Gießen | Wer glaubt, dass die Discomusik ihre Blütezeit in den 70er und 80er Jahren hatte und heute nicht mehr ganz so populär ist, der irrt gewaltig. Denn auch Funkmusik passt prima in die Disco, und davon gab es für gut 2000 Besucher am Dienstagabend in der Gießener Hessenhalle jede Menge auf die Ohren. "Jan Delay & Disko No. 1" hießen die Gäste, die für eine schweißtreibende Show in der großen Halle 1 sorgten. Wem es gelungen sein sollte, an diesem Abend bewegungslos zu verharren, der muss entweder taub sein oder bereits tot, denn selbst Nicht-Fans der genannten Musikrichtungen dürften an diesem Abend mit dem Zappelvirus infiziert worden sein. Dafür sorgten nicht nur die grandiosen Musiker von Delays Begleitband "Disko No. 1" mit den reizenden Backgroundsängerinnen, den "Delaydies", sondern auch der überaus fette und klare Sound - wenn man bei dem Hamburger und seinem markanten nasalen Genuschel überhaupt von "klar" sprechen kann. Textlich verfolgen kann man die Jan-Delay-Songs nämlich nur schwer, aber primär soll man dazu ja auch tanzen. "Disko No. 1" tun ihr Übriges: Während die Bläserfraktion aus Lieven Las Vegas
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(Sax), Käptn Kaczka (Trompete) und Johnny Johnson (Posaune) ihr Stück Funk und Ska einbringt, trällern die dunkelhäutigen Delaydies in glasklarem Sound und auch Ali Bass holt dank ausgereifter Slappingtechnik funkige Klänge aus seinem Instrument. Im Mittelpunkt der Tournee steht Delays aktuelles Album "Wir Kinder vom Bahnhof Soul", das durch und durch von Funk, Dub und Disco geprägt ist. Auch Latin- und Reggaeanleihen sind zuweilen spürbar bei dem Konzert. HipHop lässt das Nordlicht in seiner Show zusehends vermissen, hatte er sich doch dafür als Vorgruppe den Hamburger Kollegen "Das Bo" geholt, der zuvor zusammen mit DJ Mad dem Publikum richtig eingeheizt hatte.
Dass der Funke so schnell überspringt und das Publikum in Wallung gerät - Delays Ziel: 100 Grad Celsius in der Halle und Brandblasen in den Gesichtern der Fans - mag vor allem daran liegen, dass der knochige, blasse Hamburger mit dem Hut vom ersten Moment an Vollgas gibt. Er hastet von einem Ende der Bühne zum anderen, performt und lässt das Publikum mitmachen und mitsingen. Bizarr sieht er aus, mit seinem zu knochigen Schädel und dem dünnen Bartflaum, doch Stil hat er, der Jan Delay. Die weiße Krawatte und den Hut nimmt er das ganze Konzert über nicht ab, nur das Jacket
legt er schnell ab. Sein purpurfarbenes langärmeliges Hemd und die Jeans sind schon nach der Häfte des Konzertes triefend nass. Und dennoch fordert er die Band, die Fans und sich selbst zu immer neuen Höchstleistungen auf. Die ironisch-tanzbare Hymne auf seine Branche, "Showgeschäft", die smarte Single "Large" oder das groovige "Abschlussball" bringen Stimmung in die Halle. Doch auch gefühlvolle Balladen hat Jan Eißfeldt, wie er im bürgerlichen Leben heißt durchaus drauf, wie er mit dem Titel "Ein Leben lang" beweist. Bei seinem Hit "Oh, Johnny" fordert er das Publikum auf, mit Handtüchern oder Kleidungsstücken helikopterartige Bewegungen über dem Kopf zu machen, was wenigstens für einen kurzen Moment einen kleinen Luftzug in die Halle bringt. Auch bemerkenswert: Jan Delay ist ein Meister von Zitaten und Covers, oft lässt er sogar ein Stück in das nächste übergehen. Egal, ob "Word Up" von "Cameo", "Everybody" von den "Backstreet Boys" oder auch der Rapsong "This is how we do it" von Montell Jordan werden verarbeitet und in ein neues Gewand gepackt. Im Funk- und Diskogewand machen den Zuhörern auch 90er-Jahre-Eurodance-Nummern wie "Technotronics" "Pump up the Jam" oder "U Can't Touch this" von MC Hammer Spaß. Alles in allem ist das Konzert eine riesige Party, bringt auch Hits wie "Klar" oder "Feuer" mit nach Gießen. Bei allem Spaß möchte der Hamburger aber auch nicht auf ein wenig Politik und Attitüde verzichten, mobilisiert die Mittelhessen zu einer Geräuschoffensive gegen Roland Koch , oder nimmt den einstigen DSDS-Sieger Tobias Regner oder "Scooter"-Frontmann H.P. Baxxter auf die Schippe. Ausgerechnet eine Melodie von "Scooter" ist es dann, die das Gießener Publikum als neuen Schlachtruf für Konzerte erwählt, denn Delay hält "Seven Nation Army" dafür mittlerweile für zu abgelutscht. Doch auch wenn Delay Roland Koch regelrecht disst: Das Konzert bleibt eine große Party. Kein Wunder, dass es mit einem Cover von "Deichkinds" "Remmi-Demmi" abschließt.