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Feldpost (II) – Verdun

Gießen | „… und…,“ schrieb der Großvater in sein Tagebuch „… hätte jemand zu Dürers Zeiten gesagt, dass in ferner Zukunft eine Stadt auf ihre Befestigungsmauern verzichten könne, da es dann Waffen gäbe, die man „Artillerie“ nennt - und für diese Waffen selbst eine Befestigungsanlage kein Hindernis mehr sein würde - wenn das also jemand behauptet hätte, dann wäre dieser Mensch wahrscheinlich für verrückt erklärt worden. Oder man hätte ihn als Phantasten verlacht.
Schon seit Tagen werfen wir unsere Artillerie gegen Verdun, diese mittelalterliche Festung. Zwar haben wir diese Stadt bisher noch nicht gesprengt, aber trotzdem kommen wir jeden Tag unserem Ziel etwas näher. Das jedenfalls behauptet unser Hauptmann.
Immerhin haben wir schon die eng verwobenen Drahtverhaue um Verdun herum gekappt. Denn zwischen den deutschen und französischen Stellungen sollen gerade diese rührenden Stacheldrahtgürtel vor allem nachts Schutz vor Überraschungsangriffen bieten.
Aus diesem Grund hängen auch im Stacheldraht unzählige Glöckchen, die Alarm auslösen sollen, falls sich nachts der Feind heranschleicht. Das ist geradezu lächerlich und vermutlich nur eine dürftige Lebensversicherung, die das Geschützfeuer verhöhnt. Aber nur so wird der Infanterie der Weg nach vorne gebahnt, sagt unser Hauptmann. Aber ich bin mir nicht sicher, wem das mehr hilft - den Franzosen oder uns?
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Wenn ich aber an die Geschichte von „David“ und „Goliath“ denke, frage ich mich sowieso, ob die sich eigentlich vorstellen konnten, dass die Entwicklung ihrer archaischen Waffen noch längst nicht abgeschlossen war. Vielleicht hätte man doch besser die Schleuder verbieten sollen, um die weitere Erfindung der Artillerie zu verhindern?!
Aber so oder so, wenn der Spuk hier vorbei ist, können wir uns vermutlich sowieso nicht mehr gegen ein Heldengrab auf dem Soldatenfriedhof wehren. Dabei ist das ein Witz. Denn Tag für Tag zerstampft die Artillerie wie eine gut geölte Maschine den von Leichen gesättigten Boden.
Das Verrückte ist nur, dass kein Mensch mehr unterscheiden kann, welche Artillerie wie ein Quirl die Leichenberge bearbeitet, bis der heißumkämpfte Boden unter unseren Stiefeln nachgibt wie ein vollgesogener Schwamm aus Blut und Erde. Dabei ist es doch völlig egal von welcher Granate ich in dieser Apokalypse getroffen werde. Nur dann werde ich mit Haut und Haar und in voller Montur durch den Wolf gedreht. In dem Punkt bin ich mir immerhin sicher.
Aus Max und Moritz machte man wenigstens Mehl. Aber mit uns wird man die Heldengräber düngen, die auf die kommende Generation einen seltsamen Sog ausüben werden. Auf die abschreckende Wirkung dieser Gräber ist kein Verlaß - fürchte ich. Denn die Stille derartiger Friedhöfe wirkt all zu oft verführerisch und erweckt Sehnsüchte…“

Kommentare zum Beitrag

Christian Momberger
10.949
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 24.07.2011 um 23:08 Uhr
Auch hier wieder ein guter Text. Besonders auch die letzten beiden Sätze. Ich Ihre Texte sollten weite Verbreitung erfahren, sie sind absolut lesenswert!
Dr. Mathias Knoll
7.529
Dr. Mathias Knoll aus Gießen schrieb am 25.07.2011 um 07:48 Uhr
Lieber Herr Momberger
vielen Dank für Ihre Kommentare und das "Gegen-Lesen"
Gruß Mathias Knoll
Christian Momberger
10.949
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 25.07.2011 um 22:41 Uhr
Nichts zu danken. Ich gebe nur meine ehrliche Meinung wieder, die leider immer von allen hier gerne gelesen und akzeptiert wird.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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von:  Dr. Mathias Knoll

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Dr. Mathias Knoll
7.529
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