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Politiker-Reise einmal etwas anders - Johannes Selle, Mitglied des Bundestages, zu Besuch in Yei, Südsudan

Ankunft in Yei. V.l.n.r.: H. Hauser, Nehemiah Gateway; MdB J. Selle; A. Geiger, Nehemiah Gateway; E. Drechsel-Häfele, für Christl. Fachkräfte International in Yei; Ahmed Bugri, Rechtsanwalt, Malta
Ankunft in Yei. V.l.n.r.: H. Hauser, Nehemiah Gateway; MdB J. Selle; A. Geiger, Nehemiah Gateway; E. Drechsel-Häfele, für Christl. Fachkräfte International in Yei; Ahmed Bugri, Rechtsanwalt, Malta
Gießen | Wenn ein Politiker auf einer seiner vielen Auslandsreisen irgendwo ankommt, spricht man nicht selten davon, dass er dort "mal kurz aufschlägt". Denn er ist meistens so in Eile, getrieben vom Protokoll und seinem Büroleiter, dass nach einer Rede, dem Wechsel einiger Höflichkeiten und dem üblichen Händedruckfoto der Schwung des Aufschlages genutzt wird, um in Windeseile zum nächsten Termin zu hetzen.
Die kürzliche Reise des Bundestagsabgeordneten Johannes Selle nach Yei im Südsudan war natürlich auch von einem engen Terminkalender diktiert - und dennoch alles andere als ein "Aufschlag" im üblichen Sinne. Die Reise wurde von "Nehemiah Gateway", einer relativ jungen Hilfsorganisation aus Nürnberg, begleitet. Deren Leiter, Arnold Geiger und der Verfasser dieses Beitrages, hatten die Region schon einmal gemeinsam besucht - 1999, als der Krieg zwischen Nord- und Südsudan noch im vollen Gange war und Yei regelmäßig bombardiert wurde. Nun leben die Drechsels - wie mancher Leser der GZ bereits weiß - seit ein paar Jahren in Yei und sind involviert in verschiedene Bildungs- und medizinische Projekte einer einheimischen Kirche.
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Was liegt also näher, als eine solche Delegation dorthin zu lenken, wo Entwicklungs-Zusammenarbeit im besten Sinne schon funktioniert? Denn bei den Projekten der Evangelical Presbyterian Church in Yei treffen mobilisierte einheimische Ideen und Ressourcen und deutsche Fachkräfte aufeinander.
Wie Johannes Selle während des Besuches äußerte, war es für ihn ein ganz besonderes Erlebnis, einmal nicht nur in den klimatisierten Büros der Minister und anderer Regierungsvertreter zu sitzen und sich deren Sicht der Dinge anzuhören. Für ihn und die anderen Teilnehmer der Reise ging es vor allem darum zu erkunden, wie man sinnvolle entwicklungspolitische Konzepte und Projekte im Lande umsetzen kann, ohne dass Geld und Einsatz von Fachkräften einfach verpuffen. Wie kann man die Bevölkerung einbinden, wie kann man Millionen Hektar bislang ungenutzten, aber fruchtbarsten Landes in bester klimatischer Lage für deren Versorgung nutzen? Wie bekommt man ein Vertriebssystem in Gang, wenn es nur Trampelpfade ins Hinterland gibt und keine richtigen Straßen? Welche Partner kommen dafür infrage?
Um den Besuchern ein abgerundetes Bild laufender Projekte zu bieten, führten wir sie zunächst in das Waisenhaus nach Lura, wo rund 100 Kinder mit ihren
MdB Selle besucht die EPC Clinic in Yei
MdB Selle besucht die EPC Clinic in Yei
"Mamas" leben. In der angeschlossenen Grundschule können sie bis zur 7. Klasse gehen - gemeinsam mit über 200 anderen Kindern aus den umliegenden Dörfern. Zum Waisenhaus selbst gehören über 15 Hektar Land, auf dem sich Ziegen, Hühner oder Kühe tummeln könnten - wenn es denn jemanden gäbe, der das nötige Fachwissen mitbringt, um ein solches Projekt in Gang zu setzen. Hier wäre neben einem ausgedehnten Schulgarten zur Selbstversorgung des Waisenhauses ein Ausbildungsprojekt vorstellbar, eine kleine Biogasanlage zur Stromversorgung, vielleicht später eine Metzgerei, eine Tischlerei und andere Handwerksbetriebe. Und es könnte ein "Leuchtturmprojekt" werden, was die umliegende Bevölkerung einbindet.
In Yei besichtigten Johannes Selle und seine Delegation die EPC Clinic, deren Standard und Leistungsangebot über (fast) alles hinausreicht, was das öffentliche Gesundheitswesen im Südsudan derzeit anzubieten hat. Noch fehlt der EPC Clinic eine chirurgische Abteilung, aber mit entsprechender Unterstützung für die nötigen Investitionen sollte auch das spätestens in 2012 mit zum Programm gehören. Erfreut und erstaunt waren die Besucher über die Tatsache, dass diese Clinic sich finanziell selbst trägt - was sämtliche laufende Kosten und einen
Zu Besuch im Waisenhaus Lura, Bildmitte: Dr. Andreas Jahn
Zu Besuch im Waisenhaus Lura, Bildmitte: Dr. Andreas Jahn
Teil der Investitionen betrifft - und dass manche Leistungen wie Schwangerenvorsorge, Impfungen etc. kostenlos sind. 10% der laufenden Einnahmen der Clinic werden zudem verwendet, um die medizinische Versorgung der EPC-Waisenhäuser sicherzustellen und Patienten zu behandeln, die zu arm sind, um sich an den Behandlungskosten zu beteiligen.
Zu den lebenswichtigsten Projekten gehört Wasserversorgung. Die deutsche "Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit" (GIZ) ist schon seit langer Zeit in Yei vertreten und hat kürzlich zwei "Wasser-Kioske" eröffnet, über die sich die Stadtbevölkerung mit bestem Trinkwasser versorgen kann. Aus einem Tiefbrunnen wird Wasser in Hochbehälter gepumpt und an speziellen Zapfstellen für einen geringen Betrag an die Bevölkerung verkauft. Auch dieses Projekt trägt sich finanziell selbst, es schafft nicht nur Arbeitsplätze für die Mitarbeiter an der Pumpstation und den Zapfstellen, sondern ermöglicht auch Frauen und Männern ein kleines Einkommen, die Trinkwasser in Kanistern in die verschiedenen Stadtgebiete transportieren und dort weiterverkaufen.
Den Schlusspunkt des Aufenthaltes des Bundestagsabgeordneten Johannes Selle in Yei bildete dann ein Besuch der EPC Sekundarschule. Hier können Kinder aus
MdB Johannes Selle besichtigt das im Bau befindliche Internatsgebäude der Nehemiah Secondary School in Yei
MdB Johannes Selle besichtigt das im Bau befindliche Internatsgebäude der Nehemiah Secondary School in Yei
den Waisenhäusern, die die Grundschule erfolgreich abgeschlossen haben, ihren Bildungsweg bis zum Abitur fortsetzen. Derzeit gibt es 80 Tagesschüler aus den umliegenden Wohngebieten, 15 Schülerinnen und Schüler sind im angeschlossenen Internat untergebracht. Im Januar wird es die doppelte Anzahl sein, weshalb gerade ein neues Internatsgebäude fertiggestellt wird, das mit Entwicklungshilfegeldern aus Deutschland gefördert wurde. Johannes Selle und seine Mitreisenden nahmen sich Zeit, mit den Internatsschülern zu reden und zu erklären, was ein Parlamentarier in Deutschland eigentlich zu tun hat. Denn mit demokratischen Strukturen sind die Südsudanesen noch längst nicht vertraut, und es wäre natürlich eine große Hilfe für sie, wenn sie von demokratieerfahrenen Ausländern - so lange als nötig - auf ihrem Weg in sensibler Weise begleitet würden.

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Kommentare zum Beitrag

Astrid Patzak-Schmidt
3.099
Astrid Patzak-Schmidt aus Gießen schrieb am 24.09.2011 um 10:27 Uhr
Ein sehr interessanter und informativer Bericht aus dem Süd-Sudan. Vielen Dank dafür, Herr Drechsel!
Beim Betrachten der Fotos jedoch fällt mir auf, dass Herr Selle so förmlich gekleidet ist. Dadurch entsteht doch ein großer Abstand zu den anderen Menschen um ihn herum... und das finde ich wiederum schade.
Frage: Interessiert es im Süd-Sudan tatsächlich jemanden, was ein deutscher Parlamentarier so zu tun hat?
Insgesamt scheint es sich um eine lobenswerte Aktion des Herrn Selle und seiner Delegation zu handeln. "Scheint" deshalb, weil ich über Herrn Selle nichts weiß und auf Kosten des Bundes eine solche Reise auch gerne machen würde... :-)
Hat Herr Selle mit Entwicklungsarbeit zu tun? Kann er darauf Einfluss nehmen? Das erfahre ich aus Ihrem Artikel leider nicht und müsste es ergoogeln ... Lassen Sie uns Lesern da noch mehr Infos zukommen, Herr Drechsel? Das wäre nett!
Ullrich Drechsel
1.637
Ullrich Drechsel aus Gießen schrieb am 24.09.2011 um 11:06 Uhr
Hallo Frau Patzak-Schmidt, danke für Ihre Rückmeldung! Natürlich hätte ich all diese Informationen in den Bericht packen können - aber er ist ohnehin schon lang genug. Also gäbe es Stoff für einen zweiten - oder Sie gehen kurz auf die Seite des Deutschen Bundestages und erfahren dort (fast) alles über Herrn Selle. Sein offizielles Outfit war wohl dem Umstand geschuldet, dass er in Yei auch kurz den Landrat besucht hat. Ansonsten ziehen sich auch die Südsudanesen sehr fein an, wenn sie jemanden besuchen ... insofern stört der schwarze Anzug hier keinen.
Um auch dies zu klären: Diese Reise ist nicht auf Kosten des Bundes gemacht worden. Nehemiah Gateway hat diese Reise organisiert, und die Delegation hat nicht nur Yei besucht, sondern war auch in der Hauptstadt Juba, wo Herr Selle schon des öfteren offizielle Kontakte wahrgenommen hat.
Ullrich Drechsel
1.637
Ullrich Drechsel aus Gießen schrieb am 24.09.2011 um 15:43 Uhr
Jetzt melde ich mich noch einmal, weil ich gerade sehe, dass ich eine Ihrer Fragen nicht beantwortet habe. Zumindest interessieren sich unsere Schüler für alles, was im Ausland passiert - und auch dafür, was ein deutscher Parlamentarier zu tun hat. Zuvor musste man ihnen aber erst einmal erklären, wozu ein Parlament überhaupt gut ist, denn sie wussten bislang auch noch nicht, wofür ihr eigenes (eigentlich) zuständig ist. Das Interesse unserer Schüler reicht aber auch noch weiter - denn über Deutschland und Europa wussten sie bislang nur sehr wenig. Jetzt fragen sie nach Literatur, z.B. auch konkret über den 2. Weltkrieg und die Zeit danach, Teilung Deutschlands etc. Da gibt natürlich ein solcher spezieller Besuch auch noch einen extra Kick in diese Richtung, und wir versuchen dann, den so geweckten Bildungshunger zu stillen.
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Ullrich Drechsel
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