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Exportgut Drama - Gießener Studierende brillieren auf der Lodzer Bühne

von Cora Dietlam 13.01.20122598 mal gelesenkein Kommentar
Der Verlorene Sohn (Sascha Kaballa, rechts) verliert sein Geld an den Wirt (Christoph Hombergs, Mitte).
Der Verlorene Sohn (Sascha Kaballa, rechts) verliert sein Geld an den Wirt (Christoph Hombergs, Mitte).
Gießen | Am 5. Januar hat die Theatergruppe des Gießener Instituts für Germanistik einen besonderen Bühnenerfolg gefeiert: Unter tosendem Applaus fand die Dernière von Erik Kolmodins frühbarockem Weihnachts- und Dreikönigsspiel „Genesis Aetherea“ („Himmlische Geburt“) im Kulturzentrum „Akademicki Osrodek Inicjatyw Artystycnych“ in Lodz statt.

Schwungvoll und witzig wurde von den Gießener Studierenden die altbekannte Weihnachtsgeschichte in neuem Gewande präsentiert, kulminierend im Blutrausch des wahnsinnigen Herodes (vortrefflich präsentiert von Alexander Bauer), zu dem die stille Größe Marias (Mary-Jane Würker) einen faszinierenden Gegenpol darstellte. Besonderen Applaus verdienten die Lodzer Studentin Ewa Psuty, die für eine verhinderte Kommilitonin aus Gießen einsprang und geradezu professionell die Rolle des Erzengels Gabriel übernahm, sowie Frau Dr. Elzbieta Kapral, die perfekt und ohne vorherige Probe die Bühnenbeleuchtung steuerte.
Für Verwunderung, Amüsement und Begeisterung zugleich sorgte beim polnischen Publikum der faule Student (Sascha Kabella), der in diesem ungewöhnlichen Weihnachtsspiel als Verlorener Sohn leicht bekleidet über die Bühne flitzt und dabei sowohl die Hirten als auch die Heilige Familie reichlich irritiert. Witz und Ernst treffen hier effektvoll aufeinander.
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Erik Kolmodins ursprünglich schwedischsprachiges Weihnachtsspiel, 1659 an der Universität Åbo (Finnland) uraufgeführt, ist nur in einer von der Zensur bearbeiteten Fassung überliefert. Cora Dietl, Professorin für deutsche Literaturgeschichte an der Universität Gießen und Leiterin der Theatergruppe, ging einzelnen Hinweisen im überlieferten Text nach und rekonstruierte eine mögliche Fassung des Spiels vor der Zensur, welches sie dann in deutscher Übersetzung für die Bühne aufarbeitete: ein mit Augenzwinkern durchgeführtes literarisches Experiment – das glückte. Sie kombinierte das humanistisch geprägte Weihnachts- und Dreikönigsspiel mit Szenen aus verschiedenen frühneuzeitlichen Spielen vom Verlorenen Sohn, der im Schul- und Universitätsdrama des 16. Jahrhunderts gerne als lotterhafter Student dargestellt wird. So entstand ein Weihnachtsspiel, das die Geburt des Erlösers mit der gleichnishaften Erzählung vom einzelnen Sünder, dem Gott vergibt, verknüpft. Wie im 17. Jahrhundert war die Erarbeitung der Aufführung des Spiels Teil des universitären Unterrichts (eines Projektseminars an der Justus-Liebig-Universität Gießen); wie im 17. Jahrhundert diente auch hier die Aufführung der Begegnung zwischen Universität und Stadt: Nach den erfolgreichen Aufführungen in Grünberg, Regensburg und Gießen im Dezember 2011 spielten die Gießener nun vor einem fast voll besetzten Theatersaal des Kulturzentrums in Lodz, wo die Vizepräsidentin der Universität Lodz, Frau Prof. Dr. Joanna Jablkowska, die Gäste aus der Partneruniversität begrüßte.

Die Aufführung in Lodz war Teil eines gemeinsamen Seminars der Universitäten Gießen und Lodz mit dem vielsagenden Titel „Das deutsche Drama der Frühen Neuzeit – ein ‚Exportgut‘ für Europa“. Finanziert wurde das viertägige Seminar (3.–7.1.2012), das auf eine studentische Initiative aus Lodz zurückging, durch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und die Universitätspartnerschaft Gießen-Lodz. In seinem Fokus standen verschiedene lateinische Humanistendramen, die im deutschsprachigen Bereich entstanden waren und sich von dort aus in Richtung Norden und Nordosten verbreiteten. Näher betrachtet wurden u.a. Christoph Stymmelius' Komödie „Studentes“ (1545), die von Frankfurt/O. aus bis nach Amsterdam, Bergen und Turku gelangte, und Erik Kolmodins „Genesis Aetherea“, das von Mustern deutscher Humanisten- und Reformationsdramen ebenso abhängig ist wie von deutschen mittelalterlichen Traditionen geistlicher Spiele.

Die Zeit war zu knapp, um ein Thema, das Stoff für ein größeres Forschungsprojekt böte, erschöpfend zu behandeln, zumal die Studierenden aus Lodz noch ein ausführliches Besichtigungsprogramm der historischen und literarischen Stätten ihrer Heimatstadt für ihre Gießener Kommilitonen vorbereitet hatten. Am Ende der Veranstaltung aber stand auf jeden Fall fest: Das frühneuzeitliche Universitätsdrama vermochte nicht nur seinerzeit Deutschland mit den Ländern im Norden und Osten zu verbinden, sondern es kann auch heute noch internationale Universitätspartnerschaften bereichern. Pläne für einen Gegenbesuch einer studentischen Theatergruppe aus Lodz in Gießen und eine Fortsetzung des Seminars im Wintersemester 2012/13 bestehen bereits.

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