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Deutschland, eine Abrechnung

Gießen | Als Philipp Karau und Mark Schröppel am Freitag und Samstag anlässlich ihrer Diplominszenierung die TiL-Bühne betraten, schien es zunächst, als wollten die beiden Studenten der Angewandten Theaterwissenschaften nur von Fritz Teufel berichten. Der war einer der Mitbegründer der Kommune I, verbrachte einige Jahre im Gefängnis und kam durch das geplante „Pudding-Attentat“ auf US-Vizepräsidenten Humphrey zu Berühmtheit. Als Teufel letztes Jahr starb, verschwand seine Urne, um neben dem Grab Rudi Dutschkes wieder aufzutauchen.

In der Tradition von Teufels Spaßguerilla steht die Performancegruppe SKART (Schröppel Karau Art Repetition Technologies). Als die beiden sich als Kapitän und Stewardess kostümiert haben, können die Spiele beginnen: Schokoküsse fliegen ins Publikum und wieder zurück auf die Bühne, es wird Wasser verspritzt und hin und wieder aus der Rolle gefallen. Eine Stunde lang verhandelt „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ deutsche Verhältnisse seit dem zweiten Weltkrieg: Von Max Schmelings Niederlage gegen Joe Lois in New York 1938 bis hin zum Diskurs um gewalttätige Jugendliche mit Migrationshintergrund, mit Zeitzeugen und Popmusik. Das ist irrsinnig, laut und lustig, Ironie und Chaos haben dabei genauso ihren Platz wie die Dekonstruktion von Geschlechterrollen und Nationalstaatlichkeit.

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Grandios choreografiert ist der Kampf, den die beiden mit Ritterrüstung und Steinschleuder bewaffnet gegeneinander führen und der in der Zerstörung von Teilen des Bühnenbildes endet. Aus den Trümmern erstehen SKART mit Bommelhut und Kopftuch auf, Requisiten werden aus den Sägespänen am Boden gezogen. Nach minutenlangem Abspielen von Westernhagens „Freiheit“ öffnet sich die symbolische Mauer aus Tarnnetz noch einmal. Die beiden Performer mit Hang zum Exhibitionismus erscheinen in Frischhaltefolie und Theraband eingewickelt, mit Frosch- und Entenmaske unterhalten sich Schlagersänger Roberto Blanco und Vertriebenenvertreterin Erika Steinbach über Werte und Ordnung. Die Vielstimmigkeit, schiere Masse und Lautstärke von Video, Klängen, Aussagen und auch technischen Mitteln ist erschlagend: Gartenzwerge baumeln von der Decke, Pflastersteine werden in die Waschmaschine gesteckt, Plakate mit grotesken Masken fragen: „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab‘?“ Mit auf der Bühne ist das werwolfartige Haustier (Verena Billinger) im knappen Goldbadeanzug, das vor den sechs Fernsehern Fanta trinkt.

Gegensätze werden nicht aufgelöst, sondern ausgestellt, das Motto lautet: Verständnislosigkeit statt Empathie, Unterhaltung statt Erziehung. So auch in der letzten Produktion „Der Fischer und sein Mann“ als Musiktheater für Kinder in Duisburg, im Februar zeigen sie „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ nochmals in Mülheim a. d. Ruhr, als „Versuch eines abseitig artikulierten Kommentars über ein Land, in das man durch Zufall hineingeboren wurde, zu scheitern“.

Der große Coup kommt zum Schluss: Sebastian Unsinn alias MC Burger King von der Augsburger Electrocombo „Bassschickeria“, entsteigt in weißer Priesterrobe zum Finale, rappt mit eindringlicher Stimme und verspritzt salbungsvoll Bier, während Schröppel und Karau einen modifizierten Reichsadler herumtragen. Trotz der offensichtlichen Punk-Attitüde, die SKART vertritt, bleibt die Aussage vieldeutig. Ein Fest der Körper und der Anarchie.

 
 
 
 

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Kommentare zum Beitrag

Stefan Walther
4.305
Stefan Walther aus Linden schrieb am 14.11.2011 um 23:24 Uhr
Fritz Teufel, Spaßguerilla, Puddingattentat, Kommune I ..... ja, ja, die selbsternannten kleinbürgerlichen "Führer", alle jämmerlich gescheitert (oder gekauft).... wäre auch keinen Kommentar wert, sie wird keiner vermissen...nur, auch noch mit den Worten Che Guevaras zu agieren, das hat Guevara nun wirklich nicht verdient!
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von:  Fiona Sara Schmidt

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Fiona Sara Schmidt
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