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Buchtipp: Jürgen Bertram - Mattscheibe - Das Ende der Fernsehkultur

Gießen | Viele kennen ihn noch als Korrespondent in Fernostasien. Jürgen Bertram war knapp 15 Jahre für das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den entlegensten Winkeln Asiens unterwegs und bekam nicht mit von der schleichenden Verflachung der deutschen Fernsehkultur, der immer weiter politisch diktierten Sendeanstalten ARD und ZDF, dem Abbau von Qualität zu Gunsten der Quote. Heute rechnet er mit seinem ehemaligen Arbeitgebern ab.

Es ist keineswegs ein einseitiger Verriss eines verbitterten Reporters, der sich um seine Arbeit betrogen fühlt, aber trotzdem ein Verriss des deutschen, öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Um zunächst überhaupt das Konstrukt der staatlichen Sendeanstalten betrachten und verstehen zu können, beginnt Bertram ganz weit hinten, bei der Startstunde der ARD. Die Idee eines vollkommen unabhängigen und nicht politisch geführten Fernsehens für die objektive Gewinnung von Informationen jeder Art kam von der amerikanischen Besatzung, die zunächst "nur" verhindern wollte, dass das Fernsehen und der Rundfunk erneut als Propagandamittel der jungen deutschen Republik dienen sollte. Doch bereits unter Adenauer wurde diese Doktrin unterwandert, indem die Intendanten schnell durch perteinahe Personen ersetzt wurden.

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Daraufhin verflachte allmählich das Fernsehprogramm. Man neigte zunehmend dazu, dass die Leute nach einem harten Arbeitstag nicht mehr mit qualvoll schweren Themen in den Abendstunden gelöchert werden möchte, das politisches nicht in die Prime Time gehört, sondern die Entspannung, der Spaß und die Unterhaltung auf den Schirm gehört. So erklärt es sich, dass heute Carmen Nebel zu den bestbezahlten Entertainerinnen gehört, ab 20 Uhr regelmäßig Hansi Hinterseer und Florian Silbereisen über die Mattscheibe juckeln, die Polit- und Wirtschaftssendungen beschnitten und Satire, Kabarett oder hochanspruchsvolle TV-Filme/Reportagen in das Nachtprogramm verbannt werden.
Bertram untermauert die ohnehin schon sichtbaren Auswirkungen mit Aussagen von Mitarbeitern in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, Chefredakteuren, Cuttern und Reportern, die nunmehr Bertrams Platz ersetzt haben. Wird qualitativ gutes Material aus den Kontinenten geliefert, wird es nicht gesendet oder der Korrespondent wird abgezogen, wenn nach den Sendemachern nicht das geliefert wird, was der Gucker sehen will, und dazu zählen laut den Programmgestaltern Tiersendungen, Kochshows mit X-Promis, neutrale Berichterstattung aus politisch brisanten Gebieten.
Bertram spricht in erschreckender Weise noch viele weitere Themen an wie Schleichwerbung, die maximale Kommerzialisierung des Sports, die Macht der Wirtschaft und die Verflachung des Kulturressorts.

Fazit: Ein erschreckender Einblick in eine Welt des Qualitätszerfalls, was seit Jahren insgeheim zu beobachten ist und hier komprimiert in aller Blöße zur Schau gestellt wird.

Jürgen Bertram: Mattscheibe. Das Ende der Fernsehkultur. 240 Seiten, erschienen im Fischer-Verlag. ISBN-10: 3-596-16393-5. Kaufpreis 8,95 €

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Kommentare zum Beitrag

Ingrid Wittich
12.017
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 26.06.2011 um 13:04 Uhr
Dazu noch als Info für den, der es noch nicht weiß: das Hessische Fernsehen hat gerade die wöchentliche Sendung "c't Magazin" eingestellt wegen "zu hoher Produktionskosten".
Christian Momberger
7.975
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 28.06.2011 um 00:29 Uhr
Danke für den interessanten Text. Und Deinem Kommentar Christine kann ich nur zustimmen.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Mathias Engelhart

von:  Mathias Engelhart

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Mathias Engelhart
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