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NACHTGEDANKEN: Der Großvater – Bildbetrachtung ( I )

Gießen | „ ... und wenn ich aus dieser Hölle hier herauskomme, dann schwöre ich Dir ewige Treue ...“ schrieb sein Großvater, der nicht nur aus Österreich-Ungarn stammte, sondern auch noch des Öfteren sein „arisches Blut“ befleckt hatte, wie seine Großmutter resignierend ihrem Tagebuch anvertraute, „…aber trotzdem glaube ich ihn zu lieben“.
Ob sich der Großvater jemals von seinen traumatischen Kriegserlebnissen erholt hatte, konnte er heute nicht mehr beurteilen.
Aber immerhin existierte noch ein Foto seines Großvaters im hochgeschlossenen Waffenrock. Trotz Stockflecken, die diese Abbildung übersäten, stemmte sein Großvater selbstbewusst seine rechte Hand in die Hüfte, während er sein bartloses Kinn stolz dem Betrachter entgegenstreckte. Dabei trug er natürlich einen martialischen Kaiser Wilhelm Schnurrbart, den er vermutlich für diese Porträtaufnahme besonders hoch gezwirbelt hatte, während er sich draufgängerisch in die Brust warf.
Seinen Haarschnitt trug er militärisch knapp, während seine Stirnknochen wie bei einem gehuften Luzifer hervortraten. Oder drohte sein Kopf nur aus Vaterlandsliebe zu platzen? Seine Augen allerdings schienen noch unschlüssig zu sein, ob sie nun die hohe Schule der militärischen Ordnung anpeilen sollten? Oder sollte er doch lieber seinem persönlichen Glück zuzwinkern?
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Fotogalerie (1)1. Weltkrieg (9)
Der Ausdruck seiner Augen war eine Mischung aus schneidiger Borniertheit und Leichtsinn. Aber in dieser Unschlüssigkeit erinnerte das Foto auch irgendwie an eine Karikatur.
Da aber auch die Litzen seine Uniformrockes von
Stockflecken nachhaltig angefressen waren, herrschte bei der Betrachtung des Bildes völlige Unklarheit darüber, welchen militärischen Rang der Großvater wohl eingenommen haben könnte. Mal hieß es, er sei Hauptmann gewesen. Dann wieder kursierte die Version, dass er sogar für den Generalstab vorgeschlagen worden war. Schließlich einigte man sich darauf, dass Großvater auf jeden Fall Offizier gewesen sein musste.
„Aber er hat nie einem etwas zu Leide getan,“ vergaß seine Großmutter nie zu erwähnen. Während sein Vater sagte:
„Natürlich nicht, Mutter.“

Kommentare zum Beitrag

Stefan Walther
4.192
Stefan Walther aus Linden schrieb am 08.01.2011 um 09:47 Uhr
"Aber er hat nie einem etwas zu Leide getan" = klasse Herr Knoll, wie Sie es immer wieder schaffen, oft in einem einzigen Satz, dann die ganze Doppelmoral, die "drei Affen" o.ä. auf den Punkt zu bringen!

Freue mich schon auf Teil 2 !
Peter Herold
26.306
Peter Herold aus Gießen schrieb am 20.03.2011 um 17:58 Uhr
Du hast recht Stefan unbd solltest Dir auch die drei Beiträge "Verdun" ansehen und lesen.
Stefan Walther
4.192
Stefan Walther aus Linden schrieb am 20.03.2011 um 21:47 Uhr
Für mich war dieser Teil der weit aus beste, die Fortsetzungen haben mich etwas enttäuscht.
Hallo Lieber Leser
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von:  Dr. Mathias Knoll

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Interessensgebiet: Gießen
Dr. Mathias Knoll
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