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Psychosomatische Krankheiten auf dem Vormarsch

Der Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitäts-Klinikums Gießen-Marburg, Professor Johannes Kruse, bei einem Vortrag vor Mitarbeitern der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar über psychosomatisch Erkrankte.
Der Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitäts-Klinikums Gießen-Marburg, Professor Johannes Kruse, bei einem Vortrag vor Mitarbeitern der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar über psychosomatisch Erkrankte.
Gießen | TelefonSeelsorger beschäftigen sich in einer Fortbildung mit der Wechselwirkung zwischen Körper und Seele

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an psychosomatischen Krankheiten. Inzwischen hat jeder neunte Bundesbürger funktionelle körperliche Störungen, die nicht durch körperliche Erkrankungen erklärt werden können. Darauf hat der Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitäts-Klinikums Gießen-Marburg, Professor Johannes Kruse, hingewiesen. Das Wort „Psychosomatik“ besteht aus den beiden Wörtern Soma und Psyche und bedeutet, dass es eine Wechselwirkung zwischen Körper und Seele gibt. Prof. Kruse sprach vor ehrenamtlichen Mitarbeitern der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar. Auch unter den rund 18.000 Anrufern, die sich jährlich unter den bundeseinheitlichen Nummern 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 im Giessener Bereich melden, sind laut den Leitern der ökumenischen Einrichtung, dem evangelischem Pfarrer Wolfgang Schinkel und dem katholische Pastoralreferent Gerhard Schlett, Personen, die unter diesen psychischen Störungen leiden. Oft würden sie sich von Ihrem Arzt nicht verstanden fühlen, weil sie Schmerzen empfinden, dieser aber keine organischen Ursachen finden kann.
Nach Angaben von Prof. Kruse kommen solche Patienten meist wegen Erbrechen, Übelkeit, Bauch- und Unterleibsschmerzen, Schwindel und Benommenheit.

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Ein psychosomatischer Patient werde in der Literatur von Moliere in dem Stück „Der eingebildete Kranke“ beschrieben, wobei „eingebildet“ in der Gesellschaft zu Unrecht abwertend gebraucht wird. Die psychosomatischen Krankheiten bildeten heute den Hauptgrund für eine Frühberentung. Würde der Arzt diese Patienten auf die Möglichkeit von psychischen Ursachen ansprechen, reagiere dieser abwehrend. Sie wollten niemanden in diesem Bereich an sich heran lassen. Umgekehrt kommt es vor, dass die psychischen Ursachen auch vom Arzt nicht erkannt werden. Ein zusätzlich schwer belastender Teufelskreis. Oft kämpften diese Patienten jahrelang um die Legitimität ihrer Erkrankung. Weil sie sich unverstanden fühlen, so der Mediziner, komme es zum Arzt-Hopping. Einerseits hätten die Patienten den Wunsch endlich jemanden zu finden, der ihnen hilft, andererseits brächten sie große Wut im Bauch mit auf ihre bisherigen Ärzte. Für beide Seiten – Arzt und Patient – eine besondere Herausforderung im Umgang miteinander.

Eine der möglichen Ursachen für psychosomatische Erkrankungen sieht Prof. Kruse in der Kindheit. Oftmals hätten die Patienten nicht gelernt ihre Gefühle auszudrücken. Oder sie durften es nicht, weil bestimmte Gefühle in der Familie unerwünscht waren. Jedes Gefühl, so der Mediziner, ist mit einer Körperfunktion verbunden. So schlage bei Angst beispielsweise das Herz schneller. Wer den Umgang mit seinen Ängsten von Klein auf nicht gelernt habe, neige dazu nur körperlich Beschwerden wahrzunehmen. Es fehlt die Möglichkeit, eigene Gefühle differenziert wahrzunehmen, sie zu benennen und unmittelbar auszudrücken. Patienten, die nicht zwischen Körper und Gefühl entscheiden könnten, deuteten Emotionales als körperliche Beschwerden. Bei Angst könne man lernen, damit umzugehen oder sich Hilfe zu holen. Psychosomatische Patienten litten unter mangelnder Selbstvorsorge und könnten nicht ausdrücken, was sie wirklich haben.

Telefonseelsorge wie Arzt – aber auch jeder andere im Umfeld - müssten den Erkrankten zunächst ernst nehmen und ihm helfen bei der Symptombewältigung. In der psychosomatischen Therapie sei es Ziel, zu lernen zwischen Gefühl und Körperbeschwerden zu unterscheiden. Zudem sollten Betroffene entdecken, dass hinter seinen Beschwerden oftmals Gefühle der Enttäuschung und Verzweiflung stecken. Es gelte sie wahrzunehmen, ihnen zuzuhören und sie zu respektieren. Denn für den Lernprozess des Entdeckens und des Ausdrückens dieses bisher nicht bewussten Erlebens braucht es viel Halt und Zuwendung.

Weil die Patienten meist über Jahre leiden, seien sie oftmals als Folge schon „hauptberuflich Patient“. Sie laufen Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Ihre ganze Lebenswelt drehe sich um ihre Beschwerden, sie sind ihnen immer mehr ausgeliefert. Andererseits brauchten manche Patienten die Krankheit, um ihr Lebensarrangement zu bewahren als Schutz und aus Angst vor den intensiven Gefühlen.

Weil die Erkrankten meist nicht schlafen können, und während der Nacht Gefühle intensiver als Tags empfunden werden, gehören auch sie zu den nächtlichen Anrufern in der Telefonseelsorge. Wenn es gelinge, zu ihnen eine Beziehung im Gespräch aufzubauen, könnten sie oftmals Sicherheit gewinnen und auch einschlafen.

In der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar arbeiten rund 50 Ehrenamtliche mit aus Giessen und Umgebung und gewährleisten dadurch in der Region rund um die Uhr den Dienst am Telefon, Tag und Nacht für ein Einzugsbereich von fast einer Millionen Menschen.

Träger der ökumenischen Einrichtung sind die beiden evangelischen Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels (Evangelische Kirche im Rheinland), die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau sowie die beiden katholischen Bistümer Mainz und Limburg.

Männer und Frauen, die sich für die Ausbildung zum ehrenamtlichen Mitarbeiter interessieren, können noch unter der Telefonnummer 0641 33009 (Anrufbeantworter) Kontakt mit der Telefonseelsorge aufnehmen. Weitere Informationen auch unter www.telefonseelsorge-giessen-wetzlar.de

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von:  Gerhard Schlett

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