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Sprechgesang und Performancekunst mit dem „Revisor“ im Stadttheater

Gießen | Die Lage ist ernst, es kommt ein Revisor! Und ein jeder in der Stadt hat Dreck am Stecken... Die Komische Oper rund um den schlitzohrigen Chlestakow von Werner Egk hat am Sonntag Premiere im Stadttheater gefeiert. Das außergewöhnliche Musiktheater wurde live im Hörfunk übertragen hat für zweieinhalb Stunden gute Unterhaltung gesorgt.

Der Fremde im Gasthaus, den alle für den angekündigten Revisor halten, ist ein abgehalfterter Spieler, der kaum die Rechnung für sein Zimmer bezahlen kann. Auch wenn er nicht der Klügste ist, weiß er doch die Verwechslung zu nutzen. Es schmeichelt seiner Eitelkeit, von der Elite der Stadt umgarnt zu werden. Der Scharlatan lässt sich sogar zur Behauptung hinreißen, er habe „Figaro“ komponiert. Das System der Korruption ist jedoch so eingeschworen, dass niemand das Verwirrspiel hinterfragt.

Cathérine Miville inszenierte als Intendantin in Gießen zuletzt „Der Konsul“, „Der Gott des Gemetzels“ und einen Opern-Doppelabend mit „Gala Gala/X-Mal Rembrandt“ und „Vanessa“. Ihre Bühne von Lukas Noll ist sehr weiß und abstrahiert, sie dient gleichzeitig als Stadt am Hügel, Treppe, Privathaus und Amtsstube. Die Inszenierung sowie die Kostüme sind zeitlos gehalten, so dass sich das Geschehen jederzeit und überall abspielen könnte.
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Theater (410)Oper (48)
Der Kanadier Dan Chamandy gibt selbstbewusst und mit wallendem Haar die Hauptrolle. Von 1999 bis 2006 war er am Landestheater Innsbruck engagiert, in Gießen war der Tenor schon häufig zu Gast. Immer an seiner Seite ist Ensemblemitglied Stephan Bootz, der als kluger Diener Ossip auch schauspielerisch zu überzeugen weiß.

Besonders viel Applaus bekamen die MusikerInnen des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Herbert Gietzen. Werner Egk, der während des Nationalsozialismus extrem erfolgreich war, komponierte den „Revisor“ für die Schwetzinger Festspiele 1957. Die satirische Vorlage stammt aus der Feder des russischen Schriftstellers Nicolai W. Gogol. Egk (1901-1983) verschlankte für sein Libretto den Plot und reduzierte das Ensemble von 24 auf 13 Figuren. Nach anfänglichen Erfolgen wurde die Oper allerdings vergessen, Miville plante schon lange, sich des Stoffes anzunehmen. Der Stil ist neoklassizistisch, nimmt aber kosmopolitische Anleihen beim Volkslied, Kinderlied und Chanson. Was das Werk besonders reizvoll macht, sind die sehr textlastigen Dialoge, die manchmal in einen sehr eigentümlichen Sprechgesang übergehen.
Carla Maffioletti und Dan Chamandy
Carla Maffioletti und Dan Chamandy
Ebenso außergewöhnlich sind die Choreographien der weiß gekleideten und geschminkten „Electric Dance Theatre“ aus Frankfurt. Die vier Performancekünstler dienen als Tänzer des Traumbaletts im dritten Akt und begleiten die Aufführung als stumme Journalisten, Kellner und Bühnenarbeiter. Neben Pantomimen und derben Witzen sorgte Lokalkolorit mit Dinos am Rathaus und Essen in der Mensa der Uni für Lacher.

Doppelgesichtige Beamten werden gesungen von Alexander Herzog (Bobtschinskij), Matthias Ludwig (Dobtschinskij), Christian Richter (Mischka), August Schram (Postmeister), Patrick Simper (Kurator) und Axel Wagner (Richter). Im letzten Akt singen sie als Höhepunkt mit neun Stimmen ein langes Stück a capella. Die Sopranistinnen Odilia Vandercruysse und Henrietta Hugenholtz bringen in Op-Art Kleidern im Stil der 70er Jahre Schwung in die Kleinstadt, eine Stehparty gerät außer Kontrolle. Peter Paul singt in kräftigem Bariton den Stadthauptmann, ebenfalls als Gast ist Martina Borst als seine Frau zu erleben. Zusammen mit ihrer Bühnentochter Marja (Carla Maffioletti) hat sie nur ihr Spiegelbild im Kopf und beide lassen sich gerne von fremden Beamten umgarnen. Der Täuscher wird übermütig und will schließlich die Tochter heiraten. Doch am Ende kommen die Rechnung und der echte Revisor. Der Bräutigam ist vorübergehend verreist.

Weitere Vorstellungen am 28. Mai, 12., 20. und 26. Juni sowie 1. Juli, jeweils 19.30 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters

 
Carla Maffioletti und Dan Chamandy
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Stephan Bootz und Dan Chamandy
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Choreographie des Electic Dance Theatre
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Kommentare zum Beitrag

Simone Linne
5.041
Simone Linne aus Gießen schrieb am 18.05.2010 um 14:08 Uhr
Werner Egk und Schwetzingen - kann ich allen Opernbegeisterten nur empfehlen. Und von Gießen nach Heidelberg ist es ja keine Weltreise. Erst ein wenig im Garten flanieren und danach ins plüschige Theater. Lohnt sich, außer man hat einen doofen Platz hinter einer Säule oder zu sehr am Rande, darauf sollte man beim Kartenkauf achten!
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von:  Fiona Sara Schmidt

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Interessensgebiet: Gießen
Fiona Sara Schmidt
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