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"Ein Fahrrad namens Modestine" oder "Ein Lehrer radelt in die Ferien" 13. Kapitel

Gießen | von Frank R. Stockton (1834 – 1902)
Übersetzung: Bernd Zeun

Kapitel 13

Ein Mann mit einem Brief

Als mein unglückseliges Fahrrad auf seinem Weg nach Waterton war, stürzte ich mich voll ins Familienleben der Larramies, entschlossen, sie nichts von dem aufgewühlten Geist merken zu lassen, den mir die außerordentliche Hurtigkeit ihres jüngsten Sohnes verursacht hatte. Wäre ein Mann statt eines Jungen mit mir gefahren, hätte ich jede Muße gehabt, der Herrin des STECHPALMWEDEL zu sagen, was ich ihr sagen wollte. Ich darf feststellen, dass ich mich häufig bei dem Versuch ertappte, heraus zu finden, was ich ihr eigentlich sagen wollte.

Ich tat mein bestes, alle Gedanken zu unterdrücken, die außerhalb dieses gastfreundlichen und freundlichen Hauses lagen. Ich suchte mit den jüngeren Familienmitgliedern den Bären auf. Ich spielte vier Partien Tennis und am Nachmittag ging ich mit der ganzen Familie zum Angeln an einen sehr hübschen Mühlteich, etwa eine Meile vom Haus. Es wurden allerhand Fische gefangen, große und kleine, und nicht eine der Anglerinnen, ausgenommen Fräulein Willoughby, die schüchterne junge Dame, und die kleine Clara, wollten zulassen, dass ich ihnen den Fisch vom Haken löste. Selbst Frau Larramie sagte, wenn sie schon angelte, müsste sie auch alles selbst machen und nicht von anderen abhängig sein.

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Ich versuchte, so viel wie möglich mit Herrn Larramie und Walter zusammen zu sein. Ich hatte zwar nicht das Geringste gegen die Gesellschaft der Damen, aber ich war mir bewusst, es gab Angenehmes, bei dem sich ein Mann zurückhalten sollte. Dieses Bewusstsein war nicht chronisch, es galt nur für diese Gelegenheit.

An diesem Abend, bei Tisch, nahm die Unterhaltung eine seltsame Wendung. Herr Larramie war der Hauptredner und er hatte Gefallen daran, die Verdienste der Frau Chester hervor zu heben. Er sagte, und seine Frau und andere der Gesellschaft stimmten ihm zu, dass sie eine Dame von ungewöhnlich achtenswertem Charakter wäre, dass sie dort fehl am Platze wäre, dass jeder, der sie gut kannte, dieses Gefühl hatte, aber dass sie ihrer Stellung dort eine solche Zierde war, dass sie sie beinahe auf einen ihrem Rang gebührende Stufe anhob. Ihre Freunde hätten ihr wieder und wieder gesagt, dass eine Dame wie sie – immer noch jung, von guter Familie, gut ausgebildet, bereist, und in ausgezeichneter Gesellschaft verkehrt habend – nicht weiter das Leben einer Wirtin eines Landgasthofs führen sollte. Aber der Rat ihrer Freunde habe keine Wirkung bei ihr gezeigt.

Man wusste nicht, ob sie das Gastwirtsgeschäft nötig hatte, aber die allgemeine Ansicht war, dass es nicht nötig wäre. Man vermutete, dass sie selbst über Geld verfügte, als sie Godfrey Chester geheiratet hatte, und der war auch kein armer Mann gewesen.

Dann erzählte Herr Larramie etwas Merkwürdiges, bei dem er sich mit beträchtlichem Ernst aufhielt. Es existierte die Ansicht, sagte er, dass Frau Chester den STECHPALMWEDEL weiter führte, weil sie das für den Wunsch ihres Gatten hielte. Wahrscheinlich hatte er etwas darüber gesagt, es als eine Möglichkeit ihrer Versorgung im Falle seines Todes anzusehen. Auf jeden Fall scheine es ihr Wunsch, das Haus genau so zu erhalten, wie er es zu Lebzeiten bestimmte, ohne irgendeine Veränderung vorzunehmen, sehr, als erwarte sie, dass er zurück käme und sie wolle, dass er alles so vorfände, wie er es verlassen hatte.

„Natürlich erwartet sie nicht wirklich, dass er zurück kommt“, sagte Herr Larramie, „denn es muss jetz vier Jahre seit seiner angenommenen Ermordung her sein-“

„Angenommen!“ rief ich, mit viel ausdrücklicherem Interesse, als ich gezeigt hätte, hätte ich vorher richtig nachgedacht.

„Nun“, sagte Herr Larramie, „das ist ein guter Punkt. Ich sagte ‚vermutlich’ weil die Gegebenheiten des Falles nicht exakt bekannt sind. Es kann zwar keinen vernünftigen Zweifel geben, dass er tot ist, auch wenn dieses Faktum nicht schlüssig durch die polizeiliche Untersuchung bewiesen ist, aber man könnte es durch die andauernde Abwesenheit als bewiesen betrachten. Es wäre Herrn Chester lebend unmöglich gewesen, sich vier Jahre von seiner Frau fern zu halten – sie waren einander sehr zugetan. Weiterhin ist die genaue Art seines Todes nicht bekannt – auch wenn es Mord gewesen sein muss – und aus diesen Gründen benutzte ich das Wort ‚vermutlich’.“ Aber, so weit es menschliche Urteilskraft betrifft, die ganze Angelegenheit ist eine Gewissheit. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass Frau Chester es so sieht, und dennoch - da sie es nicht sicher weiß, da sie die tatsächlichen Beweise, dass ihr Ehemann nicht mehr lebt, nicht hat – weigert sie sich auf gewisse Weise, nur auf gewisse Weise, sich als Witwe zu betrachten.“

„Und welche Weise ist das?“ fragte ich mit einer Stimme, die, wie ich hoffte, keine unangemessenen Gefühle verriet.

„Sie lehnt es ab, wieder zu heiraten“, sagte Frau Larramie, die sich jetzt in die Unterhaltung einschaltete. „Natürlich hat so eine hübsche Frau – ich darf sagen, so eine bezaubernde Frau – Bewunderer, und ich weiß, sie hatte ein paar ausgezeichnete Angebote, aber sie hat sich immer geweigert, sie in Betracht zu ziehen. Da gab es einen Herrn mit Besitz und Stellung, der ihr schon einen Antrag gemacht hatte ehe sie Herrn Chester heiratete, der zu ihr kam, um sich ihr erneut anzubieten, aber sie unterbrach ihn bei dem, was er sagen wollte, indem sie ihm mitteilte, dass sie nicht sicher wüsste, dass ihr Mann nicht mehr lebte, sie könne daher nicht zulassen, dass man ihr derartiges antrüge. Ich weiß das, weil sie es mir selbst erzählt hat.“

Es wurde noch einiges mehr dieser Art erzählt und natürlich war ich sehr interessiert, auch wenn ich es nicht zu zeigen versuchte. Aber ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, wieso das Thema bei der Gelegenheit auf so nachdrückliche Weise vorgetragen wurde. Mir schien, da war etwas Personenbezogenes darin – personenbezogen auf mich. Hatte dieser Percey Bericht erstattet?

Am Abend fand ich dazu alles heraus – und auf eine Weise, die direkt und geradeheraus war. Ich entdeckte Fräulein Edith allein mit sich und fragte sie, ob die ganze Unterhaltung über Frau Chester auf mich abgezielt habe und wenn ja, wieso?

Sie lachte. „Ich habe erwartet, dass Sie kommen und mich danach fragen“, sagte sie, „denn natürlich konnten Sie das zu einem gut Teil durchschauen. Das liegt alles an Vaters Wohlwollen und Güte. Percey war ein bisschen aufgebracht, als er zurück kam und erzählte eine abenteuerliche Geschichte, wie Sie bei Frau Chester Süßholz geraspelt hätten und wie er Sie kaum von ihr los reißen konnte und lauter solche Sachen. Er hatte die Idee, dass Sie dort hingehen und dort leben wollten, zumindest den Sommer über. Er wäre durch das, was ein Junge ihm erzählt hätte, darauf gekommen. Deshalb dachte Vater, wenn Sie irgend welche Vorstellungen bezüglich Frau Chester hätten, sollten Sie unverzüglich über den Sachverhalt informiert sein, und ich denke, der Grund weshalb er es beim Abendessen vorbrachte, war, dass es mehr wie ein allgemeines Unterhaltungsthema aussah, wogegen es in der Tat sehr eindringlich gewirkt hätte, wenn er Sie beiseite genommen und mit Ihnen darüber gesprochen hätte.“

„Das hätte es allerdings“, sagte ich. „Und wenn Sie gestatten, dann sage ich, Jungs sind echte Quatschköpfe! Wenn sie nicht hören, was sie nicht hören sollten, malen sie sich aus, was sie sich nicht ausmalen sollten -“
„Und erzählen Dinge, die sie nicht erzählen sollten“, fügte sie lachend an.

„Was äußerst schlecht ist“, sagte ich, „wenn es nichts zu erzählen gibt.“

Den Rest des Abends war ich aufgekratzter als gewöhnlich, denn es ist ein Leichtes, in dieser Familie aufgekratzt zu sein. Ich glaube nicht, dass ich Grund zu der Annahme gab, ein Mann zu sein, den man darauf aufmerksam gemacht hatte, keine Grenzen zu überschreiten.

Wie gewöhnlich sprach ich vor dem Zubettgehen mit mir selbst. Wozu dieses Gefühl von Enttäuschung? Was bedeutete das? Hätte ich etwas Wichtiges, von Tragweite, zu Frau Chester gesagt, wenn Percey mir eine Gelegenheit gelassen hätte? Was würde ich gesagt haben? Ich konnte sehen, dass sie nicht wollte, dass ich etwas sagte, und jetzt kannte ich den Grund dafür. Von ihrer Seite aus war alles offensichtlich. Selbst wenn sie sich irgendwelche Gefühle mir gegenüber erlaubt hätte, wollte sie nicht, dass ich mich einmischte. Aber was mich selbst anging – ich konnte mich, was mich betraf, zu nichts entschließen.

Ich lächelte bitter als mein Blick auf die kleine Schachtel mit den Kapseln fiel. Mein erster Gedanke war, zwei davon zu nehmen, aber dann schüttelte ich den Kopf. „Es wäre völlig nutzlos“, sagte ich, „sie würden mir nicht helfen.“

Im Laufe des nächsten Morgens fand ich mich allein. Ich setzte meine Mütze auf, zündete eine Pfeife an und und startete den Plattenweg zum Tor hinunter. Augenblicke später hörte ich jemand hinter mir rennen und als ich mich umdrehte sah ich Fräulein Edith. „Schauen Sie nicht so verdrießlich“, sagte sie. „Wo spazieren Sie hin?“

Ich verscheuchte die verdrießlichen Gedanken und sagte, dass ich einfach ein bisschen umher schlendern wollte.

„Das kommt mir komisch vor“, sagte sie, „in diesem Haus wandert niemand allein herum. Aber Sie können im Moment noch nicht los. Hinter dem Haus wartet ein Mann mit einem Brief auf Sie.“

„Mit einem Brief!“ rief ich aus. „Wer in der Welt könnte mir einen Brief hierher gesandt haben?“

„Der einzige Weg, das heraus zu finden“, antwortete sie, „ist nachsehen zu gehen.“

Unter einem Baum hinter dem Haus fand ich einen jungen Schwarzen, sehr erhitzt und staubig, der mir einen Brief gab, der zu meiner Überraschung keine Adresse trug.

„Woher wissen Sie, dass er für mich ist?“ sagte ich.

Er war ein freundlich aussehender Bursche. „Oh, ich weiß, der ist für Sie, Sir“, sagte er. „Mir wurde bei dem kleinen Gasthaus – irgendwas mit einem Wedel – gesagt, dass ich Sie hier finden würde. Sie sind der Herr, dem ein Fahrradreifen von einem Bär aufgefressen wurde, oder nicht?“

Ich bestätigte das und, immer noch ohne den Brief zu öffnen, fragte ihn, von wo dieser käme.

„Er wurde mir in New York übergeben, Sir“, sagte er, „von einem Itaker, einer dieser I-taliener. Er gab mir das Geld, um mit dem Zug bis zum Bahnhof in Blackburn zu fahren und von dort bin ich zum Gasthaus gelaufen. Er sagte, er nähme an, ich würde Sie dort finden, mein Herr. Er erzählte mir einfach, wie sie aussehen, mein Herr, und dieser Brief ist für Sie, ganz bestimmt. Er kannte Ihren Namen nicht, sonst hätte er ihn drauf geschrieben.“

„Oh, er ist von dem Besitzer des Bären“, sagte ich.

„Jawohl, mein Herr“, sagte der Mann, „der ist’s. Er hatte einen Bär – hat er mir erzählt – der Ihren Reifen aufgefressen hat.“

Ich riss jetzt den blanken Umschlag auf und entdeckte, dass er einen auf ein einziges Blatt geschriebenen Brief enthielt, in den noch ein gefalteter Zettel, sehr schmutzig, eingelegt war. Der Brief war anscheinend auf Italienisch geschrieben und trug keine Unterschrift. Ich überflog die Anfangszeilen und merkte schnell, dass es sehr schwierig für mich werden würde, ihn zu lesen. Ich sprach ganz gut Französisch und Deutsch, aber meine Italienischkenntnisse beruhten gänzlich auf dessen Verwandschaft mit Latein. Ich sagte dem Mann, er solle es sich irgendwo bequem machen und ging zum Haus und, nachdem ich Fräulein Edith gefunden hatte, unterrichtete sie darüber, dass ich einen Brief von dem Bärenmenschen bekommen hatte und fragte, ob sie Italienisch könne.

„Ich habe es auf der Schule gelernt“, sagte sie, „aber ich habe nicht viel Übung. Aber gehen wir doch in die Bibliothek – dort steht ein Wörterbuch – und vielleicht können wir ihn entschlüsseln.“

Wir legten das offene Blatt auf den Bibliothekstisch und den gefalteten Zettel daneben und, nebeneinander sitzend, das Wörterbuch vor uns, machten uns an die Arbeit.

„Ich denke“, sagte meine Gefährtin nachdem wir uns zehn Minuten bemüht hatten, „dass der Mann, der Ihnen diesen Brief geschickt hat, Italienisch so schlecht schreibt, wie wir es lesen. Ich glaube, ich könnte die Bedeutung der Worte herausbekommen, wenn ich wüsste was dieses komische Gekritzel darstellen soll. Aber machen wir weiter. Vielleicht haben wir uns nach einer Weile etwas an die Schrift gewöhnt, und ich muss zugeben, ich bin neugierig, was der Mann über seinen Bären zu sagen hat.“

Nach einiger Zeit wurde die Arbeit einfacher. Fräulein Edith besaß eine scharfe Beobachtungsgabe, die es ihr ermöglichte, beinahe unleserliche Wörter durch Vergleich mit besser geschriebenen zu entziffern. Schließlich konnten wir den Brief übersetzen. Sein Inhalt war folgender:

Der Schreiber des Briefes kam nach New York auf einem Schiff. Auf dem Schiff gab es einen Mann, einen Italiener, der sehr böse war. Er tat dem Schreiber sehr böse Dinge an. Als er nach New York kam, blieb er weiter böse. Er war so böse, dass der Schreiber sich entschloss ihn zu töten. Er wartete in einer Nacht zwei Stunden auf ihn.
Schließlich kam der Augenblick. Es war sehr dunkel und das Opfer kam sehr schnellen Schrittes. Der Rächer sprang aus einem Eingang und rammte sein Messer in den Rücken des Opfers. Der Mann stürzte zu Boden und im Moment als er fiel wusste der Schreiber des Briefs, das war nicht der Mann, den er hatte töten wollen. Der böse Mann wäre nicht so leicht zu töten gewesen. Er drehte den Mann um. Der war tot. Seine Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt und er konnte sehen, dass es der falsche Mann war.
Der Mantel des ermordeten Mannes hatte sich geöffnet und ein Zettel war in einer Innentasche zu sehen. Der Italiener wartete nur solange, um ihn zu ergreifen. Er wollte etwas haben, das dem armen, fälschlich ermordeten Mann gehörte. Danach hörte er nichts mehr über den großen Fehler, den er gemacht hatte. Er konnte die Zeitungen nicht lesen und er fragte niemand irgendwelche Fragen. Er legte den Zettel beiseite und behielt ihn. Er dachte oft daran, den Zettel zu verbrennen, aber er tat es nicht. Er hatte Angst. Auf dem Zettel stand ein Name und er war sich sicher, dass es der Name von dem Mann war, den er getötet hatte. Er dachte, solange er den Zettel behielt, gab es eine Möglichkeit, dass ihm vergeben wird.
Das war alles vier Jahre her. Er arbeitete hart und nach einer Weile kaufte er sich einen Bären. Als sein Bär den Gummireifen von meinem Fahrrad auffraß war er sehr erschrocken, denn er fürchtete, ins Gefängnis zu kommen. Aber diese Angst war es nicht, die ihn davon laufen ließ.
Als er mit dem Jungen sprach und ihn nach dem Namen des Besitzers des Gasthauses fragte und der Junge ihn ihm sagte, schien sich die Erde zu öffnen und er sah die Hölle. Es war der Name, der auf dem Zettel stand, den er von dem Mann genommen hatte, den er fälschlich ermordet hatte, und dies war seine Frau, in deren Haus er untergekommen war. Er wurde von einem derartigen Schrecken und der Furcht gepackt, dass man alles herausfinden könnte und dass er eingesperrt würde, dass er zur Eisenbahn lief und einen Zug nach New York nahm.
Er wollte seinen Bär nicht mehr. Er wollte nicht erkannt werden als der Mann, der mit einem Bären unterwegs war. Er wollte nur eines, und zwar zurück nach Italien, wo er sicher sein würde. Er würde sehr bald auf einem Schiff zurück fahren. Er hatte seinen Namen gändert. Er konnte nicht mehr gefunden werden.
Aber er wusste, seine Seele würde keinen Frieden finden, wenn er nicht den Zettel der Frau des Mannes schicken würde, bei dem er einen Fehler gemacht hatte. Aber er konnte ihr keinen Brief schreiben, deshalb schickte er ihn an mich, damit ich ihn ihr gebe und ihr erzähle, was er im Brief geschrieben hatte. Er hat Amerika für immer verlassen. Niemand in diesem Land würde ihn je wiedersehen. Er war fort. Für alle Menschen in diesem Land war er verschwunden, aber seiner Seele ging es jetzt besser, da er das getan hat, was die Dame, deren Ehemann er getötet hatte, wissen ließ, wie es passiert war. Den Bär könnte sie behalten. Das wäre alles, was er für sie tun könnte.

Der Brief trug keinen förmlichen Schluss; der Schreiber hatte gesagt, was er zu sagen hatte und einfach aufgehört.

Fräulein Edith und ich sahen uns an. Ihre Augen waren groß und glänzend geworden. „Nun, sollen wir den Zettel untersuchen?“

„Ich weiß nicht, ob wir das Recht dazu haben“, sagte ich. Ich weiß, meine Stimme zitterte, denn ich war sehr erregt. „Der gehört – ihr!“

„Ich denke“, sagte Fräulein Edith, „dass wir ihn uns anschauen sollten. Es ist nur ein gefalteter Zettel. Ich denke, wir sollten Frau Chester nicht mit Informationen beladen, ohne zu wissen, was diese sind. Vielleicht hat der Mann bei dem Namen einen Fehler gemacht. Wir könnten allerhand Unheil anrichten, wenn wir nicht genau wissen, auf was wir uns einlassen.“ Und während sie es sagte, nahm sie den Zettel und öffnete ihn.

Es war nichts, als die Rechnung eines Ladens, aber sie war ausgestellt auf Dr. Godfrey Chester. Offensichtlich war sie für Waren, die ans Gasthaus geliefert wurden. Sie war quittiert.

Ein paar Augenblicke sagte ich nichts und dann rief ich in einem Ton aus, der meine Gefährtin mich sehr ernsthaft anschauen ließ: „Ich muss sofort zu ihr! Ich muss ihr diese Papiere bringen! Sie muss alles wissen!“

„Entschuldigen Sie“, sagte Fräulein Edith, „aber glauben Sie nicht, es sollte etwas getan werden, dass dieser Mann – dieser Italiener – gefasst wird? Lassen Sie uns seinen Botschafter aufsuchen und uns erkundigen.“ Wir gingen zusammen hinaus, sie, fest geklammert in der Hand sowohl Brief wie Zettel tragend.

Der Schwarze konnte uns sehr wenig erzählen. Ein Italiener, den er nie zuvor gesehen hatte, hatte ihm den Brief gegeben, um ihn zum Gasthaus ZUM STECHPALMWEDEL zu bringen und dem Herrn, dessen Reifen zerbissen worden war, zu geben. Wenn der Herr nicht mehr dort wäre, sollte er darum bitten, dass er ihm nachgeschickt würde. Mehr wusste er nicht.

„Hat der Italiener Ihnen Geld für die Rückfahrt gegeben?“ fragte Fräulein Edith und der Mann gab sehr zögernd zu, dass er das getan hatte.

„Nun, Sie können das Geld für sich behalten“, sagte sie, „und wir zahlen Ihnen die Rückfahrt. Aber wir möchten, dass Sie noch eine Weile hier warten. Vielleicht haben wir noch eine Art Antwort.“

Der Mann lachte. „Die könn’se sich sparn“, sagte er, „den Itaker find’ ich nich wieder. Die sehen alle gleich aus. Er sagte, er geht auf’n Schiff. Er gab mir den Brief gestern, verstehn Sie. Ich nehm an, der ist längst auf See, bis ich zurück bin, selbst wenn ich wüsste, wer er ist und auf welches Schiff er gehen wollte. Aber wenn Sie woll’n, dass ich wart’, wart’ ich.“

„Sehr gut“, sagte Fräulein Edith. „Sie können in die Küche gehen und etwas zu essen bekommen.“ Und, ein Küchenmädchen rufend, gab sie Anweisung, dass der Mann verpflegt würde.

„Nun“, sagte Fräulein Edith und drehte sich mir zu, „lassen Sie uns im Obstgarten einen Spaziergang machen. Ich möchte mit Ihnen reden.“

„Nein“, sagte ich, „ich kann jetzt nicht reden. Ich muss mit diesen Papieren sofort zum Gasthaus. Die Zustellung dieser mir anvertrauten höchst folgenschweren Botschaft darf keinen Augenblick verzögert werden.

„Aber ich muss erst mit Ihnen reden“, sagte sie und sie ging schnellen Schrittes in Richtung Obstgarten. Da sie den Brief noch in der Hand hielt, blieb mir nur, ihr zu folgen.

Fortsetzung hier http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/56427/qein-fahrrad-namens-modestineq-oder-qein-lehrer-radelt-in-die-ferienq-14-kapitel/

Erstes Kapitel hier: http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/49469/qein-fahrrad-namens-modestineq-oder-qein-lehrer-radelt-in-die-ferienq/#comment

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