Gießen | „Man sieht nur das, was man weiß“ ist eine alte Weisheit aus dem Reiseführer. Die DGB-Jugend Mittelhessen hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte des Nationalsozialismus vor Ort zu vermitteln, damit besonders junge Menschen die Vergangenheit kennen und daraus Schlüsse für heutige Entwicklungen ziehen können.
Ein Vortrag eröffnet die antifaschistische Stadtführung im Dachsaal des Gießener Gewerkschaftshauses, alle sind ein wenig nervös. Seit 1989 findet der erste öffentliche Rundgang statt, zu dem sich 20 Personen eingefunden haben. Ulf Immelt, der wissenschaftliche Betreuer des Projektes, fasst prägnant zusammen, was alle eigentlich schon aus dem Geschichtsunterricht wissen. Sein Vortrag beginnt nicht erst bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, sondern bereits im Jahr 1918. Er erläutert, wer die NSDAP wählte, wer das Regime unterstützte und wer finanziell profitierte und beschreibt den Terror gegen Andersdenkende, gegen Demokratie und Menschenrechte, welcher in der Ermordung von etwa sechs Millionen Juden gipfelte. Historische Bilder der Stadt stimmen auf die nun folgende Zeitreise ein. Sie wird zu Tätern, Opfern, Widerstand und Befreiern führen.
Um Gießen in der Zeit zwischen 1933 und 1945 erlebbar zu machen, wurden 13 Guides qualifiziert. Zwei davon sind Josephine und Vincent, beide 24 Jahre alt und angehende Erziehungswissenschaftler. In ihrer Gruppe finden sich ganz unterschiedliche Menschen: Ein Verdi-Mitglied testet den Spaziergang für seinen Betrieb, Schülerin Tina hat ihre Mutter mitgebracht. Sie findet das Thema in ihrem Unterricht unzureichend behandelt und wird das DGB-Angebot in das Lehrerzimmer ihrer Schule weitertragen. Der Rundgang soll nicht altbacken gestaltet sein, sondern das Thema Faschismus gerade für junge Leute in unserer Stadt darstellen, sagt Josephine. Für Schulklassen und Studierendengruppen ist die Tour kostenlos, außerdem wird ergänzend eine Busfahrt zu entfernter liegenden Stationen angeboten. Anlass für die ersten Stadtrundgänge und die dazu gehörige Publikation im Jahr 1989 war das erneute Erstarken des Neofaschismus in Mittelhessen. Die kürzlich erschienene Neuauflage der Broschüre bietet außerdem einen Überblick zu den Entwicklungen und Strategien der extremen Rechten in Gießen und Umgebung.
Station sieben ist der ehemalige Standort der orthodoxen Synagoge. In der Steinstraße
lag auch bereits 1938 die Feuerwehr an ihrem heutigen Standort. Doch in der Nacht der Novemberprogrome vom 9. auf den 10.11.1938 blieb sie untätig, als die Synagoge direkt gegenüber abbrannte. Auch in der Innenstadt kam es zu Übergriffen, Verhaftungen und Zerstörungen. Die Stadt verlangte von den jüdischen Geschäftsleuten, selbst mit dem Besen die Scheiben ihrer kaputten Schaufenster zusammenzukehren.
Etwa 300 Meter entfernt und sieben Jahre später in der Geschichte befindet sich die nächste Station am Neustädter Tor. Gießen wurde nicht erst am 8. Mai, sondern bereits am 28. März von den US-Truppen befreit. Sie kamen aus der Weststadt, Wehrmachtsangehörige versuchten die Brücke noch zu sprengen. Die Guides zeigen ein Bild, das im Gedächtnis bleibt: auf einem Foto der erste amerikanische Soldat, der sich ganz allein in die zerbombte Innenstadt vorwagt.
Weiter geht es zum früheren Vereinslokal der SS, dem „Württemberger Hof“, wo heute in der Bahnhofstraße ein Nachkriegsbau steht. Passanten beim Samstagseinkauf gucken immer wieder interessiert oder bleiben kurz stehen, um kurz zuzuhören. 855 Juden lebten 1933 in Gießen, nach den verschärften Rassengesetzen desselben Jahres wären es noch mehr gewesen. Wer nicht emigrieren
konnte, musste im Ghetto in der Walltorstraße und Landgrafenstraße leben. Im September 1942 wurden alle jüdischen Bürgerinnen und Bürger von der Goetheschule aus nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert. Am 2. März 1943 meldete der Gießener Oberbürgermeister Hill: „Gießen ist judenfrei“. Heute erinnert eine Tafel an der Goetheschule an die Deportation, vor zahlreichen Wohnhäusern überall in der Stadt erinnern „Stolpersteine“ an die damaligen Bewohner – kleine in das Pflaster eingelassene Erinnerungstafeln. Mittlerweile in ganz Europa etabliert, verlegte der Künstler Gunter Demnig die ersten Gedenkplatten 1995 noch ohne Genehmigung.
In der Nähe der Johanneskirche traf sich der Kauffmann-Will-Kreis, eine 1942 niedergeschlagene Widerstandsgruppe, im Hauptgebäude der Universität wird die akademische Gleichschaltung beleuchtet. Wir sehen uns eine Gedenktafel an, die an die Opfer unter dem akademischen Personal erinnert. Die damalige Ludwigs-Universität ordnete sich reibungslos der Gleichschaltung durch das NS-Regime unter und wurde als letzte deutsche Hochschule erst 1957 wieder eröffnet. Die Opfer wurden extrem spät, nach knapp 60 Jahren, rehabilitiert. Leider befindet sich eine Gdenktafel versteckt in einem schlecht zugänglichen
Konferenzsaal. Ein Anlass, während des Rundgangs wieder der Umgang mit Erinnerung zu thematisieren. So kommt etwa am Kirchplatz die Diskussion auf, ob der Stein zum Gedenken der Opfer des Faschismus nun direkt neben dem Gedenkstein für die Opfer des Luftangriffs stehen darf. Eine Relativierung?
Station 19 befindet sich in der neuen Bäue 23, wo früher das Bankhaus Herz untergebracht war. Der Besitzer wurde 1938 enteignet, im Gebäude war fortan das Gestapo-Gefängnis untergebracht. Auch die Gießener Antifaschistin und wichtige Zeitzeugin Ria Deeg war hier inhaftiert. Der Rundgang endet nach 21 Stationen in gut dreieinhalb Stunden. Auf dem Weg berichten die Guides vom Widerstand in verschiedenen europäischen Ländern, der Stadtrundgang ist ein Anlass, sich auch mit weniger greifbaren Aspekten der Geschichte zu beschäftigen. Und auch nach der Tour bleiben die besuchten Orte mit ihren Geschichten vor dem inneren Auge im Stadtbild präsent.
Nächste Termine: Samstag, 3. Juli und 4. September, jeweils 14.00 Uhr. Treffpunkt Gewerkschaftshaus in der Walltorstraße. Weitere Informationen und Anmeldung unter
http://www.region-mittelhessen.dgb.de