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FRAU LAMETTA

Gießen | Frau Jutja Lametta war die Tochter einer übergewichtigen Matrone, die letztes Jahr verstarb. Und Jutjas Vater hatte schon vor Jahren, als Frau Lametta noch ein Kind war, die Familie verlassen. Seit dem vermisste sie ihren Vater von Jahr zu Jahr mehr, vor allem aber von dem Zeitpunkt an, als er nicht mehr lebte.
Vermutlich hatte Frau Lametta deswegen an allen Männern etwas auszusetzen. So war der eine Mann zu gross, zu klein, zu dick, zu arm. Oder war es anders herum?
Aber gerade deswegen suchte Frau Lametta schon seit Jahren vermutlich den Prinzen, der sie, Jutja, zu seinem Schneewittchen machte.
„Bis dahin…, “ lächelte Frau Lametta selbstbewußt, „ …beherzige ich den Ratschlag einer alten Freundin: Wenn du für einen Kunden dein Herz entdeckst, wird es Zeit, aufzuhören.“
Nur bis dato hatte Jutja trotz ihrer kirschroten Lippen noch nicht den Erfolg bei dem Mann, von dem sie träumte. Aber, wenn Sie mich fragen, hatte sie nicht nur deswegen einen dicken Hals und hervorstechende Augen, denen kein Mann kommentarlos entkam.
Dabei glänzte ihre gespannte Gesichtshaut so, dass man befürchten mußte, dass die Nähte in ihrem Gesicht platzten. Wahrscheinlich erinnerte sie mich deshalb an einen gealterten Barockengel, der im Himmelsorchester immer das Blasinstrument spielt, während ihr üppiger Modeschmuck bei jeder Bewegung wie ein Triangel bimmelte.
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Wenn Frau Lametta also vor mir in der Sprechstunde saß, strahlte sie mich jedesmal unter ihrer rabenschwarzen Langhaarperrücke an wie ein Wetterfrosch, der seinen Brustkorb wie einen Blasebalg bewegte. Nur Jutja trug ihr Straß geschmücktes Dekolte` vor sich her wie einen glitzernden Bauchladen, aus dem zwei rosige Fleischklöße hervorquollen. Aber trotzdem schien sie nicht unter ihrem Gewicht zu leiden. Und den Pflaum auf ihrer Oberlippe machte sie nie zu ihrem Problem.
Als Frau Lametta aber das letzte Mal in meine Sprechstunde kam, beugte sie sich über meinen Schreibtisch und sah mich freundschaftlich an. Hinter ihrem Make-up aber verbarg sie eine nervöse Blässe:
„Wissen Sie warum ich heute gekommen bin? Ich möchte mich von ihnen verabschieden.“
„Ziehen Sie um?“ antwortete ich und blätterte in ihrer Krankenakte.
„Ach, Sie kennen ja meinen Beruf..., “ lächelte Frau Lametta, als wollte sie sagen: durch mich kam die Erlösung in die Welt. „...aber jetzt ist es Zeit damit aufzuhören?“
„Verliebt?“ lächelte ich beiläufig.
„Ja, ich habe mich verliebt…,“ flüsterte Frau Lametta, als könnte sie das selber nicht glauben.
„Ach, da freue ich mich aber wirklich…,“ sagte ich und meinte es auch so. „…und…?!“
„Wollen Sie ihn mal sehen?“ lächelte Frau Lametta verhalten. „Hier, das ist mein John…,“ und schon schob sie mit der flachen Hand das Foto ihres Freundes über den Schreibtisch. Da sah ich zum ersten Mal Jutjas Nägel ohne diese pinkkfarbenen Kunstnägel.
„Und…?!“ sah mich Frau Lametta erwartungsvoll an, als ich das Foto ihres Freundes in der Hand hielt.
„Der ist aber sympathisch…,“ sagte ich spontan, während mich Frau Lametta überrascht ansah, als ich hinter meinem Schreibtisch plötzlich aufstand: „Bei dieser Überraschung möchte ich ihnen und ihrem Freund aber etwas schenken, “ sagte ich. „Sie entschuldigen mich bitte einen Augenblick…?!“
„Kein Problem, “ lächelte Frau Lametta, als ich das Sprechzimmer verliess, um das Blumengesteck, das ich vor Tagen geschenkt bekommen hatte, zu holen.
Als ich aber mit meinen Blumen ins Sprechzimmer zurückkam, war Frau Lametta verschwunden. Nur das Foto lag noch auf meinem Schreibtisch. Ihr John war wirklich ein sympatischer Mensch. Aber irgendwie war ich doch irritiert. Denn neben ihm auf dem Foto sass plötzlich Jutja und blinzelte mir amüsiert zu.

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von:  Dr. Mathias Knoll

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