Gießen | von Frank R. Stockton (1834 – 1902)
Übersetzung: Bernd Zeun
Kapitel 20
Wieder daheim
Am nächsten morgen, nachdem ich mich wieder in meiner Unterkunft in Walford eingerichtet hatte, machte ich mich auf zu einem Besuch beim Doktor und seiner Tochter. Der Doktor war nicht zuhause, aber seine Tochter freute sich, mich zu sehen.
„Und wie zufrieden sind Sie mit Modestine?“ fragte sie.
„Überhaupt nicht“, antwortete ich. „Es war eine trostlose Runde damit. Sobald wie möglich werde ich mich um einen Austausch kümmern.“
„Dann war es kein Glücksrad für Sie?“ bemerkte sie. „Und die Gegend, durch die Sie geführt wurden, fanden Sie die hübsch?“
„In mancher Hinsicht ja, aber in anderer nicht. Sehen Sie, ich komme vor Ende meiner Ferien zurück, und ich habe kein Interesse, noch einmal dorthin zu fahren.“
Jetzt sollte ich ihr erzählen, wo ich überall gewesen war und was ich erlebt hatte und ich gab ihr einen Abriss meiner Abenteuer. Natürlich konnte ich nicht zu tief in die Details gehen, denn das hätte die Geschichte zu lang werden lassen, aber ich erzählte ihr, wo ich angehalten hatte und mein Bericht über den Bären und das Pferd waren höchst interessant.
„Mir scheint“, sagte sie, nachdem ich geendet hatte, „wären die Dinge ein bisschen anders verlaufen, hätte es für Sie eine sehr angenehme Tour sein können. Zum Beispiel, wenn Herr Godfrey Chester noch gelebt hätte, hätten Sie ihn sehr gemocht und wären wahrscheinlich gern ein paar Tage in seinem Gasthaus geblieben. Es ist eine schöne Gegend dort.“
„Kannten Sie ihn?“ fragte ich.
„Oh, ja“, sagte sie, „er war mein Lehrer während eines Teils meiner Schulzeit hier. Und dann ist da Herr Barton, Vater mag ihn sehr. Er ist ein sehr intelligenter Mann. Unglücklicherweise haben Sie ihn kaum gesehen.“
„Vielleicht kennen Sie auch Herrn Putney?“ sagte ich.
„Nein“, antwortete sie. „Ich habe eine Menge über ihn gehört. Er scheint ein ziemlich steifer Mann zu sein. Aber was Herrn Larramie betrifft, jeder mag ihn. Er ist in der ganzen Gegend sehr beliebt und sein Sohn Walter ist ein aufstrebender junger Mann. Ich freue mich, dass Sie die Larramies kennengelernt haben.“
„Das freut mich auch“, sagte ich, „sehr sogar. Und übrigens, kennen Sie einen jungen Mann namens Willoughby? Ich habe nie seinen Vornamen gehört, aber er lebt in Waterton.“
„Oh, die Willoughbys in Waterton“, sagte sie, „ich habe viel über sie gehört. Vater kannte den alten Herrn. Er war ein großer Sammler seltener Bücher. Aber er lebt nicht mehr. Wenn Sie ihm begegnet wären, hätten Sie in ihm einen Mann Ihres Geschmacks gefunden.“
Als ich ging, hielt sie mich einen Moment zurück. „Ich vergaß, Sie zu fragen“, sagte sie, „haben Sie auch welche von den Kapseln genommen, die ich Ihnen mitgegeben habe, als Sie mit Ihrem Fahrrad aufbra-chen.“
„Ja“, sagte ich, „ein paar davon habe ich genommen.“ Aber ich konnte nicht gut die eigenwillige Weise erklären, auf die ich versucht hatte mich gegen die Malariakeime zu schützen und meine Aufmerksamkeit auf die bedrohlichen Keime wechselnder Zuneigung zu lenken.
„Dann glauben Sie nicht, dass sie Ihnen geholfen haben?“ sagte sie.
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete ich. „Ich kann dazu nichts sagen. Aber einer Sache bin ich mir sicher, und zwar, falls Keime welcher Art auch immer in meinen Organismus eingedrungen sind, jetzt ist er vollkommen frei davon.“
„Das freut mich zu hören“, sagte sie.
Etwa eine Woche danach erhielt ich einen Brief von Percey Larramie. „Ich habe mir gedacht, Sie würden wissen wollen, was mit dem Bär passiert ist“, schrieb er. „Jemand muss vergessen haben, ihn zu füttern und er zerriss seine Kette und entkam. Er lief geradewegs hinüber zum Gasthaus STECHPALMWEDEL und ich nehme an, er tat es, weil das der letzte Ort war, wo er seinen Herrn gesehen hatte. Ich wusste nicht, dass Bären so an ihren Herrn hängen. Er blieb dort nicht lange, aber lange genug, um einen Jungen zu beißen. Dann lief er in den Wald.
Sobald wir davon hörten, gingen wir auf Bärenjagd. Es war ein großer Spaß, auch wenn ich ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekam. Vater erlegte ihn auf dreihundert Fuß Entfernung. Es war ein Winchester-Gewehr Kaliber .32. Es war ein toller Schuss, sagte Walter und ich wollte, ich hätte ihn abgegeben.
Wir zogen ihm das Fell ab und rissen es dabei nur an zwei oder drei Stellen ein, die sich flicken lassen. Möchten Sie das Fell haben und legen Sie besonderen Wert auf den Kopf? Wenn nicht, hätte ich ihn gern, denn ohne wäre das Skelett nicht vollständig.“
Ich schrieb Percey, dass ich nicht ein einziges Haar von dem Tier wollte. Ich schrieb ihm das nicht, aber mir lag nichts an Bären, zu denen Modestine mich geführt hatte.
Es war gerade vor den Weihnachtsferien, als ich zu der Meinung kam, dass von allen Frauen der Welt die Tochter vom Doktor die richtige für mich wäre und als ich ihr das sagte, versuchte sie nicht zu verbergen, dass das auch ihre Meinung war. Ich hatte die bezaubernd-sten Eigenschaften bei anderen Frauen gesehen und mein etwas eiliges und enthusiastisches Studium davon hatte mich so damit vertraut gemacht, dass ich in der Lage war, sie sogleich bei anderen zu erkennen. Ich fand sie alle in des Doktors Tochter.
Ihr Vater war sehr erfreut, als er von unserem Pakt hörte. Es war offensichtlich, dass er darauf gewartet hatte. Als er darüber hinaus hörte, dass ich die Gedan-ken an ein Gelehrtendasein aufgegeben hatte und statt dessen Medizin studieren wollte, war seine Zufrieden-heit vollkommen. Er kümmerte sich um alles mit liebevoller Umsicht. Ich sollte mich bei ihm vorberei-ten, gleich sofort, sogar ehe ich mit der Schule aufhörte. Ich sollte die nötigen Medizinkurse besuchen und wir müssten uns mit dem Heiraten nicht beeilen. Wir wären beide jung und wenn ich soweit wäre, sein Assistent zu sein, wäre es Zeit genug für ihn, mir seine Tochter zu geben.
Inzwischen sind drei Jahre vergangen und jede der jungen Frauen, die ich durch Modestine kennen gelernt hatte, hat geheiratet. Die erste, die wegging, war Edith Larramie. Sie heiratete den Collegefreund ihre Bruders, der gerade anwesend war, als ich bei ihnen zu Besuch war. Als ich ihr in Walford begegnete, nachdem ich von ihrer Verlobung gehört hatte, nahm sie mich auf ihre alte Art beiseite und sagte mir, sie wollte mich immer als ihren Freund betrachten, egal wie die Situation sich bei ihr oder mir ändern würde.
„Sie wissen nicht, welche Freundin ich Ihnen gegen-über war“, sagte sie, „und es ist ganz und gar nicht nötig, dass Sie es wissen sollten. Aber ich will Ihnen sagen, als ich Sie in unserer Gegend in so ein schreckli-ches Durcheinander geraten sah, beschloss ich, wenn Sie anders nicht zu retten wären, würde ich Sie selbst heiraten! Aber ich habe es nicht getan, und Sie sollten froh darüber sein, denn Sie würden gemerkt haben, ein wenig von mir, dann und wann, wäre viel mehr nach Ihrem Geschmack, als mich immer zu haben.“
Frau Chester heiratete den Mann, der um sie geworben hatte, bevor sie sich in ihren Schulmeister verliebte. Die Tatsache, die Wirtin des STECHPALMWEDELS gewesen zu sein, schien in seinem Fall keine Rolle zu spielen. Er war zu reich, dass das auf irgend etwas hätte Einfluss haben können.
Amy Willoughby heiratete Walter Larramie. Das war etwas, was man hätte erwarten können. Ich war sehr froh, es zu hören, denn die Larramies werden mich immer interessieren.
Ungefähr vor einem Jahr fand eine große Hochzeit in der Stadtvilla der Putneys statt. Die Tochter der Familie wurde mit einem adligen italienischen Gentleman verheiratet. Ich las darüber in der Zeitung und zusätzlich hörte ich allerhand Details über das Paar durch den Klatsch in Walford. Ich nahm an, über diese großartige Verbindung voll informiert zu sein und war deshalb sehr überrascht, eine persönliche Mitteilung auf einer sehr großen und steifen Karte zu erhalten, auf der, voll ausgeschrieben, die diversen Titel und Ehrenbezeich-nungen des edlen Bräutigams angegeben waren. Ich glaubte nicht, dass Herr Putney mir die Karte geschickt hatte, auch nicht seine Frau; sicher auch nicht der Herzog. Aber wie auch immer sie zu mir gelangte, ich war mir ganz sicher, ich verdankte sie jemandes Entschlossenheit, mir das Geschehnis auf gar keinen Fall entgehen zu lassen. Kürzlich hörte ich, dass die edle Dame und ihr Ehemann vorhatten, den Sommer im Landhaus ihres Vaters zu verbringen und ein paar Leute glauben, sie haben vor, es zu ihrem ständigen Heim zu machen.
Der Doktor rät mir und seiner Tochter sehr, dass wir uns in der Gegend, die ich mit Modestine erkundet hatte, niederlassen. Er glaubt, es wäre ein exzellentes Gebiet, mit meiner Arbeit zu beginnen und er kenne viele Familien dort, die zweifellos meine Dienste in Anspruch nehmen würden.
ENDE
Im Anhang der dreiundzwanzigbändigen Gesamtausgabe der Werke Frank R. Stocktons gibt seine Frau Marian E. Stockton einen biographischen Abriss seines Lebens; daraus hier nur der letzte Absatz:
Dies ist nicht der Ort für eine kritische Beurteilung der Arbeiten Frank R. Stocktons. Seine Geschichten sind, zu einem Großteil, eine Widerspiegelung seiner selbst. Sein optimistischer Blick auf das Leben, sein beherzter Geist, seine Hilfsbereitschaft, sein Sinn für Komik statt Tragik, die Neigung zu häuslichem Leben, die Güte reiner Liebe leben in seinen Büchern wie in ihm selbst. Er hatte nicht das Herz, seine Geschichten unglücklich enden zu lassen. Er wusste, es gibt so viel Tragik im menschlichen Leben, aber er zog es vor, sie so weit wie möglich zu ignorieren und auf den angenehmen Wegen zu wandeln, die es in seiner verschlungenen Welt zahlreich gibt. Es gibt viel Philosophisches in dem verborgen, was er schrieb, aber es muss danach gesucht werden; es drängt sich nicht auf und nie ist es belastend. Er konnte keine unreine Welt beschreiben oder einen unreinen Gedanken äußern, denn er gehörte zu denen „reinen Herzens“, die, wie uns versichert ist, „Gott sehen werden.“
Erstes Kapitel hier:
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