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Der Keltenfürst vom Glauberg in monumentaler Rostlaube mit Panoramafenster - die misslungene Außenarchitektur eines Museumsneubaus

Glauberg, Museum
Glauberg, Museum
Gießen | Es war an einem klaren Frühlingstag im April. Die Sonne kämpfte seit den frühen Morgenstunden mit ihren wärmenden Strahlen gegen die im Unterton noch kühle Luft des vergangenen Winters an. Wir waren unterwegs mit unserem Enkel, einem zwölfjährigen Knaben, der einen Hauch von Flaum als Vorboten seiner Mannwerdung stolz auf der Oberlippe trug. Wir wollten ihm etwas Gutes angedeihen lassen, doch jeder weiß wie schwer es ist für dieses Alter etwas Passendes zu finden. Nachdem wir in der Umgebung schon die Ronneburg angesehen und in Büdingen nach dem Mittagessen einen Rundgang durch die einzigartig gut erhaltene Altstadt gemacht hatten, wollten wir ihm jetzt in den späten Nachnittagsstunden noch einen besonderen historischen Leckerbissen kredenzen - den Glauberg.

Der Vorschlag machte ihn zunächst nicht an und er ließ sich nur gelangweilt unsere Begeisterung für diese Idee gefallen. Wir steuerten also von Büdingen aus den Glauberg an. Nach der baldigen Ankunft waren wir von einer überwältigenden landschaftlichen Szenerie umgeben. Der Horizont dieser ausgedehnten Hügellandschaft waberte im Schönwetterdunst. Das überall
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von Kurzynski (1)Rost (9)Ronneburg (8)Prozessionsstraße (1)Neonazis (13)Museum (99)Keltenwelt (2)Keltenfürst (3)Holzpfosten (1)Grabhügel (1)Glauberg (13)Büdingen (14)Bouffier (16)
vorherrschende Grün wurde akzentuiert durch das grelle Gelb der Rapsfelder, im Vordergrund vorbereitet durch den ebenfalls gelben Sternenhimmel einer Löwenzahnwiese. Hier an der höchsten Erhebung der umgebenden Landschaft (bis zu 271 m ü. NN) erstreckt sich ein fast ebenes Plateau, das fast 900 m lang und bis zu 200 m breit ist. Der landschaftsbeherrschende Basaltrücken, ein Ausläufer des Vogelsberges und an der Ostgrenze der Wetterau gelegen, erhebt sich zwischen der Mündung des Seemenbachs in die Nidder. Schon in der Jungsteinzeit (Mitte des 5. Jt.s v. Chr.) lud er Menschen zum siedeln ein. Ein rekonstruierter monumentaler Grabhügel aus der Keltenzeit wird durch eine von weit unten herangeführten Prozessionsstraße vorbereitet und auf der anderen Seite hangaufwärts von 16 hoch in den Himmel aufragenden Holzstangen vervollständigt. Letztere sind Rekonstruktionen, welche die Archäologen neuerdings nicht mehr als prähistorisches Kalendarium deuten, sondern als Überreste von Bauwerken wie Tempeln oder Brücken.

Zwischen diesen imposanten Relikten aus keltischer Zeit versuchten wir unseren Enkel von einem einzigartigen historischen Flair inspirieren zu lassen. Und siehe da, zunächst ganz zögerlich, dann immer schneller und intensiver
Ronneburg, Ansicht
Ronneburg, Ansicht
spürte er sich in den Rausch einer fernen Vergangenheit hinein. Am Schluss war seine Neugierde so geweckt, dass er keine Informationstafel mehr auslassen wollte. Joseph - so sei unser Enkel hier genannt - las zusehends Texte und Schaubilder über die Besiedelung des Glaubergs im Verlauf der Zeiten. Plötzlich begann er sie nachzuempfinden und selbst aufzuspüren. Die frühen Siedlungsphasen seit der Jungsteinzeit und die Urnenfelderkultur der späten Bronzezeit mussten gänzlich seiner Fantasie überlassen bleiben. Optisch und haptisch erfahrbar wurde für ihn erst die keltische Frühzeit (6. bis 5. Jh. vor Chr.) in Form eines heute meist ausgetrockneten Tümpels sowie in Gestalt von Fundamentresten mittelalterlicher Häuser und einer staufischen Burg. Mit Zerstörung der letzteren im Jahr 1256 endet vorläufig die Siedlungsgeschuchte auf dem Plateau des Glaubergs. Ihre Überreste mit einem erhaltenen romanischen Bogen im Erdgeschoss kann man auf einem Erdwall umrunden. Eine Aussichtsplattform im mittleren Bereich auf der linken Seite bietet sich ein herrlicher Blick auf die umgebende Landschaft. Joseph hat diese Möflichkeiten der Freizeitgestaltung auf historischem Boden gerne wahrgenommen.

Wenig oberhalb des rekonstruierten Grabhügels
Büdingen, Schlosspark
Büdingen, Schlosspark
eines keltischen Fürsten und der ebenfalls nachempfundenen Holzpfosten wurde seit 2008 das Museum "Keltenwelt" erbaut und am letzten Donnerstag, dem 5. Mai 2011 feierlich eingeweiht. Dieses wirkt von Außen wie eine kolossale und monotone Rostlaube mit großem Panoramafenster und einer Ausstellungsfläche im Inneren von 1300 Quadratmetern. Der gigantische Kubus mag im Innern seiner Bestimmung als Museum und Forschungsstätte gerecht werden, mit seinem megalomanen Äußeren ist er jedoch eine Katastrophe für das sensible Landschaftsbild von ehedem mystischer und meditativer Qualität.

Genauso gigantisch wie die Architektur sind die finanziellen Mittel, die bei seinem Bau und seiner Unterhaltung erübrigt werden mussten und müssen. Die Architektur verschlang 9 Millionen Euro, weitere Investitionen 17 Millionen Euro und die Unterhaltung einen weiteren sechsstelligen Betrag. Besonders kostspielig waren die Sicherheitsvorkehrungen dieses entlegenen Museums. Der megalomane Bau erfüllt seine Aufgabe vom Äußeren her kaum und es klingt wie Hohn, wenn die "Keltenwelt"-Leiterin Katharina von Kurzynski die Nähe des Musentempels zur originalen historischen Stätte damit begründet, "dass man diesen Ort und die Funde nur versteht, wenn man weiß,
Glauberg, Blick auf die Landschaft
Glauberg, Blick auf die Landschaft
wie es hier aussieht" (nach WNZ vom 6.5.2011). Man ist verleitet zu verbessern: "...wie es früher einmal ausgesehen hat". Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sprach in seiner Eröffnungsrede von einem "Meilenstein für die Museumslandschaft" (nach WNZ) in Hessen und als Stärkung der ganzen Region in Form dieser "Strukturförderung". Hätte man das viele Geld nicht besser für Schulen, Kindergärten und andere soziale Einrichtungen verwenden können und dafür das Kelten-Museum einige Nummern kleiner, dafür aber liebenswerter und umweltfreundlicher gestalten können? Der Verdacht liegt nahe, dass der "Hessenfürst" sich ein Denkmal setzen wollte und das wird vermutlich nicht das letzte bleiben.

Im Inneren mag der Neubau mehr zu begeistern, nicht nur durch den Panoramablick auf die umliegende Landschaft, die Holzpfosten, den Grabhügel des Keltenfürsten und die Prozessionsstraße, sondern auch als Ausstellungsstätte des berühmten "Keltenfürsten" (der wohl eher ein Krieger ist) sowie aller anderen Originalfunde (Halsreif aus Gold, keltische Schnabelkanne u.a.) Pane et Circenses ("Brot und Spiele") stehen am Wochenende (7. und 8. Mai 2011) für Familien auf dem Programm mit allerlei Mitmach- und Erfahrungsaktionen in und um das neue Museum. Bleibt zu hoffen, dass dieses Mal anders als bei der Eröffnungsfeier keine Mitglieder bzw. Sympathisanten der rechtsextremen NPD beteiligt werden.

Glauberg, Museum
Glauberg, Museum 
Ronneburg, Ansicht
Ronneburg, Ansicht 
Büdingen, Schlosspark
Büdingen, Schlosspark 
Glauberg, Blick auf die Landschaft
Glauberg, Blick auf die... 
Glauberg, Holzpfosten
Glauberg, Holzpfosten 
Glaubergmuseum, Seitenfassade 1
Glaubergmuseum,... 
Glaubergmuseum, Seitenfassade 2
Glaubergmuseum,... 
Glaubergmuseum, Seitenfassade 3
Glaubergmuseum,... 

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Kommentare zum Beitrag

Bernd Zeun
11.355
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 07.05.2011 um 07:36 Uhr
Was das Museum betrifft: Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Dem Beitrag fehlen leider die überzeugenden Bilder, so musste ich erst googeln, und ich finde danach den Museumsbau gar nicht schlecht und die Idee, ihn als Fenster in die Vergangenheit zu gestalten originell; und so wie es auf der Web-Seite aussieht, ist er auch recht unauffällig in die Landschaft eingepasst. http://www.keltenwelt-glauberg.de/ Für einen eigenen Eindruck muss ich da mal hinfahren.
Helmut Dr. Scharf
512
Helmut Dr. Scharf aus Gießen schrieb am 07.05.2011 um 09:39 Uhr
Sie werden eine Überraschung erleben, wenn Sie vor dem Bau stehen und Sie werden vermutlich Ihre Meinung revidieren müssen. Oder finden Sie eine hundert Meter lange ungegliederte Rostwand originell. Origineller ist sicher die Idee mit dem Fenster in die Vergangenheit, aber auch dieses hätte man etwas fantasievoller gestalten können. Na ja, wir reden nach Ihrem Besuch weiter über dieses Thema.
Dr. Manfred Klein
1.398
Dr. Manfred Klein aus Gießen schrieb am 07.05.2011 um 15:21 Uhr
Sagen wir es kurz und gut: das Ganze hat innere Werte...
Helmut Dr. Scharf
512
Helmut Dr. Scharf aus Gießen schrieb am 08.05.2011 um 07:55 Uhr
Das ist schön und einvernehmlich formuliert, bloß fehlt dem Satz leider das Wesenrliche.
Helmut Dr. Scharf
512
Helmut Dr. Scharf aus Gießen schrieb am 08.05.2011 um 07:55 Uhr
Das ist schön und einvernehmlich formuliert, bloß fehlt dem Satz leider das Wesenrliche.
Dr. Manfred Klein
1.398
Dr. Manfred Klein aus Gießen schrieb am 09.05.2011 um 09:55 Uhr
Stimmt, ich kann schlecht urteilen, weil ich noch nicht da gewesen bin.
Ingrid Wittich
20.793
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 09.05.2011 um 13:42 Uhr
Hier http://www.giessener-zeitung.de/muecke/beitrag/50424/glauberg-museum/ noch ein paar Bilder vom Glauberg-Museum ein paar Monate vor der Eröffnung.
Bernd Zeun
11.355
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 16.05.2011 um 03:15 Uhr
Jetzt war ich da, Herr Dr. Scharf und muss sagen, ich finde das Gebäude faszinierend. Wohl gemerkt, ich spreche vom Gebäude. Ob es die Ausgaben dafür rechtfertigt ist eine andere Sache, für die räumliche Größe schien mir nämlich der quantitative Inhalt zumindest im Moment etwas wenig. Aber im Ort befindet sich ja noch ein Museum, das ich noch nicht kenne, vielleicht lässt sich ja das dort oben integrieren. http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/50707/besuch-im-haus-des-qkeltenfuerstenq-eine-radtour-zum-glauberg/
Ich habe ja auch noch eine Führung gut bei Ihnen, ich bin schon gespannt auf das Kontrastprogramm, das Sie mir sicher bieten werden. Vor Mitte Juni werde ich aber jetzt erst mal keine Zeit haben.
Helmut Dr. Scharf
512
Helmut Dr. Scharf aus Gießen schrieb am 16.05.2011 um 22:55 Uhr
Die Ausstellung "Bäume zum Leben erwecken" wird demnächst abgebaut, weil die Wände für die Freundschafts-Ausstellung benötigt werden. Danach kann ich Ihnen nur noch die ungerahmten Fotos zeigen und die mittlerweile ziemlich abgewaschenen Originale im Outdoor Zentrum Lahntal. Dort können wir dann auch ein Bierchen oder einen Kaffee trinken im Freien unter alten Bäumen und unseren verbalen "Schlagaustausch" fortsetzen. Vielleicht wird die Baumausstellung auch anschließend in einem neuen Ausstellungsbau aus Holz (klein aber fein) des Outdoor Zentrums gezeigt - das steht noch nicht fest! Ich freue mich jedenfalls auf Ihren Besuch... Ein Kontrastprogramm zum Glauberg-Museum wird es auf jeden Fall sein, darauf können Sie sich verlassen - schon allein deswegen, weil wir keine Steuergelder verschleudern!
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Helmut Dr. Scharf
512
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