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AUSSATZ & ZAUBERKRAFT

Gießen | Bevor Eura ihr Gleichgewicht verlor, rutschte sie unmerklich aus. Als ihr aber Orf helfen wollte, zischte sie:
"Fass mich nicht an!"
Ich wollte, ich könnte unser Leben wie einen Film betrachten, dachte Orf. Ein Film, der ohne Worte auskommt. Eura lächelte nur abschätzig, als müsste sie ein widerliches Insekt benennen.
Wie lange ist das schon her, dass sie mich anlächelte? dachte Orf. Damals fühlte ich mich oft wie ein heroischer Löwe, weil ich sie beschützen durfte. Aber trotzdem wurde sie nie zu meinem Haustier.
Aber sie konnte nie verzeihen. Und wenn sie glaubte, sich in einem Menschen getäuscht zu haben, war sie noch radikaler in ihrem Urteil.
Eura beobachtete ihn gelangweilt und Orf dachte, unsere Leben zieht sich dahin wie ein endlos fades Kaugummi.
„Deine Familie behandelte mich immer wie eine Aussätzige…,“ zischte Eura, auch wenn sie sich darum bemühte sachlich zu bleiben „Ich war der ungebetene Gast, dem schon bei der Vorspeise klar sein musste, dass er die Rechnung nicht bezahlen konnte. Aber deine Familie kannte mich natürlich besser, als ich mich selbst. Wahrscheinlich haben sie mich deshalb so ausgedacht...“ Eura klemmte die Sektflasche zwischen ihre Knie und öffnete umständlich den Verschluss. „…und irgendwann war ich entschlossen, dass sie mich nie mehr vergißt.“
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medeasy (543)Ehekrieg (29)
Der Sektkorken knallte wie ein Geschoss. Vorn übergebeugt fixierte Eura die Flasche, als entströmte ihr Zauberkraft.
„In dieser Flasche sind die Wunder der Nacht, “ sagte sie theatralisch und füllte mit aufreizender Munterkeit ihr Glas nach.
Sie verstand es schon immer die Realität zu ignorieren, dachte Orf. Aber konnten wir uns überhaupt ein Leben ohne den Anderen vorstellen? Das fragte mich auch der Kommissar. Oder gab es nur dieses eine Leben, in dem wir unerbittlich aufeinander warteten?
Ich hätte ihr beweisen müssen, dass es auch ohne mich ging. Aber dann hätte ich auch sie verlassen müssen.
Die Umstände waren gegen uns, dachte Orf. Das war immerhin sicher. Aber die Umstände hatten uns auch lange Zeit verwöhnt.
„Mir steht es bis da!“ Eura verzog ihr Gesicht, als sei sie ab jetzt zu jeder Grausamkeit bereit. „Halt! Stell die Flasche hin!“ äffte sie gehässig seinen Tonfall und rülpste. Sie schüttelte sich wie ein bockiges Kind, das seine Unerzogenheit genießt.
„Was du unter Freiheit verstehst, sind nur deine schlechten Manieren,“ sagte Orf und bemühte sich um einen sachlichen Tonfall.
„Irgendwann werden auch über dir die Wogen zusammenbrechen,“ raunte sie. „Meine Kinderträume jedenfalls werde ich nicht verraten.“
Orf blies gelangweilt die Flusen von seinem Jackett und Eura schwieg wie ein Denkmal. Er betrachtete sie mit der kühlen Sachlichkeit eines Regisseurs:
Waren ihr die Worte ausgegangen? Oder hatte sie sich mit ihrem Schweigen verbündet?

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von:  Dr. Mathias Knoll

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Dr. Mathias Knoll
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