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Wenn man die falsche Sache klaut. Ein interkulturelles Streiflicht aus dem Alltag der EPC Clinic in Yei, Südsudan.

Jaqueline - eine Pharmazie-Assistentin in der EPC-Clinic
Jaqueline - eine Pharmazie-Assistentin in der EPC-Clinic
Gießen | Die Evangelical Presbyterian Church (EPC) in Yei baut ein kleines Krankenhaus auf – hier nennt man so etwas „Clinic“. Ein kleines Team deutscher Entwicklungshelfer ist dabei behilflich.
Das Motto: „Wir behandeln. Gott heilt.“
Fünf Jahre nach einem furchtbaren Krieg hängen solche Einrichtungen normalerweise am Tropf irgendwelcher ausländischer Organisationen. Die EPC-Clinic dagegen ist eine ökonomisch selbständige Einheit, die ihre laufenden Kosten vollständig aus eigenen Einnahmen deckt. Nur für einmalige Investitionen wird nach externer Unterstützung gesucht.
Für den deutschen Entwicklungshelfer, der übergangsweise die Rolle des Verwaltungsleiters inne hat, ist jeder Tag spannend. Selbst dann, wenn sich nur Kleinigkeiten aneinander reihen. Spannend auch die Frage, die er sich mehrfach täglich stellen muss: Welche Entscheidungen und Aktionen überlässt man den einheimischen Mitarbeitern – und welche muss man tatsächlich immer noch selbst fällen und verantworten? Wen aus der riesigen Schar junger Leute, die nicht nur eine schlechte Schulbildung genossen haben, sondern durch den Krieg und seine Folgen auch charakterlich
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deformiert sind, könnte man trotzdem ausbilden? Wem davon könnte man auch mal einige tausend sudanesische Pfund anvertrauen, ohne dass ein Teil davon sozusagen privat „angelegt“ wird? Wie viel Eigenständigkeit kann man ihnen zutrauen oder zumuten? Wie viel Kontrolle bleibt notwendig?
Die Reinigungskraft hat Medikamente geklaut. Die morgendliche Abwesenheit der beiden Pharmazie-Assistenten im Medikamentenlager hat sie genutzt, um während des Saubermachens ein paar Dosen Tabletten mitgehen zu lassen. Herauszufinden, dass ausgerechnet sie es gewesen sein muss, war nicht schwer. Sie hat die billigsten genommen. Jemand mit dem Wissen, was Medikamente hier im Wiederverkauf kosten, wäre gezielter vorgegangen und hätte die teuersten eingesteckt. Die Frau wird vermahnt und darf das Lager nicht mehr betreten. Die anderen Mitarbeiter haben das vorgeschlagen. Denn die Regel ist: Wenn der Lagerbestand nicht stimmt, weil jemand was geklaut oder anderweitig vermasselt hat, müssen alle dafür bezahlen. Es sei denn, man weiß, wer der Dieb ist – dann wird dessen Gehalt reduziert.
Natürlich steckt hier jeder Job voller Versuchungen. Stehlen ist in Afrika keine Schande. Eine Schande ist es, erwischt zu werden. Wenn die Reinigungskraft ihr kleines Monatsgehalt von 100 Pfund (ca. 30 Euro) mit den Tageseinnahmen der Clinic in Höhe von rund 1000 Pfund vergleicht, fragt sie sich natürlich, wieso sie nicht mehr vom scheinbar großen Kuchen abbekommt. Mindestens einmal im Monat versucht deshalb der Entwicklungshelfer, allen Mitarbeitern der Clinic einen möglichst durchschaubaren Einblick in die finanziellen Verhältnisse der Clinic zu geben. Wer aber schon die allereinfachsten Rechenexempel nicht nachvollziehen kann, dem kann man kein ökonomisches Grundverständnis abverlangen. Das Wechselspiel zwischen Soll und Haben, Einnahmen und Ausgaben, die erstrebenswerte Ausgewogenheit zwischen Investitionen, laufenden Kosten, Gehältern, Rücklagen und Gewinn zu begreifen, ist für die meisten Sudanesen ein Buch mit mehr als sieben Siegeln.
Einige Wochen später wurde die Reinigungskraft dabei erwischt, wie sie abends mit ein paar Plastikstühlen, die ihr nicht gehörten, das Clinic-Gelände verließ. Ihre Beteuerungen, dass sie sich die Stühle eigentlich nur leihen wollte, erwiesen sich als fadenscheinig, und sie wurde entlassen.
Die nächste Reinigungskraft stellte sich vor, wurde angenommen und begann ihren Dienst mitten im Monat. Logischerweise – möchte man meinen – bekommt man dann natürlich nicht das volle Gehalt. Nach der ersten Gehaltszahlung blieb die Frau der Arbeit fern, niemand wusste, warum. Jemand aus dem Clinic-Team ging zu ihr und erfuhr, dass sie sich geärgert hatte. Schließlich seien ihr 100 Pfund Gehalt versprochen worden, aber der Weiße habe ihr nur 66 ausgezahlt.
Langwierige Erklärungen und Gespräche folgten. Die Frau versteht nur einen sudanesischen Dialekt, es musste also alles übersetzt werden, was der Geschäftsführer ihr erklären wollte. Der Übersetzer versuchte ihr klar zu machen, dass sie im laufenden Monat auch kein volles Gehalt erwarten könne, denn sie sei ja der Arbeit ferngeblieben, ohne Genehmigung. Wieso? Ihr seien doch 100 Pfund versprochen worden. Neue Erklärungsversuche, diesmal unter Zuhilfenahme der Anwesenheitsliste. Die Frau kann nicht lesen und schreiben, sinnlos, ihr eine Excel-Tabelle mit Haken und Kringeln und Strichen zu erläutern. Komischerweise wissen dennoch die meisten Sudanesen ein Mobiltelefon zu bedienen. Fortschritt ohne Wissen, mit einem Fuß im Mittelalter und mit dem anderen im Zeitalter globalisierter Kommunikation. Spannender - manchmal müsste man sagen: verrückter - geht es eigentlich kaum noch.

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Kommentare zum Beitrag

Simone Linne
5.033
Simone Linne aus Gießen schrieb am 13.08.2010 um 11:17 Uhr
Wieder mal ein wunderbarer Blick über den berühmten Tellerrand - bis nach Afrika!
Ilse Toth
18.454
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 13.08.2010 um 13:34 Uhr
Hallo nach Afrika! Schön, dass Sie uns an Ihrem Leben im Sudan teilnehmen lassen. Danke!
Ilse Toth
18.454
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 13.08.2010 um 13:35 Uhr
Hallo nach Afrika! Danke, dass Sie uns an Ihrem Leben im Sudan teilnehmen lassen mit ihren interessanten Berichten.
Rita Jeschke
2.800
Rita Jeschke aus Gießen schrieb am 18.08.2010 um 15:55 Uhr
Immer wieder interessant - Dinge, über die man sich sonst nicht wirklich Gedanken machen würde. Viele Grüße nach Afrika :-)
Ullrich Drechsel
1.637
Ullrich Drechsel aus Gießen schrieb am 19.08.2010 um 08:01 Uhr
... vielen Dank! Und herzliche Grüße zurück!
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von:  Ullrich Drechsel

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Ullrich Drechsel
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