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Heiligenschein

Gießen | Die europäische Kultur ist von der Wurzel her eine Wortkultur. Aber diese Kulturform wird zunehmend von der Bilderwelt der Medien abgelöst. Der Alleinanspruch des Wortes gehört der Vergangenheit an. Da aber der Mensch in Bildern denkt, steht jede Abbildung mit dem Wort in Verbindung. Selbst wenn sich die Worte im Unterbewusstsein verbergen.
Wer sich mit der Welt auseinandersetzt, weiß also um die Möglichkeiten seiner Wirklichkeit. Du musst nur dem Wort vertrauen, um dem, was angeblich richtig und gut ist, misstrauen zu können. Die entscheidenden Fragen sind komplizierter zu beantworten, als mit „richtig“ oder „falsch.“ Oder fühlst Du Dich nur wohl, wenn Du Recht hast?
Ist es so schwierig Gegensätze zu versöhnen? Oder sehnst Du Dich nur nach Thesen, denen alle zustimmen?
Dass es hier um Dein Leben geht, das weißt Du schon lange. Oder hast Du das Schreiben und Lesen nur gelernt, um die virtuelle Welt der Piktogramme wieder- zuerkennen? Die Welt aber ist keine Guckkastenbühne, die von Pappkameraden belebt wird. Mir fällt nichts ein, worüber man nicht schreiben dürfte. Lesen darfst Du Alles. Also nehme ich die Schöpfung nicht hin, wie das Vieh den Fresstrog.
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„Hinter den Dingen steht immer etwas Anderes“ - dieser Spruch hängt schon seit Jahren über meinem Schreibtisch. Oder stand hinter meinem Leben einfach nur der Vater? Warum soll ich mich da nicht verdächtigen? Aber Vermutungen sind nicht immer zu beweisen. Es gibt Aussagen, zu denen es sich bequem schweigen lässt. Deshalb fühle ich mich oft wie ein Schauspieler ohne Text.
Tagsüber sehne ich mich nach der Stille meines Arbeitszimmers. Und abends sitze ich wie ein Klausner an meinen Papieren. Ich versuche die Welt meiner Gedanken zu ordnen. Gelegentlich schließe ich die Augen, um mich dann vom Anblick meiner Umgebung überraschen zu lassen. Ich wollte, ich könnte das Sehen neu erfinden. Dann könnte ich mit den Worten spielen wie ein Kind, das in seinem Bilderbuch die Welt entdeckt. Noch kennt das Kind die Zukunft nicht, die ich durchleben musste.
Eingeklemmt hinter meinem Schreibtisch fühle ich mich wie ein Mensch, der ständig etwas sucht. Oder glaube ich nur etwas verloren zu haben? Aber was? Ich kann mich daran nicht mehr erinnern. Und doch, ich fühle mich gefangen in einem Dasein, das nur die ewige Gegenwart kennt.
Vielleicht legt mir die Schreibtischlampe einen Lichterkranz um den Kopf, denke ich noch. Aber meinen Heiligenschein kann ich nicht sehen…

Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
29.210
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 24.12.2008 um 14:16 Uhr
Frohe Weihnacht Herr Dr. Knoll,

ich hoffe Sie sitzen jetzt nicht an Ihrem Schreibtisch, zumindest nicht um zu arbeiten. Ausspannen, den Gedanken nachhängen, das ja. Das gehört zum Leben dazu.

Aber eventuell arbeiten Sie schon wieder an einem Beitrag. Freu mich drauf.
Dr. Mathias Knoll
7.529
Dr. Mathias Knoll aus Gießen schrieb am 24.12.2008 um 14:24 Uhr
Lieber Herr Herold,
alles Gute retour. Ich habe mir gerade die Pfoten weiss angestrichen und bete: Lieber Gott, ich wäre so gern wie Du. Aber ich möchte nicht so werden.
Gruß Mathias Knoll
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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von:  Dr. Mathias Knoll

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Interessensgebiet: Gießen
Dr. Mathias Knoll
7.529
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