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Darf Holocaust im Comic verarbeitet werden?

Gießen | Fiktion bezieht sich immer auf die Wirklichkeit. Ist es legitim, die Judenverfolgung und -vernichtung fiktional zu verarbeiten? Der Fernsehfilm „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ (1978), den teilweise 15 Millionen Deutsche sahen, gilt als Meilenstein der Erinnerungskultur. Vielleicht hat er sogar dazu beigetragen, dass der Bundestag 1979 die Verjährungsfrist für Mord aufhob. Seitdem ist die Bereitschaft gestiegen, sich mit der Vergangenheit auch im Bild jenseits von Denkmälern auseinanderzusetzen. Der Comic allerdings hatte dabei lange mit Vorurteilen zu kämpfen.

Das wissenschaftliche Interesse an Comics hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, in Gießen forscht die Sektion „Holocaust und Erinnerung“ des Gießener Graduiertenzentrums Kulturwissenschaft . Comics mit Holocaustbezug wurden am vergangenen Freitag bei einer Tagung diskutiert: Die Möglichkeiten des Mediums bei der Darstellung und Verarbeitung von Geschichte, die Besonderheiten des Comics im Vergleich zu Film oder Buch, das pädagogische Potential und die didaktischen Einsatzmöglichkeiten.

FAZ-Feuilletonredakteur Andreas Platthaus
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referierte mit unzähligen Beispielen über die Geschichtserzählung im Comic. Im Anschluss sprach Britta Madeleine Woitschig aus Kiel zu Thema „Wehrhaft, aber menschlich: Die Internationalen Comics der Zweiten und Dritten Generation“. Im Vortrag von Dietrich Grünewald, Professor für Kunstdidaktik in Koblenz, ging es um Holocaust und NS-Verbrechen in der Bildgeschichte und das Medium zwischen Unterhaltung und mahnender Erinnerung.

Verharmlost, vereinfacht und trivialisiert das Bild? Der Einsatz im Unterricht einer im Carlsen-Verlag erschienene Hitler-Biografie, die Grünewald im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung an Schulen erprobte, wurde gestoppt. Die Kritik warf den Tableaus, die in den Schulklassen auf großes Interesse stießen, Verharmlosung vor. Noch 1995 wurde ein Plakat zum Comic „Maus“ beschlagnahmt. Heute ist Art Spiegelmans „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ (Deutsch erstmals 1989) längst ein Klassiker, wurde sogar mit dem Pulitzer Preis bedacht – ein Novum für ein Graphic Novel.

Die Geschichte über das Leben von Spiegelmans Vater, der Auschwitz überlebt, ist als Fabel gestaltet und ganz in schwarz-weiß gehalten. Die Erzählstruktur mit zwei Zeitebenen nutzen auch „Auschwitz“ von Pascal Groci und „Die Suche“. Letzterer wurde 2006 vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam entwickelt und nun vom Anne-Frank-Zentrum in Berlin für den Geschichtsunterricht in deutschen Schulen aufbereitet.

„Der Hintergrund der Rezipienten ist bei jeder Darstellung zentral. Der Kontext bildlicher Darstellung wird im Kopf hergestellt“, betonte Grünewald mehrfach. Wenn etwa der Nazischerge nur noch als eine gruselige Figur von vielen in Horrorgeschichten auftaucht, werde der historische Kontext ausgeklammert. Das Gedächtnis sei visuell organisiert, daher müsse Vergangenheit auch bildlich erfahren werden. Die meisten Holocaust-Erzählungen greifen auf historisches Bildmaterial zurück, durch Comics steigt das Interesse der Jugendlichen an den Originalquellen.

Comics dürfen auch spannend und unterhaltsam sein, sollen laut Grünewald aber auch schockieren: „Es ist richtig und nötig, der jungen Zielgruppe Historie zuzumuten“. Solange eine Bildergeschichte die Anbindung an die Realität klar macht und die Leserschaft in der Position eines „Nie wieder“ bestärkt, helfen Bilder. Allerdings müssen sie aber genau wie Texte gelesen und interpretiert werden. Und was darf Satire wie Walter Moers „Adolf“? Alles, antwortet Grunewald mit Tucholsky. Denn die Intention ist das Gegenteil von Heroisierung.

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