Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

Jürgen Otto – der „Geschichtensammler“ auf den Straßen Lichs

von Bjoern Gerdesam 03.06.20112842 mal gelesen1 Kommentar
Der Geschichtensammler von Lich - Jürgen Otto
Der Geschichtensammler von Lich - Jürgen Otto
Gießen | Ein sonniger Freitagnachmittag in der schönen Stadt Lich. Während die meisten schon in der Stadt flanieren und ihren Feierabend genießen ist einer immer noch mitten in der Arbeit - Auf der Straße. Wenn es auch auf den ersten Blick gar nicht so aussieht.
Jürgen Otto. Er ist Streetworker in Lich. Gefühlt jeder zweite Passant in Lich grüßt ihn mit Vornamen. Er wirkt Vertrauenswürdig - sehr sympathisch. Genau das macht ihn zu dem erfolgreichen Pädagogen auf der Straße der er ist. Er ist ein „Geschichtensammler“. Jürgen ist einer von unzähligen Streetworkern in Deutschland und einer von rund 10000 Mitarbeitern beim „Internationalen Bund“ (IB) - Freier Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit e.V.
„Ich sammel Geschichten. Hinter jedem Jugendlichen den ich kennenlerne steht eine Lebensgeschichte die ich mir merke.“ Sich sozusagen den Lebenslauf eines jeden Menschen mit dem man zu tun hat Behalten zu können ist eine der Voraussetzungen um diesen Job zu machen und überhaupt ein Vertrauensverhältnis zu den jungen Leuten aufbauen zu können.
Der in Lich aufgewachsene Diplom - Pädagoge war mehr als zehn Jahre in
Mehr über...
der Jugendpflege Wettenberg tätig bevor er über die Arbeit mit psychisch Kranken als Berufsbetreuer zur Erziehungshilfe kam. Die sogenannte „Aufsuchende Jugendarbeit“ in Lich macht er nun seit dem Spätsommer 2008. Das Projekt wird aufgrund eines Beschlusses des Bundestages vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und einer Co-Finanzierung der Stadt Lich gefördert.
Grund dafür waren immer größere Probleme mit Gruppen junger Menschen in Lich die durch Vandalismus und Gewalt für Aufsehen sorgten. Auch viele Gruppen junger Männer mit Migrationshintergrund machten der Stadt sorgen. Wände wurden beschmiert, Parkplätze und besonders das Parkhaus am Stadtturm verschmutzt.
Durch die vielen Spätaussiedler in den Jahren 1995-2002 kamen viele Menschen in das Übergangswohnheim in Lich und siedelten sich später in der Umgebung an. Viele Jugendliche aus diesen Familien hatten Langeweile, zu viel Energie aber zu wenige Ventile. Eine schlechte Mischung.
Das Konzept war eine Aufsuchende Jugendarbeit in Lich aufzubauen. Gesagt – getan.
Am Anfang musste erst einmal ein Kontakt hergestellt werden. Eine Basis durch Kennenlernen. Und hier war der Knackpunkt der Arbeit versteckt und der Grund warum nicht jeder diese sensible
Eine von vielen Aktionen: Klettern am Stadtturm in Lich - Janina Schwab traute sich
Eine von vielen Aktionen: Klettern am Stadtturm in Lich - Janina Schwab traute sich
Arbeit mit den jungen Menschen machen kann. „Es ist eine Beziehungsarbeit. Ich versuche eine Vertrauensbasis durch gemeinsames Erleben aufzubauen“ so Jürgen Otto. Nach den ersten Kontakten damals ergab sich schon bald eine Beziehung zu drei russischen Jugendlichen die gerne „Sambo“ (russ. A0) machen wollten aber keinen Ort zu Verfügung hatten.
[Bei Sambo handelt es sich um eine russisch-sowjetische Kampfsportart. Der Kampfstil wurde ab 1923 von der sowjetischen Armee entwickelt, um deren Nahkampfausbildung zu verbessern. Sambo hat seine Wurzeln im japanischen Judo/Jiu-Jitsu sowie in den traditionellen Kampf- und Ringerkünsten Europas und des Gebietes der ehemaligen Sowjetunion.]
Schnell war der Kontakt zum TV Lich hergestellt, eine Halle stand zur Verfügung und bis heute wird diese Kampfsportart für Kinder und Jugendliche in Rahmen der Aktion „Integration durch Sport“ in Lich angeboten. Seit neustem sind erlebnispädagogischen Aktionen immer häufiger im Licher Straßenbild zu finden. Ob gemeinsame Ferienaktionen, Grafitti, gemeinsame Kinobesuche, Go-Kart fahren oder Klettern. Die Streetworker lassen sich immer etwas Neues einfallen und legen sehr großen Wert auf die Nachhaltigkeit der Arbeit. Sie arbeiten mit Vereinen, Schulen, Gewalt- und Suchtpräventionen zusammen und stellen Kontakte her.
Joshua Bremer - der Erlebnispädagoge bei den Vorbereitungen
Joshua Bremer - der Erlebnispädagoge bei den Vorbereitungen
Durch die aufsuchende Methode versuchen die Streetworker nicht nur örtlich zu den Jugendlichen zu kommen sondern auch vom Kopf her. Dort hinkommen worum sich die Gedanken junger Menschen heute drehen. Und diese Methode trägt reichhaltige Früchte. Obwohl es mehr männliche Jugendliche auf die Straße zieht hat sich inzwischen eine Mädchengruppe gebildet die von Streetworkerinnen betreut wird. Nach einiger Zeit kamen die Jungen und Mädchen in Lich auch nicht mehr nur zu angekündigten Aktionen des Streetworkers sondern mehr und mehr auch mit ganz persönlichen Anliegen. So ist der Geschichtensammler in Lich nicht nur als ein besserer Animateur zu sehen sondern Vertrauensperson, Ratgeber und Freund in einem. Bei so manchem Bewerbungsschreiben hat er geholfen oder sich auch mal ganz persönliche Probleme angehört. Doch das alles erfordert Geduld, Zeit und ein offenes Ohr für alles und jeden.
Seit Mai 2011 ist nun ein weiterer Geschichtensammler an Jürgens Seite. Joshua Bremer, der auch beim Internationalen Bund angestellt ist, tritt in große Fußstapfen. Der 29-jährige Pädagoge will mit neuen Ideen im Erlebnispädagogischen Bereich bei den Jugendlichen punkten. Er ist der Spezialist auf diesem Gebiet und hat immer neue Ideen. Geplant sind bereits viele Aktionen in diesem Sommer. Unter anderem Kistenklettern oder der neue Trendsport „Jugger“ (ähnl. wie Football).
Jürgen Otto hat derzeit mit 120 – 140 jungen Menschen regelmäßigen Kontakt, kennt aber weit mehr als dreimal so viele aus Lich und Umgebung. Er pflegt das Verhältnis zu ihnen tagtäglich, sucht sie dort auf wo sie „abhängen“, versucht zu ihnen durchzudringen und sie für sinnvollere Beschäftigungen zu begeistern. Vor allem seine Arbeit und Aufopferung sollte uns Begeistern und den einen oder anderen darauf aufmerksam machen wie sehr solche Menschen gebraucht werden. Er wird sich noch viele Geschichten anhören und es ist gut zu wissen, dass er auch wirklich zuhört und sie sich sogar merkt.

Der Geschichtensammler von Lich - Jürgen Otto
Der Geschichtensammler... 
Eine von vielen Aktionen: Klettern am Stadtturm in Lich - Janina Schwab traute sich
Eine von vielen... 
Joshua Bremer - der Erlebnispädagoge bei den Vorbereitungen
Joshua Bremer - der... 

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Das Licher Team mit den Betreuern Christian Bonsiep und Jonas Glaser
Licher Karate-Nachwuchs erfolgreich auf der Hessenmeisterschaft
Aufregend war der erste Start auf einer Meisterschaft für die Kinder...
Kampfschreie und Hot-Dogs in der Bahnhofstraße
Wenn schon früh am Morgen laute Kampfschreie aus der großen Halle des...
Sommer, Sonne, Spaß bei der Sommerferienbetreuung des Freundes- und Förderkreises der Grundschule Langsdorf e.V.
In den letzten beiden Wochen der Sommerferien fand wie gewöhnlich die...
Karate Anfängerkurs für Kinder 7-14 Jahre
Nachts im Karate Dojo - junge Karateka erkunden Baumwipfel
Was passiert eigentlich nachts im Karate Dojo? Dieser Frage konnten...
Erlebnistage der Senioren-Gymnastikgruppe „Sooo Vital“ des TSV 1848 Hungen an der Schlei
Die Senioren-Gymnastikgruppe „Sooo Vital“ verbrachte eine wunderbare...
Starke ABC-Schützen
Auch in diesem Jahr waren die angehenden Erstklässler der...

Kommentare zum Beitrag

Christian Momberger
11.116
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 04.06.2011 um 13:12 Uhr
Interessantes Portrait. Ich wünscht weiterhin viel Erfolg bei der wichtigen Arbeit!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Bjoern Gerdes

von:  Bjoern Gerdes

offline
Interessensgebiet: Gießen
Bjoern Gerdes
1.411
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
Koko Archibong - hier gegen Würzburg - in Aktion
Bjoerns Fanblog - Es rauscht im mittelhessischen Basketball-Wäldchen
Die Fans und Zuschauer in der Osthalle waren nicht unzufrieden,...
Gießen trauert mit Göttingen
Bjoerns Fanblog - Ein wichtiger Sieg und ein fader Beigeschmack
(bjg) - Noch in der Osthalle hatte ich mir diese Überschrift überlegt...

Weitere Beiträge aus der Region

Dirk Oßwald, Ilona Roth sowie Reinhard Schade halten den Spendenscheck der Sparkasse Gießen in den Händen. Zu sehen sind auch zwei Hauptpreise der diesjährigen Oldtimerspendenaktion: Ein grüner Opel GT (Bj. 1973) sowie ein MGA.
Sparkasse Gießen spendet 1100 Euro für die Oldtimerspendenaktion der Lebenshilfe Gießen
Die Oldtimerspendenaktion 2018 der Lebenshilfe Gießen freut sich über...
Auf Maui finden sich die  schönsten Strände der Welt
Hawaii – Aloha in der Südsee
Wenn die Ukulele erklingt und freundliche Südsee-Insulanerinnen Leis...
Schüler der GGL lassen sich von Markus Immel vom Landesmedienzentrum in die Kameratechnik einweisen
Gleiberger Land Schüler machen YouTube Projekt im Medienprojektzentrum Gießen
Im Rahmen ihres WP II Kurses Video machten kürzlich 16 Schüler der...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.