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Scherben bringen Glück

Gießen | Als ich an der Tür klingelte, hörte ich schon seine kurzen Schritte:
„Schön, daß Du heute Abend vorbeikommst, “ sagte mein Freund Waldemar, der Maler, als er mir die Tür öffnete. „Da muss ich nicht mehr alleine unglücklich sein.“ Er umarmte mich flüchtig und trippelte dann wie aufgezogen zurück in sein Wohnzimmer.
„Man kann doch nicht immer nur weglaufen, wenn man unglücklich ist, “ sagte ich lachend und liess mich in sein Sofa fallen.
„Ach, weißt Du,“ sagte Waldemar, als sträubten sich seine Stimmbänder „seitdem Karin gegangen ist, habe ich mich eigentlich an mein Unglück gewöhnt.“
„Habt ihr es endlich geschafft?!“ sagte ich und drückte meine Zigarette aus.
„Ja, “ nickte Waldemar trostlos. „ Aber was ist schon das Glück zu zweit? Das ist doch nur ein grosses Wort, das man wie einen romantischen Film an die Wand werfen kann. Und trotzdem hatte jeder von uns eine andere Vorstellung von diesem Film.“
„Immerhin hatte dieser Film nie einen Anfang noch ein Ende,“ sagte ich nüchtern.
Waldemar sah mich an, als sei alles noch viel komplizierter:
„Das Leben ist sowieso nur eine Wiederholungsspirale, “ sagte er dann leise und schloß für einen Augenblick die Augen. „Davon kann man doch nur besoffen werden...“
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„Was verbindet die Menschen mehr als ihr Unglück?“ sagte ich, als machte ich einen Witz.
„Dabei war ich immer bereit Karin meine Leber vor die Füße zu legen,“ lächelte Waldemar mit einer Dramatik, zu der nur er fähig war „Willst Du noch ein Bier?“
„Aber bitte alkoholfrei…,“ antwortete ich stereotyp wie ein Anrufbeantworter.
„Du gibst wohl nie auf?!“ grinste Waldemar genervt. Die tiefen Falten um seine Nase herum erinnerten an Magengeschwüre.
Waldemar sah mich an, als hätte er Mitleid mit sich selbst, während die grauen Haare wirr um seinen Schädel standen.
Waldemar war ein Alkoholiker, der sich jeden Tag mit ein paar Flaschen Bier das Trinken abgewöhnte, weil dann das Rauchen gesünder sei, wie er mir oft dozierend erklärte.
Dabei war es schon sehr lange her, dass Waldemar von mir erwartete, dass ich ihm in diesem Punkt Recht gab. Und meine früheren Hinweise es doch entweder mit dem einen oder dem anderen zu versuchen, lehnte er immer empört und kategorisch ab. So könne nur ein „Klugscheisser“ reden, herrschte er mich dann an. Und im Übrigen sei er nicht für halbe Sachen. Entweder richtig oder gar nicht. Als wir am Ende dann doch noch betrunken waren, warfen wir damals krakelend unsere Gläser und Flaschen an die Wand, die wie Granaten explodierten. Und während wir uns torkelnd gegenseitig stützten, grölten wir im Kanon: Scherben bringen Glück…! Scherben bringen Glück…!
„Also Prost, “ nickte ich jetzt Waldemar zu.
„Die Scherben haben Dir damals mehr Glück gebracht, als mir, “ lallte Waldemar und lachte betrunken, während er mein: Aber bitte alkoholfrei… gehässig imitierte. Und während er mir erneut zuprostete, lachte er mich aus: „Ich sag ja, Du bist ein Klugscheisser…!“

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von:  Dr. Mathias Knoll

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Dr. Mathias Knoll
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