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VERDUN- kleiner Exkurs ( 11 )

Gießen | Das deutsche Militär wußte, dass sein Rüstungsvorsprung nur wenige Jahre zu halten war. Im Übrigen schien ein Krieg gegen Nachbarn, die konsequent eine „Einkreisungspolitik“ verfolgten, wie man glaubte, ein probates Mittel der Außenpolitik zu sein. Denn vielleicht war auf diesem Weg auch noch die zerfallende "Habsburger- Monarchie", Österreich-Ungarn, der einzig verlässliche Verbündete des deutschen Reiches, zu retten. Aber gleichzeitig war sich der Generalstab einig, dass vorallem Frankreich als Grossmacht entscheidend geschwächt werden musste. Und die Russen konnte man sich ohnehin vom Hals schaffen, wenn man ihre Vasallenvölker entsprechend aufwiegelte.
So oder ähnlich dachte vermutlich das deutsche Militär. Dass aber die Engländer „neutral“ bleiben würden, war der große Trugschluss der politischen Klasse.
Während sich also in den Konflikregionen die allgemeine Stimmung explosiv hochschaukelte, mussten nicht nur die Menschen im „deutschen Reich“ glauben, dass der „Kampf um das Dasein“ unmittelbar bevorstand. Und hier gab es natürlich nur eine Alternative: Tod oder Leben.
Völker aber, die sich einreden lassen existentiell bedroht zu werden, entwickeln oft ein unerträgliches Harmoniebedürfnis, um sich gegen den vermeintlichen Druck von Außen, dem Feind, der ihre Grenzen bedroht, zu erwehren.
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Harmonie (6)1. Weltkrieg (9)"Kampf um das Dasein" Habsburger-Monarchie (1)
Menschen aber, denen dieses übersteigerte Harmoniebedürfnis nicht geheuer erscheint, setzen sich der Gefahr aus als Vaterlandsverräter beschimpft oder bestraft zu werden.
Und so schrieb der Großvater von der „Front“:
„…bei meinem letzten Heimaturlaub wurde mir auf erschreckender Weise klar: uns hier vorne an der „Front“ trennen Welten mit den Maulhelden zu Hause. Selbst wenn die hungern, wischen sie jeden Zweifel vom Tisch. Und beschreibt man ihnen realistisch den „Front“-Alltag, lächeln sie nur mitleidig, als ob sie mit einem dummen Jungen sprächen, der aber auch gar nichts von der „großen Politik“ verstand.
“Junge, “ sagen sie dann und hauen dir aufmunternd auf die Schulter, „ bei Deinen Granaten klirrten selbst noch in Saarbrücken die Fensterscheiben…“ und schon wechseln sie das Thema.
Oder:
“Jetzt wissen wir endlich, dass wir das Kupferdach vom Rathaus nicht umsonst geopfert haben, “ lachte der alte Femmer aus der Nachbarschaft.
Sein Sohn übrigens ist erst vor wenigen Monaten gefallen.
Fällt eigentlich keinem an der „Heimat-Front“ auf, dass bei fast allen Autos die Gummireifen fehlen? Also mir scheinen die Wagen recht vorwurfsvoll über das Pflaster zu rattern.
Selbst Klara ist so gläubig, was den Krieg betrifft. Das einzige aber, was ihr wirklich nicht passt: Auch die Glocken von „St. Katharina“ wurden eingeschmolzen. Ja, da fällt bis auf weiteres das Glockenspiel aus, das sonntags unser Frühstück so feierlich machte.
Wie soll man nur einem Zivilisten den Tod beschreiben, den gefräßige Ratten benagen? Wie soll man diesen Menschen erklären, dass wir an der „Front“ nicht mehr für die Menschen zu Hause sterben, sondern statt ihnen. Wie kann man ihnen verständlich machen, dass wir mit dem Feind auf der anderen Seite genauso viel Mitleid haben wie mit uns selbst?
Diese Zivilisten denken immer nur an Ruhm und Lametta. Aber inzwischen komme ich mir vor wie ein Rindvieh, das man zur Schlachtbank treibt.
Beim letzten Heimaturlaub übrigens hörte ich für meinen Geschmack zu oft die Worte „Feigling“, „Defätist“ und „Saboteur“. Du musst zugeben, das sind harte Geschütze. Und doch lassen diese Worte erahnen, welche Risse sich durch unser Volk ziehen…“

Kommentare zum Beitrag

Christian Momberger
10.949
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 04.06.2011 um 18:13 Uhr
Sehr interessant und wie immer gut geschrieben. Leider ist das was völlig wahres dran.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Dr. Mathias Knoll

von:  Dr. Mathias Knoll

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Interessensgebiet: Gießen
Dr. Mathias Knoll
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