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“Man empfindet nichts, und das ist schrecklich...” Bericht von einem Hilfstransport in das japanische Katastrophengebiet

Barbara und Günther Wolke, Japan
Barbara und Günther Wolke, Japan
Gießen | Der folgende Text wurde uns von Barbara und Günther Wolke für die Veröffentlichung in der GZ zur Verfügung gestellt. Ein Missionarskollege von Ehepaar Wolke, der ebenfalls in Japan tätig ist, berichtet hier von einem Hilfstransport in von Erdbeben und Tsunami verwüstete Orte in Japan.

“Letzte Woche sind wir vom 21.-25.3. mit einigen aus der Nachbargemeinde und aus unserer Gemeinde in die Katastrophengebiete gefahren. Die Hauptaufgabe bei dieser Tour war die Lieferung von Hilfsgütern wie Windeln, Unterwäsche, Essen, Wasser und ähnliches. In Zusammenarbeit mit JIFH (Japan International Food for the Hungry), CRASH (Christian Relief, Assistance, Support and Hope) und anderen Gemeinden aus ganz Japan werden diese Hilfsgüter in einem Lager zentral gesammelt. Von dort aus werden sie von verschiedenen Gruppen über die Gemeinden in die von der Tsunami zerstörten Gebieten verteilt.
Erstaunlicherweise hat zumindest in der Umgebung von Sendai, wo das gemeinsame Basiscamp der genannten Organisation aufgeschlagen wurde, das Erdbeben selber kaum Schaden angerichtet. Nur bei einigen Häusern sind Dachziegel heruntergefallen oder Scheiben gesprungen. Risse in der Straße sind auch nicht sehr häufig zu sehen gewesen.
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Alles sah normal aus, nur mit der Ausnahme, dass noch kein Gas da war, die meisten Läden geschlossen hatten und recht viele Leute zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs waren, da es an Benzin mangelte. An den Tankstellen gab es kilometerlange Autoschlangen. Wenn es schnell ging, hatte man sein Benzin in drei Stunden, wenn nicht, dann vielleicht am nächsten oder übernächsten Tag. Kein Wunder, dass die meisten Autos in der Schlange leer sind. Die Fahrer lassen ihr Auto in der Schlange stehen und kommen ab und zu wieder, um das Auto weiter nach vorne zu schieben.
Ganz anders sieht es an der Küste aus, die man schon nach 15 km Autofahrt erreicht. Bis zu einem Punkt sieht alles noch normal aus, vielleicht fehlt der Strom, aber dann, plötzlich, zerstörte Häuser überall. Es ist ein schrecklicher Anblick, doch wenn man den Zustand vor der Tsunami nicht kennt, sieht es teilweise so aus, als wäre es schon immer so gewesen.
Man kann sich gar nicht vorstellen, dass hier bis vor einer Woche noch Menschen gelebt haben. Manche beschreiben es als Hölle, andere als Kriegsschauplatz. Dabei scheint die Natur so unbeeindruckt zu sein oder fast schon friedlich: Das Wetter ist klar, die Sonne scheint wunderschön, Vögel zwitschern fröhlich und keine traurige Hintergrundmusik. Es ist so natürlich, und das ist so grausam. An einer Stelle waren einige Tage zuvor etwa 300 Leichen angeschwemmt worden. Als wir dort standen, konnte man sich das irgendwie gar nicht vorstellen. Man empfindet nichts, und das ist schrecklich.
Bei der Verteilung der Hilfsgüter arbeiteten wir vor allem durch Gemeinden. Diese geben die Güter an die Bedürftigen weiter. Es herrscht jedoch großer Informationsmangel. So existiereten einige Gemeinden, die wir besuchen wollten, gar nicht mehr. Lediglich ihr Fundament stand noch, der Rest nicht mehr auffindbar. Eine andere Gemeinde war direkt gegenüber von einer Massennotunterkunft, ideal zum Austeilen der Güter.
Die Wiederherstellung der Infrastruktur ist auf gutem Weg, und sobald die Benzinlieferung in den nächsten Tagen oder Wochen sichergestellt ist, sollten auch die Läden ihre Lieferungen bekommen. Hilfsgüter werden dann sicher nicht mehr so dringend gebraucht wie jetzt. Unsere Aufgabe daraufhin wird wohl u.a. sein, beim Aufräumen und Entschlammen zu helfen, als auch ein offenes Ohr zu haben für all das Leid, das die Leute auf dem Herzen haben.

Um noch ein Wort zu den Reaktoren zu sagen: Wenn man in die Katastrophengebiete einmal gefahren ist, dann bekommt man eine ganz andere Sicht zum Reaktorproblem. Hier sind ca. 140.000 Häuser zerstört, fast 30.000 Menschen gestorben oder vermisst, etwa 200.000 evakuiert (Stand 29. 3. 2011). Zwar ist es wichtig, dass das Reaktorproblem bald gelöst wird, jedoch ist das eigentliche Leid im Katastrophengebiet direkt durch die Tsunami entstanden. Dagegen verblasst irgendwie das Riesenproblem des Reaktors.

Wichtig ist, dass Hilfe langfristig und an die jeweilige Lage angepasst bereit steht und nicht als eine emotionale Reaktion schon nach ein paar Wochen endet. Der Wiederaufbau wird Monate und Jahre dauern. Im Glauben bin ich zuversichtlich, dass Gott gerade in dieser Krisensituation etwas Großartiges in Japan machen will. Bitte unterstützt Japan in dieser Hinsicht auf Dauer, sowohl im Gebet als auch mit Finanzen.”

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