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Froschgeflüster Nr. 14 – oder: Die magische 21

Charles, der Frosch aus Yei im Sudan
Charles, der Frosch aus Yei im Sudan
Gießen | Soweit ich das aus meiner afrikanischen Froschperspektive beurteilen kann, scheint es sich bei dem Begriff „S21“ um eine neue magische Formel zu handeln. Vielleicht wird jetzt die arme „13“ endlich abgelöst, die immer für alles Unglück herhalten muss.
Wofür steht das „S“ eigentlich? Ach – jetzt fällt's mir wieder ein: Sackbahnhof! „S21“ ist das geheimnisvolle Kürzel dafür, dass man einen Sack-Bahnhof tieferlegen möchte. Der Sack soll zudem ein zusätzliches Loch bekommen, so dass man in das eine Ende hinein- und aus dem anderen Ende wieder hinausfahren kann. Faszinierend! Super Idee! Deshalb treffen sich vor dem alten Sackbahnhof täglich tausende von Menschen, um dieses Ereignis zu feiern. Man muss die Feste feiern wie sie fallen ... logisch.
Wie - falsch geschlussfolgert? Sie meinen, dass da nichts gefeiert, sondern dass da protestiert wird? Na gut. Event ist Event, demnächst bestimmt mit Glühwein. Wenn Sie so schlau sind, dann wissen Sie bestimmt auch noch, warum man 15 Jahre brauchte, um darauf zu kommen, wie das Loch am anderen Ende des Sackes auszusehen hat und wieviel es wohl kostet. Sieben Milliarden? Oha,
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eine Menge Geld für einen getunten Bahnhof. Damit danach alles schneller geht, Opel-Manta-mäßig sozusagen. Eigentlich kann man ja nicht verstehen, dass jemand gegen einen solchen genialen, megamäßigen Fortschritt sein kann. Wegen der paar alten Bäume, die man dafür abholzen muss? Jetzt kommt doch der Winter, da könnte man doch froh sein, wenn es ein bisschen zusätzliches Feuerholz gibt, bei den Gaspreisen.

Was mich das angeht, wollen Sie wissen? Ich sorge mich um Ihre Zukunft. Ich versuche hinter die Faszination von „S21“ zu kommen. Außerdem können Sie doch froh sein, wenn sich außerhalb des Spätzle-Reservates jemand für Ihre Probleme interessiert. Übrigens hat das Ganze auch noch eine pädagogische Dimension – aber die kriegen wir später.
Sehen Sie: In unserer Stadt hat man kürzlich die Straßen verbreitert und dabei hunderte von alten Mangobäumen abgeholzt, ohne mit der Wimper zu zucken. Riesige Mangobäume! Es handelte sich um Naturdenkmale erster Klasse, und die Mangos waren lecker! Da hat sich niemand auf die Bäume gehockt um dagegen zu protestieren. Das wäre auch glatter Selbstmord gewesen, weil die Bulldozer die Protestierer einfach mit untergepflügt hätten. Nein, die Leute hier in Yei sind nun stolz auf ihre breiten Straßen, auch wenn das ab und zu einen Toten oder Verletzten zusätzlich kostet, weil jetzt mal richtig auf's Gas getreten werden kann. Bei uns macht man den Sack also auf diese Weise auf.

Alte Dampfloks in Lilongwe, Malawi
Alte Dampfloks in Lilongwe, Malawi
Wenn ich „S21“ auf meine afrikanischen Verhältnisse umlege, muss ich zuerst feststellen: Hier im Südsudan gibt es weit und breit keinen Bahnhof, weder einen höher- noch einen tiefergelegten. Wenn ich nicht als blinder Passagier mal mit in Karlsruhe gewesen wäre – ich wüsste gar nicht, was ein Bahnhof oder eine Eisenbahn ist. Aber ich fände toll, wenn wir hier endlich eine bekämen – mit Anschluss nach Uganda und Kurswagen nach Entebbe, damit ich auch mal im Viktoriasee baden könnte. Dann müssten Ulli und Elli nicht immer mit diesem kleinen Flieger mitfliegen (da wird’s mir immer schlecht, wenn ich nur daran denke) und könnten sogar in Afrika umweltfreundlich Eisenbahn fahren. Deshalb schlage ich vor: Wenn die Schwaben die sieben Milliarden Euro am Ende gar nicht brauchen, weil sie ja schon einen Bahnhof haben, könnten sie doch einfach für uns eine Eisenbahn bauen. Das wäre endlich mal was Sinnvolles.
Vor allem kriegt man hier doch viel mehr für's Geld als in Deutschland. Hier kennt man keinen Mindestlohn und solches Zeug. Für 10 Euro bekommt man bei uns schon gute Arbeiter. 10 Euro in der Stunde? Nicht doch, am Tag! Das ist hier ein Spitzenlohn! Da kann man für 7 Milliarden allerhand tieferlegen, da bleibt auch noch einiges für diverse Schweizer Konten übrig. Ich denke ja ökonomisch, im Gegensatz zu den meisten S21-Gegnern und im Gegensatz zu den meisten Afrikanern.
Wir deuten das „S“ einfach für „Sudan“, die „21“ für die Anzahl der Jahre, die das Projekt hier brauchen wird, bis es dann mal losgeht – und erklären so ganz nebenbei den Afrikanern die deutsche Ökonomie. Damit die sich endlich mal den Glauben abgewöhnen, das Geld in Europa und Amerika wüchse dort auf Bäumen. Ein irrationaler Gedanke, nicht wahr? Denn wenn es so wäre, würde doch kein Schwabe auf die Idee kommen, die S21-Bäume umzulegen.
Ganz gleich, ob man die Milliarden zum Tieferlegen der Schwäb'schen Eisenbahne benutzt, oder ob man uns damit endlich ans Eisenbahnwesen schließt: In jedem Fall gäbe es jede Menge Leute, die dabei was verdienen könnten. Sie denken jetzt gleich wieder an die bösen Konzerne, Banken und Kapitalisten, aber ich denke an die Arbeiter und Klofrauen, die für S21 angestellt werden und sich vom sauer Verdienten ihre Brötchen kaufen können. Natürlich könnte man die Milliarden auch gleich verfressen, ohne dass jemand dafür arbeiten muss, indem man sie in irgendwelche Sozialkassen stopft. Ökonomisch und schwäbisch wäre das aber nicht, eher afrikanisch.
Was ich mich auch noch frage: Weshalb haben die Schwaben sich ihre sogenannten Volksvertreter eigentlich gewählt? Die sind doch selber Schuld, wenn sie Leute aussuchen, die die Steuergelder womöglich aus dem falschen Fenster werfen. Erst wählen sie diese Typen und dann schicken sie ihre Kinder auf die Demo, die dagegen protestieren sollen, dass die Volksvertreter Motorsägen und Abrissbirnen kaufen.
Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, weshalb jemand seine Kinder auf eine Demo schickt? Ich habe da eine ganz steile pädagogische Theorie. Niemand verhaut gern seine eigenen Kinder, da geben Sie mir bestimmt recht. Außerdem ist es ja verboten. Aber wenn die Polizei jemanden verhaut, handelt es sich um höhere Gewalt. Könnte es sein, dass die Schwaben – sparsam und clever, wie sie nun mal sind – diesen Teil der Kindererziehung an die Polizei delegiert haben? Das wäre dann auch zweckentfremdete Verwendung von Steuergeldern. Aber vielleicht wollen die Schwaben auf diese Weise ihren Solidaritätszuschlag wieder kompensieren, weil der Aufschwung im Osten nun lange genug von ihnen mitfinanziert wurde. Vielleicht sollte man doch mal das Bundesverfassungsgericht anrufen, um das klären zu lassen. Aber das steht in Karlsruhe, bei den Badenern. Und es ist ein anderes Thema ...

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Kommentare zum Beitrag

Bernd Zeun
11.754
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 18.10.2010 um 20:33 Uhr
Das war die Büttenrede für den Stuttgarter Karneval, die Saison geht ja bald wieder los - obwohl, eigentlich ist man dort schon mittendrin.
Hallo Lieber Leser
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von:  Ullrich Drechsel

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Ullrich Drechsel
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