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Terra Tech: Hilfe, die dauerhaft wirkt

Projektleiter Andreas Schönemann (Mitte) informierte sich auf einer Reise in Eritrea im vergangenen Jahr über den Fortgang der geförderten Bewässerungsprojekte. Archivfotos: Terra Tech
Projektleiter Andreas Schönemann (Mitte) informierte sich auf einer Reise in Eritrea im vergangenen Jahr über den Fortgang der geförderten Bewässerungsprojekte. Archivfotos: Terra Tech
Gießen | von Michael Agricola

Mit einem Klassikkonzert der Philharmonie Merck in der Marburger Stadthalle feiert der Verein Terra Tech am 4. September sein 25-jähriges Bestehen. Der Erlös des Abends soll den Hungernden in Ostafrika zugute kommen.

Wenn man so will, schließt sich mit dieser Aktion auch ein Kreis, denn Afrika war von Beginn an ein Schwerpunkt der Arbeit, und an das Organisieren von verschiedensten Konzerten und Benefizveranstaltungen haben die Gründungsmitglieder von Terra Tech lebhafte Erinnerungen.
Sie übernahmen die Bewirtung bei Sportfesten oder veranstalteten Konzerte, in den achtziger Jahren etwa mit den Rodgau Monotones und Jule Neigel. Manchmal sei der Aufwand im Vergleich zum Ertrag recht hoch gewesen, schmunzelt Gründungsmitglied Dr. Gangolf Seitz über die Zeit, als die Mitglieder Bratwürstchen verkauften, Eintrittskarten abrissen und sich dabei Abende lang von Discomusik beschallen ließen. Doch es war zugleich eine wichtige Zeit, um den Verein erst mal ins Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen. Begonnen hatte alles mit einer Initiative des Marburger Arbeitsamtes. Eberhard Völzing, langjähriger
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Arbeitsamts-Chef, hatte 1983 die Idee und brachte mit einem verblüffend einfachen Konzept gut ausgebildete Arbeitslose in Marburg und Umgebung und Hilfe für Entwicklungsländer zusammen. Der eigens dafür gegründete Verein Technologie Transfer Marburg (TTM) bereitete gebrauchte und ausrangierte medizinische Geräte mit dem Know how der Arbeitslosen wieder auf und gab sie an Krankenhäuser oder Ärzte in der „Dritten Welt“ weiter. Ein Projekt, das vom Bund damals gefördert wurde, jedoch einen Haken hatte: Es gab zwar viele mögliche Empfänger, die hatten aber kein Geld, um die Leistungen von TTM zu bezahlen. Dies war die Geburtsstunde von Terra Tech, so Seitz. Der Verein wurde gegründet, um Spenden zu sammeln und die Abwicklung der TTM-Projekte zu übernehmen.

Der Unterstützung aus der Politik konnte sich der junge Verein dabei stets sicher sein. Der frühere Kanzleramtsminister Friedrich Bohl ist seit der Gründung Vorsitzender von Terra Tech, auch der damalige SPD-Landtagsabgeordnete Karl Schnabel wirkte im Vorstand des Vereins mit. Heute gehören neben Bohl der CDU-Kreisvorsitzende Frank Gotthardt und der SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Thomas Spies zum Vorstand. Das erste Förderprojekt, das TTM und Terra Tech im Jahr 1986 erfolgreich
Schnelle und unbürokratische Hilfe: Terra Tech lieferte Wohnwagen als Notunterkünfte ins ehemalige Jugoslawien.
Schnelle und unbürokratische Hilfe: Terra Tech lieferte Wohnwagen als Notunterkünfte ins ehemalige Jugoslawien.
abschlossen, hat im heutigen Vergleich eine geradezu „niedliche“ Größenordnung. Mit gerade mal 13 010 Mark wurde eine Krankenstation in Mankoina in Mali ausgestattet. Es folgten viele weitere, zuweilen unkonventionelle, aber wirksame Kleinprojekte.

Wie die Nothilfe nach dem Krieg auf dem Balkan im ehemaligen Jugoslawien. Wieder hatte Eberhard Völzing die Idee. Der Winter stand vor der Tür und Terra Tech sammelte bundesweit Wohnwagen ein, die als Notunterkünfte für Flüchtlinge dienen sollten. In kürzester Zeit wurden 44 Wohnwagen gespendet, ein Sonderzug des DRK brachte sie zu Bedürftigen, die sie zum Beispiel als Quartier nutzen konnten, während sie ihre Häuser wieder aufbauten. Dann wurden sie weitergegeben. „Mir gefallen eben die einfachen Dinge“, strahlt Völzing noch heute über den Erfolg der Aktion, die am Ende den geradezu lächerlichen Betrag von 3 000 Mark gekostet hatte.
Erst Mitte der 90er Jahre wurden die finanziellen Möglichkeiten für Terra Tech erheblich besser. Der damalige Geschäftsführer Stefan Hagelüken erschloss dem Verein Fördertöpfe der Bundesregierung, berichtet Gangolf Seitz: „Das war der Wendepunkt“, zumal die Bindung an TTM zunehmend gelöst wurde. Terra Tech ging nun eigene Wege. Der Verein
Auch Showmaster Alfred Biolek (2. von rechts) unterstützte Terra Tech beim Spendensammeln.
Auch Showmaster Alfred Biolek (2. von rechts) unterstützte Terra Tech beim Spendensammeln.
blieb zwar eine lokal handelnde Hilfsorganisation, profitierte aber stärker von öffentlicher Entwicklungshilfe und von privaten Organisationen wie der Hertie Stiftung oder der „Aktion Mensch“. Von 304 000 Mark im Jahr 1997 stieg der Jahresumsatz bis auf eine Million Euro im Tsunami-Jahr 2008.
Heute ist die Hilfe nicht mehr auf Afrika beschränkt – auch nicht auf die Weitergabe von Medizintechnik. Terra Tech engagiert sich verstärkt in der Behindertenarbeit, der Erziehung und der Trinkwasserversorgung. Nothilfe ja – wie jetzt in Ostafrika –, aber vor allem Geld für Projekte, die dauerhaft wirken: das ist die Maxime des Vereins.

Weitere Informationen: www.terratech-ngo.de, www.facebook.com/terratech.ngo, Telefon 06420/839940

Der Verein
Terra Tech hat etwa 150 Mitglieder, davon rund 20 Aktive. Der Verein ist der Aktion „Deutschland hilft“ angeschlossen und erhält daraus anteilig Spenden. Terra Tech trägt das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das unter anderem den sorgsamen Umgang mit Spendengeldern bescheinigt. Die Verwaltungskosten werden mit knapp 20 Prozent angegeben, bis zu 30 Prozent sind laut DZI zulässig.

Projektleiter Andreas Schönemann (Mitte) informierte sich auf einer Reise in Eritrea im vergangenen Jahr über den Fortgang der geförderten Bewässerungsprojekte. Archivfotos: Terra Tech
Projektleiter Andreas... 
Schnelle und unbürokratische Hilfe: Terra Tech lieferte Wohnwagen als Notunterkünfte ins ehemalige Jugoslawien.
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Auch Showmaster Alfred Biolek (2. von rechts) unterstützte Terra Tech beim Spendensammeln.
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Der Vorstand von Terra Tech (von links): Christine Heigl, Frank Gotthardt, Friedrich Bohl, Dr. Thomas Spies, Dr. Gangolf Seitz, Klaus-Eberhard Völzing. Foto: Michael Agricola
Der Vorstand von Terra... 

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