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Das Alptraumhaus

Gießen | Das Alptraum-Haus

Edward Lucas White (1866 – 1934)
Übersetzung: Bernd Zeun

Den ersten Blick auf das Haus hatte ich von der Kuppe des Berges, als ich aus dem Wald heraus kam und über das breite Tal mehrere hundert Fuß unter mir schaute, hin zur auf die fernen, blauen Berge hinab sinkenden Sonne. Von diesem momentanen Aussichtspunkt hatte ich das unwirkliche Gefühl, beinahe senkrecht nach unten zu schauen. Ich schien über dem Schachbrett aus Straßen und mit Farmgebäuden gesprenkelten Feldern zu hängen und hatte den vertrauten, aber falschen Eindruck, beinahe einen Stein auf das Haus werfen zu können. Ich konnte sein Schieferdach gerade so ausmachen.

Was meinen Blick fesselte war das Stück Straße davor, zwischen der Masse dunkelgrüner Bäume um das Haus herum und dem Obstgarten gegenüber. Es war vollkommen gerade, gesäumt von einer geraden Reihe Bäume, durch die ich einen Ascheweg und eine niedrige Steinmauer ausmachen konnte.

Deutlich auf der Obstgartenseite, zwischen zwei der flankierenden Bäume, war ein weißes Objekt, das ich für einen großen Stein hielt, ein senkrechter Splitter eines dieser Kalksteinriffe, die die Felder der Region wie Narben durchziehen.

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Horror (5)Gespenst (2)Geist (10)Edward Lucas White (1)
Die Straße selbst sah ich flach wie ein Holzlineal auf einem grün bespannten Billardtisch. Sie erweckte in mir die Vorfreude auf einen kleinen Geschwindigkeitsrausch. Ich hatte mühsam dicht bewaldetes Vorgebirge durchquert. An keinem Farmhaus war ich vorbei gekommen, nur elenden Hütten neben der Straße, die ich über zwanzig Meilen als sehr schlecht und aufhaltend empfunden hatte. Jetzt, nur noch wenige Meilen von meinem vorgesehenen Halteplatz entfernt, freute ich mich auf besseres Vorankommen und besonders auf das gerade, flache Stück.

Als ich vorsichtig in den steilen Anfang der langen Abfahrt hinein fuhr umfingen mich wieder die Bäume und ich verlor die Sicht auf das Tal. Ich tauchte in eine Vertiefung, kam auf dem Kamm des nächsten Hügels heraus und sah das Haus wieder, näher und nicht so tief unten.

Der große Stein riss meinen überraschten Blick auf sich. Hatte ich ihn nicht gegenüber dem Haus neben dem Obstgarten geglaubt? Er lag ganz deutlich auf der linken Seite der Straße zum Haus hin. Ich fragte mich das nur solange, wie ich brauchte, um über den Kamm zu fahren. Dann war die Aussicht wieder abgeschnitten; aber ich merkte, dass ich voraus schaute, auf die nächste Gelegenheit des selben Ausblicks wartend.

Auf der Spitze des zweiten Hügels sah ich nur undeutlich ein Stück der Straße und konnte mir nicht sicher sein, aber, wie beim ersten Mal, der große Stein schien mir auf der rechten Seite der Straße zu liegen.

Oben auf dem dritten und letzten Hügel schaute ich auf das Straßenstück unter den überhängenden Bäumen hinunter, beinahe als würde man durch ein Rohr schauen. Ich sah etwas Weißes, das ich für den großen Stein hielt. Es war auf der rechten Seite.

Ich tauchte in die letzte Vertiefung ab. Als ich den gegenüberliegenden Hang hoch kletterte hielt ich meine Augen vor mir auf die Straße gerichtet. Als meine Sichtlinie die Anhöhe überwand bemerkte ich den großen Stein rechter Hand von mir inmitten der Reihe Ahornbäume. Ich hielt an, lehnte mich vornüber, erst auf die eine Seite, dann die andere, um meine Reifen zu inspizieren, dann warf ich den Gang ein.

Als ich vorwärts flog, richtete ich den Blick voraus. Da war der große Stein – zur Linken der Straße! Jetzt wurde mir fast bis zur Benommenheit unheimlich. Ich wollte auf der Stelle anhalten und mir den Stein genau anschauen, um zu einem Urteil zu kommen, das frei von Zufall und Ungewissheit entschied, wo er sich denn nun befand, auf der rechten oder linken Seite – wenn nicht gar in der Mitte der Straße.

In meiner Konfusion schaltete ich in den höchsten Gang. Die Maschine machte einen Satz nach vorn und alles was ich tat ging schief. Ich kurbelte wild am Lenkrad, schleuderte nach links und krachte in einen großen Ahornbaum.

Als ich zu Sinnen kam, lag ich flach auf dem Rücken im ausgetrockneten Straßengraben. Die letzten Sonnenstrahlen schickten gold-grüne Lichtschäfte durch die Ahornäste über meinem Kopf. Mein erster Gedanke war eine merkwürdige Mischung aus Bewunderung der Naturschönheit und Missbilligung meines eigenen Verhaltens - ohne Begleiter unterwegs zu sein, eine Angewohnheit, die ich mehr als einmal bedauert hatte. Dann klärte sich mein Verstand und ich setzte mich auf. Ich befühlte mich von oben bis unten. Ich blutete nicht, keine Knochen waren gebrochen und, obwohl heftig durchgeschüttelt, hatte ich keine ernsten Verletzungen erlitten.

Dann sah ich den Jungen. Er stand am Rand des Aschepfades, nahe dem Graben. Er war untersetzt und kräftig, barfuß, mit zu den Knien hoch gerollten Hosen, trug eine Art blassgelbes Hemd, offen am Kragen, und weder Kopfbedeckung noch Jacke. Er war weißblond, der Haarschopf wild zerzaust, das Gesicht voller Sommersprossen und mit einer fürchterlichen Hasenscharte. Er trat von einem Fuß auf den anderen, streckte und krümmte seine Zehen und sagte kein Wort, wiewohl er mich gespannt anschaute.

Ich rappelte mich auf und machte mich daran, das Wrack zu begutachten. Es schien beunruhigend total. Der Wagen war nicht explodiert oder hatte auch nur Feuer gefangen, aber sonst schien er hoffnungslos ruiniert. Jedes Teil, das ich mir anschaute schien schlimmer als der Rest.

Nur meine zwei Picknick-Körbe, einer dieser zynischen Späße, die das Leben spielt, waren davon gekommen – beide hatte es unbeschadet aus dem Wrack geschleudert, nicht einmal eine Flasche war zerbrochen.

Während meiner Untersuchung folgten mir die blassen Augen des Jungen unaufhörlich, aber er sprach kein Wort. Nachdem ich mich von meiner Hilflosigkeit überzeugt hatte, richtete ich mich auf und sprach ihn an:

„Wie weit ist es bis zu einem Schmied?“

„Acht Meilen“, antwortete er. Er litt an einer katastrophalen Gaumenspalte und war kaum zu verstehen.

„Kannst du mich hin fahren?“ fragte ich.

„Kein Gespann da“, antwortete er, „kein Pferd, keine Kuh.“

„Wie weit bis zum nächsten Haus?“ fuhr ich fort.

„Sechs Meilen“, antwortete er.

Ich schaute zum Himmel. Die Sonne war schon untergegangen. Ich schaute auf meine Uhr: Sie ging – sieben sechsunddreißig.

„Kann ich heute nacht bei euch im Haus schlafen?“ fragte ich.

„Sie können rein kommen, wenn Sie wollen und schlafen, wenn Sie können“, sagte er. „Im Haus ist alles unordentlich; Ma ist seit drei Jahren tot und Pa ist fort. Außer Buchweizenmehl und ranzigem Speck gibt’s nichts zu essen.“

„Ich hab jede Menge Essen“, antwortete ich und nahm einen Korb. „Nimmst du den anderen, ja?“

„Sie können rein kommen, wenn Ihnen danach ist“, sagte er, „aber Sie müssen Ihr Zeug selbst tragen.“ Es klang nicht mürrisch oder unwillig, sondern schien nur gelinde eine nüchterne Tatsache festzustellen.

„In Ordnung“, sagte ich, den anderen Korb aufnehmend, „dann geh voran.“

Der Hof vor dem Haus lag dunkel unter einem Dutzend oder mehr immenser Götterbäume. Unter ihnen waren viele kleinere Bäume hoch gewachsen und unter diesen stieß ein feuchtes Unterholz großer, spitzer Schößlinge durch das dichte, struppige, verfilzte Gras. Zum Haus führte was einst anscheinend eine Wagenzufahrt gewesen war, eine schmale, gekrümmte Spur, unbenutzt und überwachsen. Selbst da gab es ein paar Schößlinge der Götterbäume und die Luft war unangenehm vom widerwärtigen Geruch ihrer Wurzeln und Schößlinge und dem aufdringlichen Duft ihrer Blüten gefüllt.

Das Haus war aus grauen Steinen gebaut, die grünen Fensterläden waren so verblichen, dass sie fast die graue Farbe der Steine hatten. Auf der Vorderseite verlief eine Veranda, kaum höher als der Boden, ohne Balustrade oder Geländer. Darauf standen mehrere Korbschaukelstühle. Acht Fenster mit geschlossenen Läden zeigten auf die Veranda, und mitten darin eine breite Tür mit kleinen violetten Scheiben in beiden Seiten und einem Bogenfenster darüber.

„Machst du die Tür auf?“ sagte ich zu dem Jungen.

„Machen Sie sie selbst auf“, antwortete er, weder unfreundlich noch zurückweisend, sondern in einem Ton, dass man die Aufforderung ganz natürlich akzeptierte.

Ich setzte die Körbe ab und probierte die Tür. Sie besaß einen Riegel, war aber nicht verschlossen und öffnete sich mit einem rostigen Knarzen in den Angeln, worauf sie absonderlich durchhing und auf dem Boden schleifte. Der Flur roch schimmlig und feucht. Auf jeder Seite waren mehrere Türen, der Junge zeigte auf die erste rechts.

„Sie können das Zimmer haben“, sagte er.

Ich öffnete die Tür. Wegen der Dämmerung, der ineinander verwobenen Bäume draußen, der Verandaüberdachung und der geschlossenen Fensterläden konnte ich wenig ausmachen.

„Du holst besser eine Lampe“, sagte ich zu dem Jungen.

„Keine Lampe da“, erklärte er heiter. „Kerze auch nicht. Meist geh ich zu Bett, eh’ es dunkel wird.“

Ich kehrte zu den Resten meines Fortbewegungsmittels zurück. Alle vier meiner Lampen waren Schrott und gesplittertes Glas. Meine Laterne war platt gedrückt. Aber ich habe immer Kerzen in meinem Reisekoffer. Den fand ich aufgerissen und gequetscht vor, aber er hielt noch zusammen. Ich trug ihn zur Veranda, öffnete ihn und nahm drei Kerzen heraus.

Ins Zimmer eintretend, wo der Junge noch genau da stand, wo ich ihn zurück gelassen hatte, zündete ich die Kerze an. Die Wände waren gekalkt, der Boden blank. Ein modriger, kalter Geruch herrschte, aber das Bett sah frisch gemacht und sauber aus, auch wenn es sich klamm anfühlte.

Mit ein paar Tropfen seines Wachses klebte ich die Kerze auf die Ecke eines einfachen, wackeligen kleinen Schreibtischs. Im Zimmer gab es nichts weiter außer zwei Stühlen mit geflochtener Sitzfläche und einem kleinen Tisch. Ich ging auf die Veranda hinaus, holte meinen Koffer und legte ihn aufs Bett. Ich schob die Fensterscheibe hoch und stieß den Laden auf. Dann fragte ich den Jungen, der sich weder bewegt noch gesprochen hatte, mir den Weg zur Küche zu zeigen. Er führte mich geradewegs durch den Flur zur Rückseite des Hauses. Die Küche war groß und unmöbliert, abgesehen von ein paar Kiefernholzstühlen, einer Kiefernholzbank und einem Kiefernholztisch.

Ich steckte zwei Kerzen an entgegengesetzte Ecken des Tisches. Es gab keinen Ofen oder Herd in der Küche, nur eine große Feuerstelle, deren Asche roch und aussah, als wäre sie einen Monat alt. Das Holz im Schuppen war trocken genug, hatte aber ebenfalls einen schalen Geruch nach Keller. Die Axt und das Beil waren beide rostig und stumpf, aber zu gebrauchen und bald brannte ein großes Feuer. Zu meinem Erstaunen, denn der Mitt-Juniabend war immer noch warm, lehnte der Junge mit einem verzerrten Lächeln, Hände und Arme ausgestreckt über dem Feuer, dass er sich nahezu röstete.

„Ist dir kalt?“ fragte ich.

„Mir is immer kalt“, antwortete er und umarmte das Feuer noch mehr, bis ich dachte, er versengt sich.

Ich überließ ihn, sich selbst zu toasten, während ich mich auf die Suche nach Wasser machte. Ich entdeckte die Pumpe, die in funktionierendem Zustand war, ohne eingetrocknete Ventile, aber ich musste mich fürchterlich mühen, die beiden leckenden Eimer, die ich gefunden hatte, zu füllen. Nachdem ich Wasser zum Kochen gebracht hatte, holte ich meine Picknickkörbe von der Veranda.

Ich bürstete den Tisch ab und legte mein Mahl aus – kaltes Geflügel, Schinkenaufschnitt, weißes und braunes Brot, Oliven, Marmelade und Kuchen. Als der Tiegel mit Suppe heiß und der Kaffee fertig waren, zog ich zwei Stühle an den Tisch und lud den Jungen ein, sich zu mir zu setzen.

„Ich hab keinen Hunger“, sagte er. „Ich hab schon zu abend gegessen.“

So einen Jungen hatte ich noch nicht erlebt; alle Jungs, die ich kannte, waren herzhafte Esser und immer dazu bereit. Ich hatte mich selbst hungrig gefühlt, aber irgendwie als ich zum Essen kam, hatte ich wenig Appetit mehr und konnte das Essen kaum genießen. Ich beendete mein Mahl bald, deckte das Feuer ab, blies die Kerzen aus und kehrte auf die Veranda zurück, wo ich mich in einen der Schaukelstühle fallen ließ, um zu rauchen. Der Junge folgte mir still und setzte sich auf den Verandaboden, an einen Pfosten gelehnt, die Füße außerhalb im Gras.

„Was machst du“, fragte ich, „wenn dein Vater nicht da ist?“

„Rumhängen“, sagte er. „Einfach so rumtrödeln.“

„Wie weit wohnen die nächsten Nachbarn?“ fragte ich.

„Hier kommen nie Nachbarn her“, stellte er fest. „Die sagen, sie haben Angst vor den Geistern.“

Ich war ganz und gar nicht beunruhigt; das Haus sah ganz so aus, wie man sich ein Haus vorstellt, in dem es spukt. Ich war verblüfft über seine gleichmütige Art, mit der er sprach – es klang, als spräche er von ihnen, als fürchteten sie sich vor einem bösen Hund.

„Hast du schon mal Geister hier herum gesehen?“ fuhr ich fort.

„Ich seh nie welche“, antwortete er, als hätte ich von Tramps oder fahrendem Volk gesprochen. „Hör nie welche. Irgendwie spür ich sie manchmal.“

„Hast du Angst vor ihnen?“ fragte ich.

„Nee“, erklärte er. „Ich fürcht mich nicht vor Geistern; ich fürcht mich vor Alpträumen. Hatten Sie schon mal Alpträume?“

„Sehr selten.“

„Ich schon“, gab er zurück. „Immer denselben – eine große Sau, so groß wie ein Stier versucht mich zu fressen. Ich wach so in Panik auf, ich könnte sonst wohin rennen. Aber ich kann nirgends hin rennen. Ich schlaf ein und hab ihn wieder. Ich wach mit noch mehr Angst auf als je zuvor. Pa sagt, es liegt an den Buchweizenfladen im Sommer.“

„Du musst mal eine Sau geärgert haben“, sagte ich.

„Jo“, antwortete er. „Ich hab mal eine große Sau geneckt, als ich ein Ferkel von ihr am Hinterbein hoch gehalten hab. Hab sie zu lang geärgert. Bin in den Koben gefallen und wurde von ihr ein bisschen zusammengebissen. Hätt sie besser nicht ärgern sollen. Ich hab den Alptraum manchmal dreimal in der Woche. Ist schlimmer als wenn einem was ausgebrannt wird. Schlimmer als Geister. Merken Sie’s auch, irgendwie spür ich jetzt Geister hier herum.“

Er versuchte nicht, mir Angst zu machen. Er gab einfach seine Meinung wider, als ob er über Fledermäuse oder Moskitos spräche. Ich gab keine Antwort und merkte, wie ich ohne es zu wollen zuhörte. Meine Pfeife ging aus. Ich wollte nicht wirklich eine neue, aber verspürte auch keine Neigung ins Bett zu gehen und fühlte mich wohl, wo ich war, auch wenn der Geruch der Götterbaumblüten sehr unangenehm war. Ich füllte meine Pfeife neu, zündete sie an, und während ich daran zog, döste ich für einen Moment weg.

Ich wachte von dem Gefühl auf, dass mir ein leichter Stoff übers Gesicht gezogen wurde. Der Junge saß unverändert da.

„Warst du das?“ fragte ich scharf.

„Ich hab nichts gemacht“, erwiderte er. „Was war?“

„Es war, als ob ein Moskitonetz mir über das Gesicht strich.“

„Das war kein Netz“, versicherte er, „das ist ein Schleier. Das ist eine von den Geistern. Manche blasen einen an, manche berühren einen mit ihren langen, kalten Fingern. Die mit dem Schleier, die einem den Schleier übers Gesicht zieht – also meistens glaub ich, dass es Ma ist.“

Er sprach mit so unantastbarer Überzeugung wie das Kind im Gedicht ‚Wir sind Sieben’. Ich fand keine Worte für eine Antwort und stand auf, um zu Bett zu gehen.

„Gute Nacht“, sagte ich.

„Gute Nacht“, kam sein Echo. „Ich bleib noch eine Weile hier draußen.“

Ich riss ein Streichholz an, fand die Kerze, die ich auf die Ecke des armseligen, kleinen Schreibtischs geklebt hatte und zog mich aus. Das Bett hatte eine bequeme Maisstrohmatratze und bald war ich eingeschlafen.

Ich hatte das Gefühl, eine Weile geschlafen zu haben, als ich einen Alptraum bekam – genau denselben Alptraum, den der Junge beschrieben hatte. Eine riesige Sau, groß wie ein Brauereipferd, stützte sich mit den Vorderpfoten auf das Fußbrett des Bettes und versuchte, auf mich zu klettern. Sie grunzte und schnaufte und ich spürte, ich sollte ihr Futter werden. Im Traum wusste ich, dass es nur ein Traum war und versuchte aufzuwachen. Dann purzelte das gigantische, geträumte Vieh über das Fußbrett auf meine Beine und ich wachte auf.

Ich lag wie in einem Kohlenkeller in absoluter Finsterniss, trotzdem ließ der Schauder des Alptraums augenblicklich nach und meine Nerven beruhigten sich. Ich begriff, wo ich war und verspürte keinerlei Panik. Ich drehte mich auf die Seite und war beinahe sofort wieder in Schlaf gefallen. Dann hatte ich einen richtigen Alptraum, einen, der sich nicht als Traum zu erkennen gab, sondern erschreckend real war – eine unaussprechliche Qual besinnungslosen Horrors.

Im Zimmer war ein DING; keine Sau oder eine sonst irgendwie beschreibbare Kreatur, sondern ein DING. Es war so groß wie ein Elefant, füllte das Zimmer bis an die Decke, hatte die Gestalt eines wilden Ebers, saß auf seinem Hinterteil, die Vorderfüße fest vor sich auf den Boden gestemmt. Es hatte ein glühendes, sabberndes, rotes Maul, gespickt mit großen Stoßzähnen, und hungrig arbeitenden Kiefern. Es rutschte und schob sich Zoll für Zoll vorwärts, bis sich seine Vorderbeine über dem Bett spreizten.

Das Bett sackte zusammen wie nasses Löschpapier und ich spürte die Last von dem DING auf meinen Füßen, meinen Beinen, meinem Leib, meiner Brust. Es war hungrig und ich war es, nach dem es gierte, und es wollte mit meinem Gesicht beginnen. Sein tropfendes Maul kam näher und näher.

Die Hilflosigkeit im Traum, die mich weder rufen noch mich bewegen ließ, ließ plötzlich nach, ich schrie und erwachte. Diesmal war mein Horror gewiss und ließ sich nicht abschütteln.

Es ging auf den Morgen zu. Ich konnte schwach die gesprungenen, schmutzigen Fensterscheiben ausmachen. Ich stand auf, zündete den Kerzenstumpf und zwei frische Kerzen an, zog mich hastig an, zog den Riemen um meinen Reisekoffer fest und stellte ihn auf die Veranda in die Nähe der Tür. Dann rief ich nach dem Jungen. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich ihm weder meinen Namen genannt noch nach seinem gefragt hatte.

Ich rief ein paar Mal „Hallo!“, erhielt aber keine Antwort. Ich hatte genug von dem Haus. Die Panik des Alptraums steckte immer noch in mir. Ich ließ das Rufen, suchte nicht nach ihm, aber ging mit zwei Kerzen zur Küche. Ich nahm einen Schluck kalten Kaffee und stopfte mir einen Keks in den Mund, während ich meine Sachen in meine Picknickkörbe räumte. Dann ließ ich einen Silberdollar auf dem Tisch liegen und trug meine Körbe auf die Veranda und setzte sie neben meinem Koffer ab.

Es war jetzt hell genug, den Weg zu erkennen und ich ging zur Straße vor. Die nächtliche Feuchtigkeit hatte schon viel Rost an dem Wrack angesetzt, dass es noch hoffnungsloser aussah als zuvor . Es war jedoch vollkommen unberührt. Auf der Straße sah man weder Wagenspuren noch Hufabdrücke. Der große, weiße Stein, dessen Ungewissheit mein Desaster verursacht hatte, stand wie ein Wachtposten gegenüber, wo ich verunglückt war.

Ich machte mich auf, um die Schmiede zu finden. Ich war noch nicht weit gegangen, als die Sonne über den Horizont stieg und nahezu sofort zu sengen begann. Während ich so dahin ging, wurde mir sehr warm und es kam mir eher wie zehn, denn sechs Meilen vor, ehe ich das erste Haus erreichte. Es war ein neues Fachwerkhaus, hübsch gestrichen und dicht an der Straße, mit einem weiß angemalten Zaun um seinen Garten.

Ich wollte gerade das Tor öffnen, als ein großer, schwarzer Hund mit einem krausen Schwanz aus den Büschen geprescht kam. Er bellte nicht, sondern blieb auf der Innenseite des Tors stehen, wedelte mit seinem Schwanz und schaute mich freundlich an; ich zögerte jedoch mit der Hand auf dem Riegel und überlegte. Der Hund könnte nicht so freundlich sein, wie er aussah und sein Anblick ließ mich gewahr werden, dass ich außer dem Jungen dort im Haus, wo ich die Nacht verbracht hatte, kein Geschöpf gesehen hatte, keinen Hund, keine Katze, nicht einmal eine Kröte oder einen Vogel. Während ich noch grübelte, kam ein Mann hinter dem Haus hervor.

„Beißt Ihr Hund?“ fragte ich.

„Nee“, antwortete er, „der beißt nicht. Kommen Sie rein.“

Ich erzählte ihm von meinem Autounfall und fragte, ob er mich zu der Schmiede und zurück zu meinem Wrack fahren könnte.

„Klar“, sagte er. „Mach ich gern. Ich spann gleich an. Wo hat Sie’s erwischt.“

„Vor dem grauen Haus, ungefähr sechs Meilen zurück“, antwortete ich.

„Das große Steinhaus?“ erkundigte er sich.

„Genau das.“

„Sind Sie hier vorbei gefahren?“ wollte er erstaunt wissen. „Ich hab Sie nicht gehört.“

„Nein“, sagte ich. „Ich kam aus der anderen Richtung.“

„Also“, überlegte er, „dann müssen Sie etwa bei Sonnenaufgang verunglückt sein. Sind Sie im Dunkeln über die Berge gekommen?“

„Nein“, antwortete ich, „ich bin gestern abend drüber gekommen. Ich bin ungefähr bei Sonnenuntergang verunglückt.“

„Bei Sonnenuntergang!“ rief er. „Wo zum Donnerwetter waren Sie die ganze Nacht?“

„Ich hab in dem Haus geschlafen, wo ich den Unfall hatte.“

„In dem großen Steinhaus, zwischen den Bäumen?“ fragte er.

„Ja“, stimmte ich zu.

„Also“, antwortete er aufgeregt. „In dem Haus dort soll es spuken! Es heißt, wenn man nach Einbruch der Dunkelheit dort vorbei fährt, kann man nicht sagen, auf welcher Seite der Straße der große, weiße Stein ist.“

„Ich konnte es schon vor Sonnenuntergang nicht sagen“, bemerkte ich.

„Sehen Sie!“ rief er. „Denk einer! Und Sie haben in dem Haus geschlafen! Haben Sie ehrlich dort geschlafen?“

„Ich hab ziemlich gut geschlafen“, sagte ich. „Von einem Alptraum abgesehen, hab ich die ganze Nacht geschlafen.“

„Nun“, kommentierte er, „nicht für eine Farm würde ich in das Haus gehen, und um mein Seelenheil schon gar nicht drin schlafen. Und Sie schlafen dort! Wie zum Donnerwetter sind Sie rein gekommen?“

„Der Junge hat mich rein gelassen“, sagte ich.

„Was für ein Junge?“ wollte er wissen, mich dabei mit einem seltsamen, einfältigen Ausdruck gebannten Interesses anschauend.

„Ein stämmiger Junge, das Gesicht voller Sommersprossen und mit einer Hasenscharte“, sagte ich.

„Und er sprach, als hätte er den Mund voller Brei?“ wollte er wissen.

„Ja“, sagte ich. „Schlimmer Fall von Gaumenspalte.“

„Nun!“ rief er. „Ich hab nie an Geister geglaubt, und ich hab nicht mal zur Hälfte geglaubt, dass es in dem Haus spukt, aber jetzt weiß ich’s. Und Sie haben drin geschlafen!“

„Ich hab keine Geister gesehen“, erwiderte ich irritiert.

„Und ob Sie einen Geist gesehen haben“, fügte er ehrfürchtig an. „Der Junge mit der Hasenscharte ist seit sechs Monaten tot.“


Anmerkung 1:
Edward Lucas White war ein amerikanischer Autor historischer Romane und Kurzgeschichten. 15 Jahre unterrichtete er auch an der University School for Boys in Baltimore als Lehrer. Am bekanntesten ist er für seine Horrorgeschichten, die, wie auch vorliegende, auf eigenen Alpträumen beruhen sollen. In einer anderen Geschichte „Lakundoo“ begeht der Protagonist am Ende der Geschichte Selbstmord. Er selbst beendete auch auf den Tag sieben Jahre nach dem Tod seiner Frau sein eigenes Leben. (Quelle: Wikipedia)

Anmerkung 2
Das im Text genannte Gedicht „Wir sind Sieben“ (We are seven) stammt vom englischen Dichter der Romantik William Wordsworth (1770 – 1850) und handelt von einem kleinen Mädchen, das es nicht akzeptiert, dass von den insgesamt sieben Geschwistern zwei auf dem Friedhof begraben liegen und zählt diese weiter als seine Geschwister mit.
Wordsworth wuchs selbst in einer Familie mit sieben Kindern auf und hatte später in seiner Ehe ebenfalls sieben Kinder, von denen zwei starben.

Kommentare zum Beitrag

Ingrid Wittich
20.773
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 31.10.2011 um 22:21 Uhr
Huh, gruselig. Ich habe früher einiges von Lovecraft gelesen. Der geht ähnlich und fast noch mehr unter die Haut.
Dr. Manfred Klein
1.398
Dr. Manfred Klein aus Gießen schrieb am 01.11.2011 um 08:40 Uhr
Gut Herr Zeun, dass Sie die angelsächsische Literatur aufarbeiten und hier verbreiten, ich muss zugeben, dass ich diese Autoren nicht mal kenne, aber das ist egal, es geht nicht um mich, mir zur Verteidungen möge gereichen, dass außer Shakespeare, Edgar A. Poe und Mark Twain nichts weiter in der angelsächsischen Literatur passiert ist.
Christiane Pausch
6.393
Christiane Pausch aus Gießen schrieb am 01.11.2011 um 11:29 Uhr
Eine fesselnde Geschichte die man bis zum Ende auf einen Rutsch durchlesen muß!
Bernd Zeun
11.343
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 02.11.2011 um 08:54 Uhr
Das mit dem 'aufarbeiten' war ja sicher ironisch gemeint, Herr Klein, aber Sie haben recht, man kann und muss nicht alles kennen. Und da ich kein Literaturwissenschaftler bin beschäftige ich mich auch in keiner Weise systematisch damit. Aber die angelsächsische Literatur auf die drei Namen zu beschränken, wäre dann doch etwas wenig. Dickens und Melville bei den alten und Mailer, Roth und Updike neben einer Menge anderer bei den neuen Schriftsteller sind durchaus literarische Schwergewichte. Dazu kommt die afro-amerikanische Literatur mit z.B. Alice Walker (Die Farbe Lila), Alex Haley (Roots), beide bei uns zumindest durch die Verfilmung bekannt und Toni Morrison (immerhin Nobelpreisträgerin). Man kann natürlich auch sagen, seit der Bibel hat sich literarisch nichts mehr getan, das ganze Drama menschlicher Existenz lässt sich darin finden.

Horror ist eigentlich gar nicht mein Interessengebiet, auf die Geschichte bin ich über Stockton gekommen, der auch eine Gespenstergeschichte geschrieben hatte, wie übrigens auch Twain, und ich fand sie einfach als Spaß zu Halloween ganz passend.
Bernd Zeun
11.343
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 11.11.2011 um 22:19 Uhr
@Ingrid: Hier hab ich noch eine interessante Seite zu Lovecraft http://www.hplovecraft.de/
Ingrid Wittich
20.773
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 11.11.2011 um 22:32 Uhr
Danke. Ist wirklich interessanr. Habe ich gleich als Lesezeichen gespeichert. Ich habe vor vielen Jahren mal jede Menge Gruselgeschichten aller Art gelesen. Jetzt bin ich eher Krimi- und Thriller-Fan.
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