Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

NORDERNEY ( IX )

Gießen | Durch Entbehrung und Krankheit nahezu aufgezehrt, hatte sich Norderney schon damit abgefunden am Ende der Welt zu verkümmern. Nur der ausgeprägten Sensibilität, die den Blinden zum Seher werden lässt, war es zu verdanken, dass dieses maritime Aschenputtel, Norderney, doch noch von dem blinden König Georg von Hannover und seiner Marie entdeckt wurde. Denn die umhegten ihr neues Ferienkind mit gleich bleibender, intensiver Zuwendung, die für ein erfolgreiches Gedeihen der Insel unerlässlich wurde.
Und schon begann Aschenputtel, wenn auch schüchtern, ihre bisher eintönige Mahlzeit von getrocknetem Fisch und Tee abwechslungsreicher zu gestalten. Und irgendwann wechselte sie sogar das erste Kleid.
So wuchs dieses Nordseekind allmählich zur Zufriedenheit seiner Zieheltern heran. Und die beschlossen Aschenputtel endlich hoffähig zu machen. Einem Rattenschwanz von Fürsten, Diplomaten und sonstigem Lametta wurde das schöne Naturkind in der Sommerresidenz vorgestellt.
Plötzlich gehörte es zum guten Ton der damaligen großen Welt, nach Norderney zu reisen. Man wollte an Ort und Stelle die erstaunliche Entwicklung erleben, die das vormals ausgezehrte Nordseegeschöpf genommen hatte.
Mehr über...
Norderney (12)medeasy (543)Dünenschutz (1)
Ursprünglich war auch diese ostfriesische Insel Herrenland. Und der Landesherr, der auf dem Festland saß, verfügte über uneingeschränkte Souveränität. Staatsrechtlich jedoch gehörte Norderney nicht zum Festland, während seine Bevölkerung dem vierten Bevölkerungsstand zugeordnet wurde wie die Juden.
Die Bevölkerung von Norderney waren sozusagen die Juden der Nordsee ohne allerdings ihren Sonderstatus besonders zu spüren.
Da es aber auf der Insel keine freien Eigentümer gab, sondern nur Erbpächter, gab man seinem Herren das, was dem Herren gebührte. Aber das war nicht viel. Allenfalls eine Art Schutzgebühr, um in Ruhe gelassen zu werden. Die Erbpacht bestand vor allem im Fisch für die Fürstentafel.
Der einzige Abgesandte des Hofes, mit dem man allerdings auf der Insel den Alltag arrangieren musste, war der Inselvogt. Er wurde vom Hof bezahlt, verfügte über Polizeigewalt und besaß das Recht Alkohol auszuschenken. Andere politische Rechte hatte er nicht.
Selbst eine auch für Ostfriesland so folgenschwere Zeit wie der 30jährige Krieg ging an Norderney vorbei. Nur 1811 beim Einzug der französischen Besatzung geriet es vorübergehend zwischen die Mühlsteine der Politik. Aber schon die Schlacht bei Leipzig befreite die Notleidende Inselbevölkerung vom französischen Joch.
So wurde diesem Meeresgeschöpf endlich ein vergleichsweise sorgen freies Leben ermöglicht. Das Nordseekind begann sich zu entwickeln und den Erwartungen seines Königs zu entsprechen. Es wurde mit einer großzügigen Aussteuer bedacht und mit Buhnen eingekleidet.
Seitdem sieht Norderney aus der Luft aus wie ein Seeigel, der dem Meer seine Stacheln zeigt.
Diese Insel hat also nicht auf Flugsand gebaut. Da muss kein Haus abgerissen werden, um es an anderer Stelle wieder aufzubauen.
Dabei bleibt natürlich der Reiz der Spekulation. Wo wäre wohl Norderney ohne seine Dämme und Betonbuhnen gestrandet?

Kommentare zum Beitrag

Leider gibt es noch keine Kommentare zu diesem Artikel.
Schreiben Sie doch den ersten!

Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Dr. Mathias Knoll

von:  Dr. Mathias Knoll

offline
Interessensgebiet: Gießen
Dr. Mathias Knoll
7.529
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
PHILO-SOFA
Was wäre die „Geschichte“ ohne ihre Geschichten? Das Leben steckt...
Gedankensplitter zum I. Weltkrieg
Als Konstantin Heinrich Schmidt von Knobelsdorf (General der...

Weitere Beiträge aus der Region

Interessant - Archeologischer Fund auf Baustelle in Gießen
Auf der Großbaustelle in Neustadt wurde überraschenderweise ein...
28. Juli 2014 frisch eingepflanzt 22 cm hoch
Entwicklung meiner Fichte seit 2014
Als kleiner Sprößling etwa 14 cm groß im Garten ausgegraben und in...
Rotdorn im Herbstlaub
Der Herbst zeigt sich
Aus dem Allgäu erreichten mich diese zwei Bilder. Wunderschön der...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.