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Feldpost ( I ) - Verdun

Gießen | „Gegen Abend, “ schrieb der Großvater in sein Tagebuch, „hörten wir murmelnde Geräusche, die in ihrer Monotonie an eine endlose Litanei erinnerten. Nur gelegentlich sahen wir in der französischen Stellung Gewehrläufe, die wie Insektenbeine hin und her zuckten.
Sobald die Sonne ihren Höhepunkt überschritten hat, überfällt mich ohnehin eine bleischwere Angst. Denn die Dämmerung ist die Zeit der „Titanen“ Und diese Grabenkämpfe hier sind ein grausames Relikt – aus welcher Zeit auch immer.
Aber wenn sich die „Großen“ streiten, müssen es immer wieder die „Kleinen“, die man aufeinander hetzt, ausbaden. Und so handeln auch wir hier nur noch nach der Devise:
Wo gehobelt wird, da fallen Späne.
Tapferkeit vor dem Feind nennt man das. Und wer heute mit der Nahkampfspange ausgezeichnet wird, weil er seinen Gegner erstach, wird vielleicht schon Morgen im Lazarett verbluten.
Also, diese Szenerie hier kennen wir schon bis zum Erbrechen.
So flüsterten wir uns also auch gestern zu, sozusagen von Mann zu Mann:
Alle bereit halten!
Aber da sprangen schon die Franzosen aus ihren Stellungen hervor und schrien bei ihrem Angriff wie eine Schafherde, die zur Schlachtbank getrieben wurde.
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Grabenkrieg (2)Feldpost (1)1. Weltkrieg (9)
Aber glaub mir: Auch ich weiß, dass man die Todesangst mit diesem Gebrüll nicht verliert.
Also wühlst du schnell deine bleischweren Glieder aus dem Graben, um hier nicht vorzeitig von deinem Feind beerdigt zu werden. Es stirbt sich so schnell. Aber nicht nur ich will leben!! Und schon denkst du an nichts mehr anderes, während sich deine Muskelverspannungen lösen, um so dem Bajonett die Leichtigkeit zu verleihen, die deinen Gegner aufschlitzt wie ein Schwein.
Zugegeben, den Kampf -Mann gegen Mann- zu überleben, hinterlässt durchaus euphorische Gefühle, die sich gelegentlich sogar dämonisch auswachsen. Denn das sind die Gefühle von Macht. Und gleichzeitig wird plötzlich jeder zu seinem eigenen Gott. Denn nach jeder Feindberührung, die man lebend übersteht, entwickelt sich das hehre Gefühl vom Schicksal auserwählt zu sein. Vielleicht gehört man sogar zu der besonderen Kaste, die das Überleben garantiert?
Und doch hinterlässt diese Form der „Auslese“ nur das vage Gefühl noch einmal davon gekommen zu sein…“

Kommentare zum Beitrag

Kurt Orth
216
Kurt Orth aus Laubach schrieb am 01.07.2011 um 18:31 Uhr
Auch mein Großvater war in Verdun und Somme und hat mir als Kind viel über die Grausamkeit des Grabenkrieges erzählt. Jahre später habe ich mir die ehemaligen Schlachtfelder angesehen und konnte mir durch Großvaters Erzählungen ein Bild dieses Grauens machen.
Christian Momberger
10.949
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 24.07.2011 um 22:58 Uhr
Vielen Dank Herr Dr. Knoll für ihre immer wieder sehr guten und zum Nachdenken anregenden Texte!

Und gerade dieser Satz "Aber wenn sich die „Großen“ streiten, müssen es immer wieder die „Kleinen“, die man aufeinander hetzt, ausbaden." hat leider auch bis heute nichts an seiner Aktualität verloren. Das sieht man z.B. aktuell wieder im Falle der Griechenland-Kredite wo ja von gewissen Medien und Gruppen gegen die angeblich so "faulen Griechen" und das sie dran ja selbst Schuld seien, gehetzt wird. Nationalistische und chauvinistische Parteien und Gruppen feiern immer neue Wahlerfolge in Europa. Das sollte uns zu denken geben und wir sollten wachsam sein und dagegen kämpfen um zu verhindern, dass erneut wieder die Völker gegeneinander aufgehetzt werden.
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von:  Dr. Mathias Knoll

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Dr. Mathias Knoll
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