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Mit Stinkefinger und Hitlergruß: Peinlicher Auftritt bei Saasener Festumzug

Schnappschuss des Filmmitschnittes
Schnappschuss des Filmmitschnittes
Gießen | Eigentlich wäre das 75jährige Jubiläum des SV Saasen ein Grund zum Feiern gewesen – und das taten auch viele DorfbewohnerInnen und ihre Gäste über die Pfingstfeiertage 2011. Teil des Programms war ein bunter Umzug mit Motivwagen und Musik. Der führte auch durch die Saasener Ludwigstraße, in der die Projektwerkstatt liegt, die mit kreativen Aktionen und einer Hausgestaltung nach Art der Villa Kunterbunt einen auffälligen Kontrast zu den oft akkurat gepflegten bis totgespritzten Vorgärten im Ort bildet. Dennoch war nach anfänglich erheblichen Reibereien zwischen Teilen des Dorfes und NutzerInnen der Projektwerkstatt mit mehrfachen Sachbeschädigungen gegen das Haus und körperlichen Angriffen gegen BesucherInnen der Projektwerkstatt in den letzten Jahren eine Art Ruhe eingekehrt, die ein friedliches Neben- und teilweise Miteinander ermöglichte. Das aber geriet in den letzten zwei Jahren wieder in Gefahr. Denn mehrfach besuchten Jugendliche aus dem Umfeld des am dörflichen Bahnhof untergebrachten Jugendzentrums (JUZ) die Projektwerkstatt, um Haus und Menschen mit Steinwürfen anzugreifen. Beschimpfungen und Nazi-Sprüche, eher als Provokation denn als politische Überzeugung erkennbar, gehörten zu den meist nächtlichen Auftritten.
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saasen projektwerkstatt hitlergruß (1)
Beim Festumzug an Pfingsten nun hatten Jugendliche aus dem JUZ einen eigenen Motivwagen erbaut. Als dieser die Projektwerkstatt passierte, skandierten die Personen auf ihm nicht nur mit der Parole „Ihr könnt nach Hause gehen“ mal wieder die alte Projektion, die unangepassten Menschen aus dem Dorf haben zu wollen. Ein Beteiligter zeigte sogar den Hitlergruß, während ein anderer den Stinkefinger empor reckte. Ein Anwesender in der Projektwerkstatt filmte das Ereignis. „Schockierend war weniger, dass mal wieder ein Teil des Dorfnachwuchses auf diesem Niveau angekommen ist, sondern dass etliche weitere BewohnerInnen die Szene direkt beobachteten – und nicht handelten“, schüttelte er den Kopf. Auf dem Film sind nicht nur Worte und Gesten klar zu erkennen, sondern auch amüsierte Menschen am Straßenrand und ein Auto der örtlichen Feuerwehr, das den Jugendlichen folgte, ohne auf das Geschehen zu reagieren.
„Wir waren froh, dass inzwischen auch NachbarInnen immer wieder die Provokateure ansprachen und bremsten. Der Festumzug ist daher ein Rückschritt in dunkle Zeiten“, hieß es von NutzerInnen der Projektwerkstatt, die den Film inzwischen ins Internet gestellt haben (www.projektwerkstatt.de/saasen). So erhoffen sie sich noch eine nachträgliche Reaktion: „Wir wollen keine Strafe und brauchen auch keine Entschuldigung. Aber wir wollen in einem Dorf leben, in dem Nazisymbolik und Rausschmiss-Sprüche gegen andere Menschen nicht einfach hingenommen werden“.
Die Projektwerkstatt wird vor allem von politischen AktivistInnen genutzt. Themen sind z.B. die Gentechnik (www.gendreck-giessen.de.vu), Atomkraft, Militär und die inzwischen recht bekannt gewordenen Recherchen zu schmutzigen Tricks bei Polizei und Justiz (www.fiese-tricks.de.vu). Hinter den bunten Wänden des Hauses befinden sich umfangreiche Bibliotheken, Gruppen- und Seminarräume, Theater-, Musik- und Aktionswerkstätten, Layout- und Computerräume. Ein Teil davon soll umgebaut werden und kann daher zur Zeit nicht genutzt werden. Dass die Angriffe auf das Haus aus dem dörflichen JUZ kamen, ist für die AktivistInnen der Projektwerkstatt doppelt bedauerlich, schließlich hatten sie sich Mitte der 90er Jahre selbst mit für die Schaffung selbstverwalteter Jugendräume in Saasen stark gemacht.
Unbehagen bereitet den Aktiven das Pfingstgeschehen auch der Vergleich mit dem bevorstehenden Naziaufmarsch in Gießen am 16. Juli. „Im Aufruf heucheln dieselben politischen Gruppen und Parteien, dass Gießen frei wäre von Rassismus und Faschismus, die hier in Saasen offene Nazisymbolik und soziale Ausgrenzung tolerieren“. Das sei doppelzüngig – und das Problem werde verniedlicht, wenn nur die NPD und nicht die alltägliche Kälte in der Gesellschaft thematisiert würde.

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von:  Jörg Bergstedt

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Jörg Bergstedt
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