asylverfahrens erfolgt nach dem Asylverfahrensgesetz, das teils aus menschlicher Sicht jedoch nur schwer nachzuvollziehen ist. Derzeit lässt sich ein besonders hoher
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Anteil von aus Pakistan stammenden Asylbewerbern feststellen, viele stammen auch aus dem Irak und dem Iran. Von den rund 45.000 Flüchtlingen, die jährlich nach Deutschland kommen und hier einen Asylantrag stellen, leben derzeit um die 400 Menschen in der HEAE, der Hessischen Erstaufnahme-Einrichtung.

Um den Fakten ein Gesicht zu geben, präsentierte Klaus-Dieter Grothe daraufhin eine reale Geschichte, die Fluchtgeschichte von Muhammed (Name geändert), eines Minderjährigen aus Somalia, der noch nie Zugang zu Bildung hatte. Als er von der Al-shabaab-Miliz rekrutiert werden sollte, weigerte sich sein Vater ihn auszuliefern und schickte ihn in ein nahe der Stadt gelegenes Flüchtlingslager. Von der bald darauf dort ankommenden Mutter und den Geschwistern musste er erfahren, dass sein Vater aufgrund der Weigerung erschossen worden war. Daraufhin begab er sich auf eine lange Fluchtreise, die ihn über den Sudan durch die Wüste nach Libyen, dort in Haft brachte. Dank Begnadigung aufgrund des Geburtstags von Ghaddafi (!) konnte er seine Reise gen Europa fortsetzen. Der Aufenthalt im italienischen Flüchtlingslager brachte für Muhammed jedoch weitere Gewalterfahrungen mit sich, so dass er erneut die Flucht ergriff und über weitere lange Umwege schließlich in Gießen ankam.

Herr Grothe machte anhand des Beispiels deutlich, dass Flüchtlinge bereits auf dem Weg in das verheißungsvolle Europa zahlreichen Schwierigkeiten begegnen. Nach inoffiziellen Zahlen schafft es nur die Hälfte der Flüchtlinge aus den Ländern Afrikas südlich der Sahara, überhaupt lebend durch die Wüste zu kommen. Wenn sie unwürdigen Haftbedingungen in Küstenländern wie Libyen entgehen können, kommt eine weitere große Zahl auf dem strapaziösen Weg über das Mittelmeer um. Endlich in Europa angekommen, werden sie teilweise direkt wieder zurückgeschickt oder müssen sich mit den Bedingungen in hoffnungslos ausgelasteten Flüchtlingslagern auseinandersetzen. Neben den körperlichen Erkrankungen müssten sie eigentlich aufgrund von psychischen Traumata, die sich während der Flucht und den Aufenthalten in Flüchtlingslagern und Gefängnissen ausbilden, behandelt werden. Um dies nachzuweisen, kann ein spezielles Gutachten erstellt werden, welches die Flüchtlinge in ihren Antragsprozess miteinbringen können, um somit ihre drohende Ausweisung aus dem jeweiligen Land zu verhindern. Leider ist Herr Grothe nur einer von wenigen Psychotherapeuten, die das entsprechende Zertifikat zur Ausstellung eines solchen Gutachtens innehaben. Fest steht jedoch, dass die schweren psychischen Traumata in den Heimatländern der Flüchtlinge nicht in ausreichendem Maße behandelt werden können, sich aber auch hier durch anhaltende unsichere Verhältnisse, wie Weitervermittlungen und die fortwährende Gefahr der Abschiebung, verschlimmern und festigen können. Dies gilt nicht nur für minderjährige, sondern auch für erwachsene Flüchtlinge.


Hiernach wurden Fragen zu Asylverfahren und Beratungsmöglichkeiten geklärt. Seit der Dublin-II-Verordnung, einer EU-Verordnung aus 2003, die regelt, welcher Mitgliedsstaat für einen im Geltungsbereich gestellten Asylantrag zuständig ist, werden Asylsuchende in das europäische Land zurückgeschickt, wo sie erstmals als Flüchtlinge registriert wurden. Damit soll erreicht werden, dass ein Asylsuchender innerhalb der Mitgliedstaaten nur noch ein Asylverfahren betreiben kann. Dadurch sind gerade die Außenländer der EU einer enorm viel höheren Belastung durch Flüchtlinge ausgesetzt als Binnenländer wie beispielsweise Deutschland. In Ländern wie Italien oder Griechenland kommt erschwerend eine (überforderte oder desinteressierte?) Bürokratie hinzu, die den Flüchtlingen weder ausreichenden Schutz noch angemessene Versorgung gewährleistet. Jugendliche wie Muhammed bekommen hier außerdem keine gesonderte Behandlung und sind Drangsalierungen und Gewalttaten von älteren Insassen hoffnungslos ausgeliefert. Immer häufiger schieben daher die zuständigen deutschen Gerichte die Betroffenen nicht in die entsprechenden Länder zurück, da die Gefahr dort für sie unverantwortbar groß sei.

Zuletzt wurde vom Plenum die Frage danach gestellt, wie der einzelne Bürger in Gießen zur Verbesserung der Situation beitragen kann. Pfarrer Wilhelmy stellte hierzu die Save me-Kampagne vor, die zur Einführung des Resettlement-Programms in Deutschland bereits wesentlich beigetragen hat und sich nun auch im weiteren Verlauf um die ersten Ankommenden kümmern wird. Sie sind für jede Hilfe und Beteiligung an ihren Aktionen dankbar. Außerdem stellte ein Mitglied von Medinetz Gießen kurz die Arbeit ihrer studentischen Gruppe vor, die darin besteht, in und um Gießen lebenden Menschen ohne Papiere medizinische Versorgung zu verschaffen. Zuletzt wurde noch das Engagement der evangelischen Kirche vorgestellt, bei dem Interessierte sich durch Mithilfe in der Teestube der HEAE (Hessische Erstaufnahmeeinrichtung) einbringen können.

Die Gruppe UniGrün zeigte sich sehr zufrieden mit dieser erfolgreichen Veranstaltung und lädt zum Mitmachen ein. Weitere Termine sowie Kontakt für weitere Informationen sind auf der Homepage http://www.inst.uni-giessen.de/unigruen/ zu finden.

 
 

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