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Erde und Meer

Gießen | Des Frühlings warmer Odem weht übers weisse Land,
Da lös't sich von den Strömen des starren Eises Band.
Da grünen neu die Matten, da knospet Baum und Strauch,
Erwachen tausend Schläfer vom lebenvollen Hauch.

Doch wie dem Leben immer der Tod zur Seite geht,
Und um den Tag der Freude mit dunklem Flügel weht,
So zieht auch mit dem Lenze Verderben wild heran,
Und rollt in Stromeswellen, und brauset im Orkan.

Und kündet Krieg den Hütten, wirft Brücken in den Grund;
Verzweiflungsruf thut heulend die Noth, die grosse, kund.
Die finstern Wogen rollen, brausend in dunkler Nacht;
Des Eises scharfe Schollen sind ihre Heeresmacht.

Das Unglück wird zum Schauspiel, und jeder eilt hinaus;
Drei Männer stehn von ferne, hinblickend nach dem Graus.
»Gross ist,« beginnt der Eine: »Natur, Dein hoher Gang,
Er heisse Frühlingssäuseln, er heisse Wogendrang!«

»Ja, Herr!« spricht drauf der Zweite bescheiden: »Wunderbar!
Wir nehmen hier den Weltgeist in seinen Werken wahr.
Und mehr ergreift's die Seele, wenn wir ihn zürnen sehn,
Als wenn von seinem Lächeln die Blümlein auferstehn!«

Und düster spricht der Dritte: »Was Euch das Herz bewegt,
Das Herz, vom kleinsten Anlass zum Springen aufgeregt,
Das geht an mir vorüber, ich sehe nichts erneut;
Vor mehr denn tausend Jahren war's eben so, wie heut.«

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Drauf Faustus zum Begleiter, dem Höhnenden, gewandt:
»Ist Dir der Dinge Werden vom Anbeginn bekannt,
So gieb uns dess Belehrung, wir bitten Dich gar sehr!
Wie sind die Berge worden? Wie wurden Land und Meer?«

Da zieht Mephisto höhnisch in Falten das Gesicht,
Und neigt sich bis zur Erde vorm Frager, eh' er spricht.
Wie Wetterleuchten loht es in seiner Augen Stern,
Und unwillkommen ist ihm der Wille seines Herrn.

»Die Welt ist uranfänglich, so was Ihr – ewig heisst,
Ein Leib, der unvergänglich, und Leben ist ihr Geist.
Die Sonnen, die Planeten, die Stern' am Himmelszelt
Das sind zerfallne Glieder des grossen Wesens Welt.«

»Einst war das All nur eines, ein schönes dunkles Graun,
Nichts Grosses und nichts Kleines, nicht Herr, nicht Knecht zu schaun.
Da hat es Wer geschieden, der wies den Sternen Bahn,
Und bald war's um den Frieden im ew'gen All gethan.«

»Auch Feuer, Meer und Erde war mit dem Firmament
Ein friederfülltes Ganzes, bis alles sich getrennt,
Die Massen sich zerschlugen, Licht mit dem Dunkel rang,
Doch Meer und Land vertrugen sich damals noch gar lang.«

»Bis dass auch sie sich schieden; da sprach das Meer zum Land:
Lass scheiden uns im Frieden, wir bleiben doch verwandt.
In meinem Schoos getragen hab' ich als Mutter Dich,
Doch Deine Berge ragen zu stolz schon über mich.«

»Wir theilen; nimm die Vögel, nimm, was in Lüften schwimmt!
Was sich im Wasser freuet sei fürder mir bestimmt.
Dich mögen Greif und Lindwurm und Elephant erfreun;
Mein sei die Wasserschlange, der Leviathan mein!«

»Ich lasse dir die Sträucher, die Bäum' und Blumen all';
Lass mir dafür den Kraken, den Behemoth, das Wall.
Will mir schon Bäume schaffen, auch Blumen, tief im Schooss
An purpurrothem Strauchwerk grünt mein Korallenmoos.«

»Und lass uns Pfänder tauschen, Erinnrung alter Zeit;
Ich will um Inseln rauschen, die bleiben mir geweiht,
Du magst mit grünen Ringen von Blumen und Gestein
Um manchen See Dich schlingen, er soll Dein eigen sein.«

»So sprach das Meer zum Lande, das that nach diesem Wort,
Und Ström' und Flüsse sandte zum Meer es grüssend fort.
Das Halbtheil der Geschöpfe der Ozean empfing,
Indess auf festem Boden die zweite Hälfte ging.«

»Nun ward der erste Frühling dem armen nackten Land
Als eine reiche Buhle vom Himmel zugesandt;
Sie kommt daher gezogen mit köstlichem Geschmeid,
Und deckt den dunklen Riesen mit ihrem Blumenkleid.«

»Des Frühlings warmer Odem lässt Blumen auferstehn;
Doch mit dem Hauch des Todes das Leben wir umwehn.
Und was da knospt und blühet, es blüht nur kurze Zeit,
Der baldigen Vernichtung ists schon im Keim geweiht.«

Ludwig Bechstein

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von:  Antje Amstein

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Antje Amstein
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